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    Bundesliga - Borowka: "Krank bis an mein Lebensende"

    Er war Nationalspieler, Deutscher Meister, Europapokalsieger - und schwer alkoholabhängig. Im emotionalen Interview der Woche spricht der ehemalige Fußball-Profi Uli Borowka mit eurosport.yahoo.de über sein Leben.

    Herr Borowka, Sie waren ganz oben, wurden zweimal Deutscher Meister, Europapokalsieger - und als Alkoholabhängiger ganz unten. Wo befinden Sie sich heute mit 50 Jahren?

    Uli Borowka: Ich befinde mich im gesicherten Mittelfeld, worüber ich sehr froh bin. Früher hätte mich aber nicht damit zufrieden gegeben (lacht).

    Welche Gedanken schießen Ihnen heute in den Kopf, wenn Sie an Alkohol denken?

    Borowka: Es gibt ein Zitat von Tony Adams (ebenfalls ehemaliger alkoholabhängiger Fußball-Profi aus England, d. Red.), mit dem ich mich viel ausgetauscht habe und das ich so unterschreiben kann. "Wenn ich mich nach Alkohol sehnen würde, würde ich mich nach dem Tod sehnen."

    Sie haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Wie nah waren Sie dem Tod?

    Borowka: Sehr, sehr nah - das eine oder andere Mal.

    Dabei hatten Sie als Fußballprofi einen Beruf, von dem viele träumen. Wie kam es zu diesem brutalen Absturz?

    Borowka: Ich war gefangen in meinem Körper. Ich habe mir eine Ritterrüstung angezogen und bin da nicht mehr rausgekommen. Es war ein Genuss, der härteste Abwehrspieler der Bundesliga zu sein. Das Blöde war nur, dass ich in dieser Rolle nach außen keine Gefühle zeigen durfte. Ich war komplett gefangen.

    Auch privat?

    Borowka: Ja, ich habe die Ritterrüstung auch im Privatleben getragen, in der ich jeden Menschen angemacht habe, keine Gefühle und keine andere Meinung zugelassen habe. Das ging dann soweit, dass ich das Ventil Alkohol brauchte, um mal vier, fünf Stunden Ruhe vor mir selbst zu haben.

    Sie waren der harte Hund, der Eisenfuß, die Axt...

    Borowka: Genau. Es wäre schlecht gewesen, wenn ich mal gezeigt hätte, dass ich auch ein normaler Mensch war. Dann wäre mein Image wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Das musste ich alles mit mir selbst ausmachen - eine fatale Geschichte im Profisport. Ich habe alles in mich hineingefressen und brauchte den Alkohol, der alles erträglicher gemacht hat.

    Fußball-Profi und Alkoholiker - wie passt das überhaupt zusammen?

    Borowka: Natürlich haben es viele bemerkt, Trainer, Kollegen, Journalisten, dass ich getrunken hatte. Man kann mir vieles vorwerfen, aber nicht, dass ich auf dem Platz keine Leistung gebracht habe. Die hat immer gestimmt. Ich habe wahnsinniges Glück gehabt, dass mein Körper das über so viele Jahre mitgemacht hat. Mein Körper hat - festgestellt durch Untersuchungen - nachweislich die Gifte schneller abgebaut als normal. Das war eine glückliche Fügung.

    Was war das normale Pensum an Alkohol für Sie pro Tag?

    Borowka: Es waren verschiedene Phasen. Die psychische Abhängigkeit begann um 1984 herum, dann wurde es über die Jahre mehr, weil der Körper mehr brauchte. Der brutale Absturz begann Mitte '96. Dann ging es schon in die Rubrik von einem Kasten Bier, eine Pulle Wodka, eine halbe Flasche Whiskey und obendrauf noch ein paar Magenbitter. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich heute darüber spreche.

    Hat es Ihnen einen zusätzlichen Schlag versetzt, dass Ihr Verein Werder Bremen, Sie nicht mehr haben wollte?

    Borowka: Natürlich. Damals war ich enttäuscht, ich war sauer. Ich hatte sowieso die Ansicht, dass jeder etwas gegen mich hatte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber aus heutiger Sicht war das vollkommen nachvollziehbar, nach den ganzen Aktionen, die ich mir geleistet habe. Für den Verein war es schwer, an jemandem wie mir festzuhalten.

    Hat Sie niemand aufgefangen oder gesagt: "Junge, so geht es nicht weiter mit dir!"?

    Borowka: Doch, doch. Der damalige Werder-Präsident Dr. Franz Böhmert war ein ganz liebenswerter Mensch. Er hat mich auf mein Alkoholproblem angesprochen und gesagt: "Uli, da muss was gemacht werden und ich kann dir dabei helfen."

    Was haben Sie ihm geantwortet?

    Borowka: Ich habe gesagt: "Ach was, so schlimm ist es ja nicht." Danach habe ich mich umgedreht und höchstens zwei Minuten darüber nachgedacht. Ich habe nichts zugelassen. Ich habe keine andere Meinung zugelassen. Die Flasche war wichtiger.

    Was war mit Trainer Otto Rehhagel oder Ihrer damaligen Frau?

    Borowka: Sie waren ohnmächtig. Sie wollten mich schützen, hatten aber keine Chance. Ich habe nichts zugelassen! Ich habe stattdessen Streit angefangen mit den Menschen, damit ich meine Ruhe habe. Ich hatte ja meine Ritterrüstung an.

    Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute über diese schwere Zeit sprechen?

    Borowka: Es ist wie ein schlechter Film. Es wühlt mich auf und es geht mir nah. Doch ich weiß, dass alles zu mir gehört. Der Fußball gehört zu mir - genauso wie die grauselige Zeit. Titel zu gewinnen, war klasse. Doch was ich hier seit zwölf Jahren im Kampf gegen meine Alkoholkrankheit bewerkstellige, muss ich 100 Mal höher bewerten. Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod - bei mir schon. Ich bin krank bis an mein Lebensende.

    In Ihrem Buch "Volle Pulle" schreiben Sie von Ihrem Selbstmordversuch, von häuslicher Gewalt gegen Ihre Frau und Kinder, Blackouts nach Alkohol-Eskapaden, Unfällen. Schämen Sie sich dafür?

    Borowka: Ja, ich schäme mich dafür. Dafür, was ich meiner Familie angetan habe und anderen Menschen.

    Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer damaligen Frau und Ihren Kindern?

    Borowka: Leider Gottes ist das nicht so wie ich es mir wünsche. Ich habe nur ab und an mit den Kindern Kontakt. Ich würde mir wünschen, dass wir eine Vertrauensbasis aufbauen können. Dass wir vielleicht Gespräche führen könnten. Vielleicht gibt es eine Chance.

    Haben Sie eigentlich bemerkt, dass Sie süchtig waren?

    Borowka: Nein, bis zur Ankunft in der Entzugsklinik, ein Donnerstag, zwischen 12 und 13 Uhr, war ich nicht der Meinung, dass ich ein Alkoholproblem habe. Auch in den ersten Tagen in der Klinik war ich davon überzeugt, dass ich dort nicht hingehöre.

    Wer hat Sie in die Klinik gebracht?

    Borowka: Meine Freunde aus Gladbach, Christian Hochstätter und Wilfried Jacobs, haben mir hinter meinem Rücken einen Platz organisiert und mich dort hinfahren lassen. Den beiden verdanke ich mein Leben.

    Ein vermeintlich Gesunder in einer Klinik...

    Borowka: Mir wurde schnell vor Augen geführt, wie ernst die Lage ist. Dort waren Patienten, dir nur noch einige Tage zu leben hatten oder sich selbst umbrachten. Ich habe schnell die Kurve bekommen und sofort angefangen, an mir zu arbeiten. Mein Ehrgeiz, durch den ich Fußballprofi geworden bin, hat mir dabei wahnsinnig geholfen.

    Früher war Alkohol der Mittelpunkt Ihres Lebens, ist etwas an seine Stelle getreten?

    Borowka: Ich habe keine Suchtverlagerung. Ich gehe gerne essen und spiele gerne Golf.

    Halten Sie den Draht in die Fußballwelt?

    Borowka: Relativ salopp. Immer gemach. Manchmal gibt es Einladungen zu Spielen, die ich gerne wahrnehme. Der Kontakt ist ganz wenig.

    Denken Sie, dass es heutzutage ähnliche Probleme im Profifußball wie Sie sie hatten, gibt?

    Borowka: Es gibt sie. Das habe ich in den letzten Wochen bei Telefonaten erfahren - von aktuellen und ehemaligen Profis. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Es gibt ja nicht nur die Alkoholsucht, sondern auch andere Süchte. Aus diesem Grund werden wir in Kürze einen Verein gründen, der einen Anlaufpunkt darstellen soll.

    Würden Sie betroffenen Profis ein Outing empfehlen?

    Borowka: Als Mensch: ja. Als Profisportler: nein. Daraus kann jeder seine Schlüsse ziehen.

    VIDEO: Traumtor per Fallrückzieher

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