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    Bobic: "Die Zeit ist reif für einen Titel"

    Im Interview der Woche spricht Eurosport-Experte Fredi Bobic über die Arbeit von Bundestrainer Löw und Deutschlands Chancen bei der EURO. Während des Turniers wird der Sportdirektor des VfB Stuttgart regelmäßig die Geschehnisse für Eurosport TV analysieren.

    Das Interview führte Stefano Bernabino

    Herr Bobic, 1996 haben Sie die Trophäe in den Händen gehalten. Kommen die Erinnerungen vor dieser EURO an ihr "magisches Jahr" wieder öfter hoch?

    Fredi Bobic: Das Jahr war tatsächlich magisch für mich. Ich wurde Torschützenkönig in der Bundesliga und war dann extrem motiviert für die EM. Das Turnier in England, dem Mutterland des Fußballs, war etwas ganz Spezielles - ebenso wie für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.

    Wo lag das Geheimnis des Erfolgs?

    Bobic: Wir hatten großartige Individualisten mit Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler. Es galt der Leitspruch: Der Star ist die Mannschaft. Und ich denke, das war auch der Schlüssel zum Erfolg. Die Mischung hat einfach gestimmt.

    Trauen Sie der aktuellen DFB-Auswahl ebenfalls den Titel zu?

    Bobic: Das muss man sehen. Seit 2006 spielt die Mannschaft guten, attraktiven Fußball und hat damit Fans auf der ganzen Welt gewonnen. Bei der WM 2010 war Deutschland neben Spanien das beste Team. Was bislang fehlte, war ein Titel. Aber jetzt ist die Zeit reif und das Team bereit. Die Qualität im Kader ist extrem hoch - auch auf der Bank. Jeder Spieler kann ohne Qualitätsverlust ersetzt werden.

    Sie kennen Joachim Löw gut, er war auch Ihr Trainer. Inwiefern trägt das Team seine Handschrift?

    Bobic: Schon in Stuttgart haben wir mit ihm auch sehr guten Fußball gespielt, sehr früh attackiert und meist tief in des Gegners Hälfte gestanden. Jogi liebt attraktiven Fußball und das Pressing. Beim DFB steht er für die neue Generation und ist prädestiniert dafür, mit jungen Leuten zu arbeiten. Er lehnt sich niemals zurück, sondern schuftet akribisch weiter. Ihm ist es wichtig, dass seine Akteure wachsen und das Ziel vor Augen haben.

    Hätten Sie früher gedacht, dass Joachim Löw mal Bundestrainer wird?

    Bobic: Niemals! Ich weiß noch genau, wie ich mit ihm mal bei einem Kaffee zusammen saß und erlebt habe, wie verzweifelt und deprimiert er war, weil er keinen passenden Job gefunden hat. Er war nach Stuttgart in der Türkei, in Österreich, hat dann selbst nach Vereinen in der Dritten Liga Ausschau gehalten. Es war ihm fast egal, wo es Arbeit gab. Dann wurde Jürgen Klinsmann, der sich noch gut an die Qualität von Löw erinnerte, Teammanager beim DFB und holte ihn als Assistenzcoach. Das war für Löw wie ein Lottogewinn. Er hat seine Chance genutzt und sich den Job als Bundestrainer redlich verdient.

    Sie waren beim VfB einst Teil des "Magischen Dreiecks" mit Elber und Balakov. Sehen Sie so etwas auch in der Nationalmannschaft?

    Bobic: Ich hoffe, es liegt auch in der Offensive. Wir können über Gomez, Götze und Özil sprechen beispielsweise. Oder wir sagen Müller, Klose und Reus. Löw hat so viele Optionen vorne und damit einen Riesenvorteil bei der EURO. Ich würde sagen, wir haben sogar zwei oder drei magische Dreiecke.

    Welche Formation in der Offensive wäre für Sie die ideale?

    Bobic: Die schwierigste Entscheidung fällt zwischen Klose und Gomez in der Spitze. Klose war angeschlagen, möglicherweise gibt er dieses Mal Gomez das Vertrauen, weil er nach einer hervorragenden Saison mit mehr als 20 Toren in ausgezeichneter Verfassung ist. Dahinter gibt es viele Variationsmöglichkeiten mit Özil, Götze, Podolski, Reus und so weiter. Vielleicht sollte er mit Podolski links starten, Özil in der Mitte und Müller rechts.

    Das Highlight in der Gruppenphase wird das Prestigeduell mit den Niederlanden. Ist es eine Begegnung auf Augenhöhe?

    Bobic: Es wird ein offenes Spiel, aber ich sage, dass Deutschland klare Vorteile hat. In der Vergangenheit war es vielleicht so, dass Holland den technisch anspruchsvolleren Fußball gespielt hat. Die Deutschen haben nur mit Kampfkraft bis zur letzten Minute geglänzt. Das hat sich nun ein bisschen verändert. Deutschland hat enorm aufgeholt und, nicht zu vergessen, im Freundschaftsspiel im November letzen Jahres gab es ein klares 3:0! Da hatten die Niederländer keine Chance...

    Viel wird auch vom Start ins Turnier abhängen, dem Spiel gegen Portugal...

    Bobic: Das erste Spiel ist immer schwierig und wichtig. Wenn du gewinnst, ist alles gut. Aber schon im Falle eines Unentschiedens oder einer Niederlage lastet im zweiten Spiel sehr viel Druck auf dir. Mit einem Auftaktsieg, wie wir ihn 1996 gegen Tschechien gefeiert haben, ist einiges einfacher. Portugal könnte mit seiner eher offensiv ausgerichteten Spielweise der deutschen Mannschaft liegen.

    Cristiano Ronaldo zeigt im Verein ausgezeichnete Leistungen, in der Nationalmannschaft eher nicht. Wie erklären Sie sich das?

    Bobic: Das ist ja auch bei Lionel Messi so. In der Nationalmannschaft wird anders gespielt und der Druck ist um ein Vielfaches höher, weil das ganze Land auf einen Spieler schaut. Auf Ronaldo liegen alle Hoffnungen. Klar, er kann für einen speziellen Moment sorgen. Aber gerade gegen Deutschland kommt es auf das ganze Team an. Wenn das nicht funktioniert, kann auch ein einzelner Spieler nichts bewirken.

    Könnte Dänemark zum Stolperstein werden?

    Bobic: Niemand glaubt, dass Dänemark die Gruppenphase übersteht. Sie sind Außenseiter, doch ich habe viele Spiele gesehen, weil ich unseren VfB-Akteur William Kvist beobachtet habe. Sie haben einen herausragenden Teamgeist und sind taktisch clever. Es ist nicht einfach, sie zu schlagen. Dänemark kann jetzt frei aufspielen und hat durchaus Chancen aufs Weiterkommen. Vielleicht machen sie es wie 1992. Erst zu McDonald's, dann zum Titel (lacht).

    Welche Paarung wäre Ihr Wunschfinale?

    Bobic: Spanien gegen Deutschland. Ich würde gerne die zwei Teams sehen, die den besten, den modernen Fußball spielen. 2008 im Finale und 2010 im Halbfinale hat Spanien gewonnen, dieses Mal ist dann Deutschland dran.

    VIDEO - Die deutsche Gruppe B im Fokus

    TV-Tipp:

    Die EURO 2012 Show - die EM-Expertenrunde mit Patrick Kluivert, Thomas Berthold, Fredi Bobic, Rafa Benitez und Arsène Wenger analysiert vom 7. Juni bis 2. Juli immer um 20:00 Uhr LIVE die Geschehnisse in Polen und der Ukraine.

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