Herr Bruchhagen, drei Spiele, drei Siege - ist derzeit alles perfekt in Frankfurt?
Heribert Bruchhagen: Der Start hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Perfekt ist aber längst nicht alles, wir haben in jedem Spiel gesehen, dass wir auch große Schwächen haben. Gegen Leverkusen lagen wir in Rückstand, in Hoffenheim stand das Spiel auf Messers Schneide und am Sonntag haben wir einige Riesenchancen des HSV zugelassen. Momentan haben wir das nötige Spielglück. Wir wissen das alles einzuschätzen.
Es muss also nicht schon vor Europa "gewarnt" werden?
Bruchhagen: Nein, nein. Ganz sicher nicht.
War insbesondere der Sieg gegen den HSV auch ein Stück weit Genugtuung für Sie? Die Transferpolitik der Hamburger hatten Sie zuletzt stark kritisiert...
Bruchhagen: Es ist ein grundsätzliches Prinzip. Natürlich sind wir enttäuscht, wir wollen uns auch sportlich verbessern. Wenn überall von "Financial Fairplay" gesprochen wird, ist es für uns nicht so schön, wenn ein Verein in drei Tagen so viel Geld in die Hand nimmt, wie wir in einem ganzen Jahr. Das ist ungewöhnlich und macht uns in unseren Planungen mutlos. Denn dadurch wissen wir, dass es schwer wird, diesen Klub in der Tabelle zu überholen. Und schon das Spiel gegen uns hat gezeigt: Van der Vaart war der überragende Spieler auf Seiten des HSV.
Hamburgs Boss Carl-Edgar Jarchow hat felsenfest behauptet, Sie würden auch auf einen Investor zurückgreifen, wenn Sie solch eine Möglichkeit hätten. Stimmt das?
Bruchhagen: Nein! Ganz klar. Ich bin im zehnten Jahr in verantwortlicher Position bei Eintracht Frankfurt und es ist einer unserer wesentlichen Grundsätze, dass wir uns nicht verschulden. Punkt, aus.
Da bleiben Sie eisern?
Bruchhagen: Ich weiß, dass man in Deutschland zum Außenseiter gerät, wenn man nicht bereit ist, sich zu verschulden. Wir leben in einem Land, wo Kreativität und Gestaltung auch immer mit Schulden verbunden werden.
Wie haben Sie dennoch auf den Erfolgsweg gefunden?
Bruchhagen: Wir sind auch schon abgestiegen, das darf man nicht vergessen.
Momentan läuft es trotzdem sehr gut. Warum?
Bruchhagen: Der Trainer und der Manager haben in Zusammenarbeit mit Bernd Hölzenbein eine gute Mannschaft zusammengestellt. Das scheint zu passen. Wir haben die aus unserer Sicht besten Spieler der Zweiten Liga bekommen, die sich nun auch in der Bundesliga zu etablieren scheinen. Aber man muss sehr zurückhaltend sein nach erst drei Spielen.
Wie wichtig ist es, dass auch in der Führungsetage mit Ihnen, Armin Veh und Bruno Hübner "Eintracht" herrscht?
Bruchhagen: Wir haben seit neun Jahren Eintracht und Kontinuität auf allen Ebenen. Friedhelm Funkel war fünf Jahre als Trainer hier, selbst als wir abgestiegen sind, hatten wir durch Reserven einen Etat von 20 Millionen Euro für die Zweite Liga. Einige wollen das vielleicht nicht wahrhaben, aber Stabilität ist prägend bei Eintracht Frankfurt.
Dann anders gefragt: Finden Sie auch, dass die Mischung in der Führungsetage gut aufeinander abgestimmt ist?
Bruchhagen: Ja, das denke ich schon. Der Trainer hat immer einen Stern mehr im sportlichen Bereich, Armin Veh entscheidet, Bruno Hübner setzt um und ich trage die Gesamtverantwortung. Das ist alles klar geregelt.
Wie groß ist der Anteil von Armin Veh am aktuellen Aufschwung?
Bruchhagen: Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, er hat einen Stern mehr. Wir haben ihn geholt, weil wir wussten, dass er "gestanden" ist. Er ist ein "Elder Statesman", hat eine natürliche Autorität. Das wirkt sich auf die Mannschaft aus. Ob er im Training eine Rolle rückwärts, Linksdrehung oder sonst irgend etwas üben lässt, ist kaum von Bedeutung. Die Spieler spüren einfach seine Erfahrung und Kompetenz.
Unterscheidet ihn das von seinen Vorgängern?
Bruchhagen: Das würde ich so nicht unbedingt sagen. Funkel und auch Skibbe waren taktisch sehr gute Trainer. Als jedoch im Abstiegsjahr 2011 die fürchterliche Negativ-Serie einsetzte, war Skibbe genauso wenig krisenresistent wie ich es war. In der Eigendynamik des Misserfolgs waren wir hilflos. Das muss man sehen.
Armin Veh hat dann den Neuaufbau gestartet. Wie weit wollen Sie mit ihm gehen?
Bruchhagen: Das Spiel gegen Leverkusen war ein Indiz dafür, dass wir uns in dieser Bundesliga behaupten können. Neun Punkte nach drei Spielen sind eine ordentliche Sache, die helfen sehr. Ich mache seit neun Jahren nur Einjahresverträge mit den Trainern, noch ist eine Verlängerung kein Thema. Das wird sich automatisch ergeben, wenn es weiter gut läuft und Armin Veh auch will.
Sind sie dahingehend optimistisch?
Bruchhagen: Als wir Armin Veh in der Woche nach unserem Abstieg kontaktiert haben, war er überhaupt nicht begeistert. Bruno Hübner und ich mussten einige Gespräche führen, um ihn zu überzeugen. Auch jetzt nach dem Wiederaufstieg hat er lange überlegt, ob er bleibt. Aber er hat Spaß an Spielern wie Schwegler, Jung, Rode, Kittel. Er sieht, dass in Frankfurt viele junge Spieler sind, die er besser gemacht hat. Diesen Weg sieht er noch nicht als abgeschlossen an, das kann auch ein Kriterium für eine Verlängerung sein.
Vor allem Sebastian Jung und Sebastian Rode wussten bislang zu überzeugen. Hat sich deren Durchbruch angedeutet?
Bruchhagen: Ansonsten hätten wir sie nicht schon frühzeitig mit langfristigen Verträgen ausgestattet. Aber man weiß nie, wohin die Entwicklung führt. Dort, wo die beiden jetzt stehen, waren ein Russ oder Ochs vor Jahren auch schon. Sie wurden auch schon als kommende Nationalspieler gefeiert. Dies hat sich nicht bestätigt. Wir wehren uns nicht gegen die medialen Prognosen, aber geholfen haben sie noch keinem.
Würden Sie sagen, dass die Zweite Liga vielleicht auch hilfreich für den Umbruch im Klub war?
Bruchhagen: Zumindest konnten sich die jungen Spieler besser entwickeln. Aber kein Verein geht deshalb freiwillig in die Zweite Liga. Es bleibt eine eher unangenehme Erfahrung.
War es auch notwendig, sich von Individualisten wie Theofanis Gekas oder Ioannis Amanatidis zu trennen?
Bruchhagen: Nein. Amanatidis war bei uns ein Top-Spieler. Im Abstiegsjahr hat er aufgrund seiner schweren Knieverletzung gar nicht gespielt. Davor war er als Torjäger jedes Jahr ein Garant für den Klassenerhalt. Wir haben das Gerüst mit Rode, Jung, Meier, Köhler, Schwegler, Nikolov - um das sich nun neue Kräfte gebildet haben.
Ist das Gebilde wirklich stark genug? Wo sehen Sie in dieser Saison potenzielle Gefahr?
Bruchhagen: Die bereits angesprochene Eigendynamik des Misserfolgs. Das ist das, was wir gerade in Hoffenheim sehen. Mit schlechten Ergebnissen tritt dann eine Unsicherheit ein. Dieses Schicksal kann jede Bundesligamannschaft ereilen - also auch uns.
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