Jupp Heynckes geht nicht oft in die Einzelkritik, wenn es wirklich Kritik ist.
Doch der Bayern-Trainer ist aufrichtig genug, um auf eine Frage eine ehrliche Antwort zu geben. Die Frage nach seiner Einschätzung der Leistung von Javier Martinez, dem 40 Millionen Euro teuren Neuzugang von Athletic Bilbao, kommt oft.
Beim 1:0 beim OSC Lille in der Champions League ließ ihn der 67-Jährige erstmals über die volle Spieldistanz ran. "Es ist meine Aufgabe, ihn sukzessive einzubauen. Ich hatte da so ein Bauchgefühl. Gestern und vorgestern im Training hat er gezeigt, was er drauf hat", begründete Heynckes die Hereinnahme.
"Zu passiv - zumindest in der ersten Halbzeit", lautete danach nun bereits zum zweiten Mal sein Vorwurf an den Spanier. Schon nach Martinez' Startelf-Debüt gegen den FC Valencia (2:1) hatte Heynckes diese Worte verwendet.
Zehn Pflichtspiele, eine Flanke
Niemand beim FC Bayern erwartete sofort Wunderdinge von ihm. Jeder weiß, dass der Druck für den 24-Jährigen aufgrund der exorbitanten Ablösesumme und dem damit einhergehenden Attribut "Rekordtransfer" groß genug ist.
Allerdings: Richtig neu ist Martinez mittlerweile nicht mehr, zehn Pflichtspiele hat er auf dem Konto. Die Anforderungen wachsen stetig und mit dem formstarken Luiz Gustavo sitzt ihm ein ebenbürtiger, wenn nicht aktuell sogar leicht besserer, Konkurrent im Nacken.
Im Vergleich wirkt Martinez zwar solide und technisch sauber, doch nach einer langen vergangenen Saison, der EURO, Olympia und einer durch das Wechsel-Hickhack mit Bilbao zerstückelten Vorbereitung auch schnell müde und häufig ohne Körperspannung.
Die Räume stellt er gut zu, beim Spiel nach vorne tut er sich schwer. Wichtige Impulse? Kaum. Eine Flanke auf Toni Kroos zum 3:1 im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 war bislang sein einziges Glanzstück.
Natürlich wird Martinez nicht an seinen Darbietungen in der Offensive gemessen, spektakulär war er noch nie und wird es wohl auch nie werden. Seine Aufgabe besteht darin, Bastian Schweinsteiger so abzusichern, dass dieser sich frei entfalten kann.
Das Gesamtpaket muss passen
Dennoch muss bei einem teuren Neuzugang wie ihm das Gesamtpaket stimmen, die Bosse auf der Ehrentribüne sehen es gerne, wenn die Profis einen Teil ihrer Ablöse sozusagen "wieder zurückzahlen". Noch sind sie geduldig und geben ihm die Zeit.
Martinez selbst, der beim Bankett im Mannschaftshotel leicht humpelte, war immerhin zufrieden mit sich in Lille. "Dass ich 90 Minuten gespielt habe, war sehr wichtig für mich. Ich versuche, mich in jedem Spiel zu verbessern und das Beste aus mir rauszuholen. Dafür trainiere ich jeden Tag sehr hart", sagte er.
Insgesamt sei die Partie gegen die bissigen "Doggen" schwierig gewesen, fügte er an. "Die sind um ihr Leben gerannt, wir haben diszipliniert dagegen gehalten", konstatierte der Baske.
Im zweiten Abschnitt steigerte er sich tatsächlich, das bereitet Hoffnung. Auch Heynckes nahm das lobend zur Kenntnis. Ihm ist bewusst, dass es noch Zeit braucht, bis Martinez seinen Platz finden wird. Mit dem Faktor Zeit ist es an der Säbener Straße bekanntlich so eine Sache. Und in Spanien wird er in erster Linie als Innenverteidiger der Zukunft gesehen.
Hoeneß erwartet einiges
Uli Hoeneß, derzeit in fulminanter Redelaune, sieht Martinez jedenfalls als den entscheidenden Faktor, um in naher Zukunft die Champions League zu gewinnen. "Javi wird uns dabei helfen, sehr bald in Europa ganz nach oben zu kommen", sagte der Präsident vor kurzem.
Sehr schnell braucht Martinez nun eine Partie, in der er sein herausragendes Potenzial auch auf den Rasen bringt. Ansonsten wird die Frequenz der kritischen Fragen nach seiner Leistung garantiert nicht geringer.
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