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    Berthold: "Klose ist besser als Gomez"

    Vor dem Spiel gegen die Schweiz spricht Eurosport-Experte Thomas Berthold über die Stärken und Schwächen im Team, Joachim Löw und den EM-Titel. Außerdem äußert sich der 47-Jährige zu seinen Favoriten auf der Innenverteidigerposition und erklärt, warum er Miroslav Klose im Sturm gesetzt sieht.

    Das Interview führte Dirk Adam

    Kurz vor Beginn der Fußball-EM stehen noch zwei Tests auf dem Programm. Welchen Stellenwert hat das Spiel gegen die Schweiz?

    Thomas Berthold: Das Spiel gegen die Schweiz ist nicht die letzte Begegnung vor der EM. Einige Akteure werden noch frei haben und deshalb genießt dieses Spiel nicht den allerhöchsten Stellenwert. Es ist aber ein ernst zu nehmendes Spiel, bei dem sich die Leute aus der zweiten Reihe präsentieren können. Ich denke, dass Joachim Löw seine Stammformation in Leipzig gegen Israel auflaufen lässt. Dort kommen die Spieler zum Einsatz, die für das erste EM-Gruppenspiel gegen Portugal vorgesehen sind.

    Nach dem verlorenen Champions-League-Finale reisen die Bayern mit Wut im Bauch zum DFB-Team. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

    Berthold: Das Finale ist schon wieder ein paar Tage her. Von daher denke ich, dass sich die Bayern-Akteure auf die neuen Ziele konzentrieren. Wenn die Jungs bei der Nationalmannschaft eintreffen, haben sie außerdem ein neues Umfeld, wo man verschiedene Dinge wieder leichter angehen kann. Wenn man zu einem Turnier fährt, spielt in erster Linie das Turnier eine Rolle und keine anderen Dinge, die in der abgelaufenen Saison passiert sind. Für Bastian Schweinsteiger ist es zum Beispiel wichtiger, dass er wieder in Form kommt. Zuletzt hat man gesehen, dass er noch einige Spiele braucht, denn er war lange verletzt. Und die richtige Fitness holt man sich nur, wenn man spielt.

    Im Sturm vertraut Joachim Löw auf Miroslav Klose, der lange verletzt war. Wäre es nicht besser, Mario Gomez spielen zu lassen?

    Berthold: Das muss Löw beurteilen, ob Klose in der nötigen Verfassung ist. Aber wenn Klose fit ist, würde ich ihn anstatt Gomez im Sturm bringen. Klose ist einfach ein Turnierspieler, der technisch wesentlich besser als Gomez aus. Gerade auch, weil man im Finale gegen Chelsea wieder gesehen hat, was für Chancen Gomez hatte. Das zeigt eben auch die Klasse eines Spielers. Wenn man ein, zwei Chancen hat, dann muss man eben auch mal ein, zwei Tore rein machen.

    Joachim Löw vertraut gerne altbewährten Kräften, wahrscheinlich auch Per Mertesacker in der Innenverteidigung. Aber auch "Merte" war lange verletzt...

    Berthold: Das muss man mal abwarten. Grundsätzlich ist es richtig, dass der Bundestrainer auf Spieler setzt, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Aber bei so einem langen Ausfall wie bei Mertesacker bin ich selber mal gespannt, in welcher Verfassung er ist. Er hat sein letztes Spiel vor über drei Monaten gemacht - das ist ein extrem langes Zeitfenster. Aber wir haben Gottseidank mit Hummels und Badstuber zwei klasse Innenverteidiger, die spielen können. Beide haben eine Bomben-Saison gespielt und ich glaube, dass Mertesacker ein Typ ist, der 100 Prozent fit sein muss. Er ist kein Spieler, der das nur mit seiner Klasse kompensieren kann. Wenn er nicht fit ist, ist er keine Verstärkung für die Mannschaft.

    Ein heißes Duell gibt's auch auf der Doppelsechs, wo sich Sami Khedira und Toni Kroos um den Platz neben Bastian Schweinsteiger streiten. Wer hat die besseren Karten?

    Berthold: Für mich ist Kroos kein Sechser. Das hat man auch wieder im Finale gesehen, weil er letztendlich auch nicht die langen Wege zurücklegen kann. Er ist eher ein Achter, der hinter den Spitzen spielt. Da kommt er viel besser zur Geltung, als wenn er von der Sechser-Position laufen muss. Das packt er meiner Meinung nach nicht. Kroos ist auch vom Kopfballspiel nicht stark genug, weil er einfach zu klein ist. Deshalb denke ich, dass Khedira im Hinblick auf die EM wesentlich größere Vorteile hat, auf der Sechs neben Schweinsteiger zu spielen.

    Während die BVB-Profis nach dem Gewinn der Meisterschaft ins Trainingslager gereist sind, hat Löw die Bayern nur wenige Tage zur Vorbereitung dabei. Reicht das, um sich einzuspielen?

    Berthold: Dass es letztendlich durchs Champions-League-Finale und das Holland-Spiel der Bayern zu Verzögerungen kam, kann man nie richtig einplanen, wenn es in die Vorbereitung auf ein großes Turnier geht. Es kommen immer wieder mal Spieler nach. Auf der anderen Seite haben wir noch genügend Zeit und zwei Testspiele. Von daher müsste das eigentlich reichen, um letztendlich zu entscheiden, wer für die Stammformation in Frage kommt.

    Viele reden bereits vom Titel, aber die Vorrunde dürfte alles andere als ein Selbstläufer werden. Packt Deutschland die "Todesgruppe" B ohne Probleme?

    Berthold: Das Gute ist, dass wir eine Gruppe haben, wo jeder von Anfang an weiß, dass man in jedem Spiel an die Grenzen gehen muss. Die Niederlande, Portugal und Dänemark sind alles schwere Gegner. Diese Teams werden auch ihre Chancen suchen, vor allem mit Kontern. Deshalb muss Deutschland auf dieses Szenario vorbereitet sein. Wenn ich einen Zehner setzen müsste, würde ich tippen, dass Deutschland und Holland den Gruppensieger unter sich ausmachen werden.

    Neben Deutschland und Spanien zählen auch die Niederlande zu den EM-Favoriten. Welche anderen Teams muss man noch auf dem Zettel haben?

    Berthold: Man könnte noch Frankreich und Italien nennen, aber das sind zwei Mannschaften, die eine grottenschlechte WM gespielt haben. Die Spielergeneration um Zidane gibt's nicht mehr und auch bei Italien ist vieles im Umbruch. Deshalb glaube ich nicht, dass Frankreich und Italien zum Favoritenkreis zählen. Ich könnte mir vorstellen, dass Polen ein Überraschungsteam sein könnte. Polen hat sehr gute Spieler, die in der Bundesliga eine klasse Saison gespielt haben, und genießt außerdem den Heimvorteil. Diesen hat auch die Ukraine, aber von der Qualität her sehe ich die Ukraine nicht so stark wie Polen.

    Joachim Löw liefert seit Jahren eine hervorragende Arbeit ab. Wird er bei der EURO 2012 endlich mit seinem ersten Titel belohnt?

    Berthold: Es wird ein schwieriges Turnier, weil man geballt viele gute Mannschaften hat. Da muss eben auch vieles passen. Ich drücke ihm auf jeden Fall die Daumen und wünsche ihm das auch, dass er nach 2008 und 2010 den nächsten Schritt macht. Es muss aber bei den Spielern passen, dass sie wirklich in Bestverfassung sind. Denn man muss ganz klar sagen, dass Spanien weiterhin ganz klar das Nonplusultra im Fußball ist. Das ist eine Mannschaft, die man im Kampf um den Titel erst einmal schlagen muss. Das muss man ganz klar sagen.

    Wie nah ist Deutschland an Spanien dran?

    Berthold: 2008 waren wir um Längen weg, 2010 war es schon weniger. Aber jetzt muss Deutschland auch mental in der Verfassung sein, um zu sagen, jetzt sind wir so weit. Damals war der Respekt einfach noch zu groß. Aber wie gesagt, die EM wird kein Wunschkonzert. Alleine die Vorrunde ist schon knackig. Aber wenn man das erste Spiel gewinnt, kann das die Mannschaft vielleicht durch das Turnier tragen. Wenn man zu Beginn gleich einen Stotterstart erwischt, kann das Ganze auch zäh werden.

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    TV-Tipp:

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