2:5. Die rotgekleideten Fans in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions wussten gar nicht, wie ihnen geschah.
Und auch bei den Spielern schien der schwarz-gelbe Wirbelwind ganz schön die Wahrnehmung zu beeinträchtigen.
"Wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft". Da blickte nicht etwa ein Dortmunder auf das soeben Erlebte zurück, sondern Philipp Lahm höchstselbst. Nur durch die Fehler hätte man dem Gegner den Sieg erst ermöglicht, meinte der Bayern-Kapitän.
Allerdings funktioniert so nun mal der Fußball.
In 99 Prozent aller Fälle führen eben erst Fehler auf der einen zu Toren für die andere Seite. Beim restlichen ein Prozent war Lionel Messi am Ball.
Aber die extraterrestrischen Qualitäten des Argentiniers waren an diesem Abend in Berlin nicht anwesend und teilten diesen Zustand entgegen Lahms Einschätzung mit den Defensivqualitäten des FC Bayern.

Doch Lahm, der sich in einigen guten Offensivaktionen als einer der besseren Münchner gegen die Niederlage zu stemmen versuchte, litt nicht allein unter einseitigen Wahrnehmungsstörungen.
Auch Bastian Schweinsteiger hatte kurz nach Abpfiff noch "das Gefühl, dass wir das Spiel besser im Griff hatten als Dortmund." Wie Gefühle doch täuschen können. Jupp Heynckes stand an der Seitenlinie im Windschatten des westfälischen Sturm-Tiefs und konnte deshalb auf geordnete Gedanken zurückgreifen. "Wir dürfen uns nicht beklagen. Unser gesamtes Defensivverhalten war katastrophal. Man muss nüchtern feststellen, dass wir den Sieg nicht verdient hatten."
Wahre Größe zeigt sich in großen Niederlagen. Das gilt auch für Karl-Heinz Rummenigge, der auf dem nächtlichen Bankett unmissverständliche Worte wählte, um die bizarre Schönfärberei der Spieler umgehend zu korrigieren. "Es wäre ein Fehler, wenn wir behaupten würden, wir hätten in der ersten Halbzeit gar nicht so schlecht gespielt. Wenn man 5:2 verliert, dann ist das kein Zufall, dann ist das auch kein Pech, sondern eine Blamage."

Klare Worte, auf die ein wahres Erdbeben folgte. Rummenigge selbst ordnete nämlich die aktuellen Machtverhältnisse im deutschen Fußball neu: "Wir haben national eine Mannschaft, die über uns steht und besser ist." Dies, so Rummenigge, müsse man "respektieren, akzeptieren und in nächster Zeit versuchen, wieder zu korrigieren."
Doch diese Sorgen können warten, nach dem Finale ist vor dem Finale. Nur die Dimension ist eine andere. Denn am 19. Mai winkt der größtmögliche Erfolg. In Berlin durfte Dortmund nationale Geschichte schreiben. In München wollen das die Bayern auf internationalem Niveau tun. Mit dem Gewinn der Champions League im eigenen Stadion.
Deshalb fordert Rummenigge ein schnelles Erwachen. "Wir müssen uns kritisch hinterfragen und am Samstag korrigieren, was wir uns in Berlin eingebrockt haben. Ich verlange von der Mannschaft, dass mit Leidenschaft, mit Wille und Aggressivität gespielt wird, um Chelsea zu schlagen."
Und um Historisches zu erreichen. Diesen extremen Fokus hatte Dortmund in Berlin auch. Sie spielten mit Leidenschaft, Wille und Aggressivität. Bayern hat die unbestrittene Qualität, wie Dortmund aus diesem Fokus überragendes Können abzurufen.
Am kommenden Samstag wäre dafür ein guter Zeitpunkt.
