Es ist ein Paradoxon. Die Bayern haben überregional unzählige Fan-Klubs und Fans. Doch in gleichem Maße scheint sich auch halb Fußball-Deutschland diebisch zu freuen, wenn die Bayern einen vor den Trachtenlatz geknallt bekommen.
Nie wurde diese leidenschaftliche Antipathie offenkundiger als nach dem verlorenen Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen den FC Chelsea. Zur Schadenfreude gesellt sich dann gerne auch der Vorwurf, die Bayern würden trotz der Final-Teilnahme national als Schwer-, international aber bestenfalls als Mittelgewicht in den Ring steigen.
Wir haben zur Champions-League-Woche deshalb unsere Kollegen im internationalen Netzwerk von Eurosport befragt:
Welchen Ruf hat der FC Bayern München?
Ignacio Ruiz (Eurosport Spanien): "Unsere Meinung zu den Bayern ist in Spanien eindeutig: Der FC Bayern war, ist und wird immer einer der größten Klubs der Welt sein. Spanische Fußball-Fans, für welchen Klub auch immer ihr Herz schlägt, haben einen tiefen und ehrlichen Respekt vor den Bayern. Die "Bestia Negra" ist keinesfalls ausgestorben, sondern treibt aus spanischer Sicht immer noch sehr gefährlich ihr Unwesen. Die Duelle mit Real bleiben in Spanien unvergessen. Die Bayern sind ein überaus seriös geführter Verein, der in der Regel stets ein starkes Team aufs Feld führt, gecoacht von erstklassigen Trainern. Der FC Bayern ist mehr als nur ein Fußball-Klub. Der FC Bayern ist eine Philosophie. Ob sie verlieren oder gewinnen, die Bayern bleiben ein internationales Vorbild für andere Klubs."
Peter Kwiatkowski (Eurosport Polen): "Bei uns in Polen fokussiert sich zwar aktuell alle Aufmerksamkeit auf den BVB, da dort ein paar unserer besten Nationalspieler kicken. Aber die Bayern sind immer eine Nummer. Sie sind einfach der berühmteste Klub Deutschlands. Und obwohl sie das Finale der Champions League verloren haben, hätte man sie ausreichend würdigen sollen. Denn diese Saison in der Königsklasse war trotz der Niederlage gegen Chelsea ein Erfolg. Was dem Team aber mittlerweile fehlt, sind diese legendären Kanten vom Typ eines Matthäus, Kahn oder Effenberg. Für mich waren das die großen Bayern. Legenden eben. Aber vielleicht entstehen in dieser Champions-League-Saison ja neu, wer weiß."
Hussam Barakat (Eurosport Arabien): "Gleich mal eines vorweg, Freunde: der FC Bayern genießt in der arabischen Welt einen fantastischen Ruf. Das gilt auch für den Mittleren Osten. Bei uns zählt der FCB zu den größten Teams, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Allerdings ist die Premier League oder die Primera Division in dieser Gegen populärer als die Bundesliga. Das liegt ganz einfach daran, dass die Top 10 der weltbesten Spieler in der Regel dort kicken. Messi, Ronaldo, Rooney, um nur ein paar zu nennen. Die Erfolge der Bayern sind beispiellos und ihre Art Fußball zu spielen meistens sehr attraktiv. Aber unsere Fußball-Fans folgen mit ihrer Aufmerksamkeit eher jenen Superstars, die nicht in Deutschland spielen."
Igor Zelenitsyn (Eurosport Russland): "Der FC Bayern ist in Russland bei Weitem der prominenteste deutsche Klub. Ich habe das mal bei vk.com, der russischen Facebook-Variante, nachrecherchiert. Die Bayern haben weitaus mehr Mitglieder in den Communities als beispielsweise Dortmund. Aber sie haben auch immer noch weniger als Real oder Barca oder englische Klubs. Der Grund ist eigentlich der selbe, den schon unser Eurosport-Kollege aus Arabien genannt hat: die Fußball-Fans sind weniger Fan eines Klubs, sondern vielmehr der wenigen Weltstars. Und die kicken eben in Spanien oder England. Die teure Rechnung ist eigentlich recht billig: je mehr Geld du auf den Markt wirfst, desto mehr Aufmerksamkeit bekommst du."
Ali Murat Hamarat (Eurosport Türkei): "In der Türkei haben die Bayern tatsächlich viele Fans. Das geht noch auf die erfolgreichen 70er-Jahre zurück. Man bekommt aber schon auch mit, dass die Bayern polarisieren und als 'Hass-Verein' gesehen werden, weil sie der Konkurrenz immer die besten Spieler aus der Mannschaft kaufen. Die Bayern sind zwar in der Türkei populär, stehen aber dennoch im Schatten von Real Madrid, dem FC Barcelona, Milan, der Juve oder United."
Philippe Chauveau (Eurosport Frankreich): "Die Bayern gehören mit Real Madrid und dem FC Barcelona zu den besten Mannschaften Europas, das ist unbestritten. Speziell in dieser Saison machen sie auf mich einen noch stärkeren Eindruck, da Jupp Heynckes auf hohem Niveau rotieren kann. Die Bayern sind für uns Franzosen das Aushängeschild der Bundesliga, die Liga selbst hat aber kein gutes Image. Das liegt weniger an der Bundesliga als vielmehr an der französischen Berichterstattung. Die deutsche Liga interessiert die Medien einfach nicht. Alles ist auf die Premier League und die Primera Division fokussiert. Geniale Spieler wie Marco Reus oder Mario Götze kennen die Journalisten nicht. Dafür schreiben sie andauernd über Neymar. Viele französische Journalisten haben nichts von der tollen Entwicklung des deutschen Fußballs mitbekommen, sondern sind auf dem Stand der 80er-Jahre hängengeblieben. Insofern ist für viele in Frankreich der FC Bayern auch ein Vorbild: aber mehr aus wirtschaftlicher Sicht, nicht aus sportlicher."
Tom Adams (Eurosport England): "In England genießen die Bayern nicht den selben Ruf wie etwa Real Madrid oder der FC Barcelona. Der Grund ist ein ähnlicher, wie ihn unser französischer Kollege genannt hat: die Liga ist in den Medien, speziell im TV nicht so präsent. Doch davon abgesehen, ist Bayern mit weitem Abstand der berühmteste deutsche Klub in England und wird gleich unter den größten Klubs Europas eingeordnet. Aber kaum jemand hätte sie als Champions-League-Sieger auf dem Tippzettel. Für mich ist der FC Bayern ein formidabler Klub mit einer tollen Geschichte. Der Transfer von Javier Martinez beweist, dass sie den anderen deutschen Klubs finanziell haushoch überlegen sind. Insofern war es erfrischend zu sehen, dass Dortmund zwei Mal die Meisterschaft gewinnen konnte und den Münchnern Marco Reus vor der Nase wegschnappte. Wenn die Bayern wirklich mal die Champions League gewinnen wollen, dann benötigen sie einen Stürmer vom Format ihres Mittelfelds: Weltklasse."
Luca Stacul (Eurosport Italien): "In Italien sind die meisten Fußball-Fans der Meinung, dass der FC Bayern gut ist, aber eben nicht gut genug, um die Champions League zu gewinnen. Darüber hinaus hat sich in Italien nach den ganzen verlorenen Finals und Entscheidungsspielen des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass Spieler wie Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm zwar talentiert sind, aber nichts gewinnen werden, weil sie keine charismatischen Persönlichkeiten sind. Barcelona, Real und United verfügen über solche galligen Spieler. Naja, man kann das vielleicht so sehen, ich aber habe eine andere Meinung, weil ich die Bundesliga sehr intensiv verfolge. Ich habe gesehen, wie der FC Bayern an Stärke gewonnen hat, man hat die Abhängigkeit von 'Robbery' abgelegt, kann auf nahezu allen Positionen gleichwertig durchrotieren. Das ist neu. Ob es zum Gewinn der Champions League reicht? - Vielleicht. Wenn die Bayern den letzten Schritt machen und eine Klasse erreichen, mit der sie den FC Barcelona schlagen können."

TV-Tipp:
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