Regungslos, fast willenlos beobachtete Bundestrainer Joachim Löw das unglaubliche Treiben auf dem Rasen. "Ich befinde mich in Schockstarre. Ganz ehrlich, kurz nach dem Spiel finde ich keine Erklärung. Einen 4:0-Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich."
Einer Stunde Zauber-Fußball folgte vor 72.000 Zuschauern im Olympiastadion das blanke Entsetzen. Ohne Gegenwehr, ohne Konzept und ohne die helfende Hand von Löw ging das DFB-Team gegen anfangs schwache Schweden fast noch unter.
Von der eigenen Vorstellung berauscht
"In der Kabine herrscht Totenstille. Alle liegen auf den Bänken oder der Massagebank und sind total sprachlos", berichtete Löw mit fahlem Gesicht. 60 Minuten bestimmte seine Mannschaft das Spiel und hatte die Skandinavier mit Superstar Zlatan Ibrahimovic fest im Griff.
Miroslav Klose schraubte mit einem Doppelpack (8./15.) seine Torausbeute auf 67 Treffer. Zum Rekord von Gerd Müller fehlt ihm nur noch ein Tor. Zudem erzielte ausgerechnet Innenverteidiger Per Mertesacker im 85. Länderspiel sein zweites Tor zur 3:0-Halbzeitführung.
Aber selbst der Treffer von Mesut Özil (56.) zum 4:0 sollte nicht reichen. Zu selbstsicher sonnte sich die deutsche Mannschaft im Erfolg und ließ sich von der eigenen Vorstellung berauschen, um wenig später kein Rezept mehr gegen "explodierende" Schweden zu finden.
Eigener Anspruch nur Fassade
"Wenn man 4:0 führt und es geht 4:4 aus, dann ist was schief gelaufen. Nach zwei Toren ist alles zusammengebrochen, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren", kritisierte Kapitän Philipp Lahm, der nach einer Gelbsperre zurückkehrte und auf der linken Seite spielte.
Der eigene Anspruch scheint im Moment leider nur Fassade, denn kein Spieler stemmte sich wirklich gegen Schweden. Ausgerechnet Ibrahimovic eröffnete das Feuerwerk der Skandinavier mit seinem Anschlusstreffer in der 62. Minute. "Das war phänomenal", erklärte der Superstar.
"Wir hatten am Anfang zu viel Respekt vor Deutschland. Nachdem ich das 1:4 geschossen hatte, haben wir wieder an uns geglaubt. Deshalb haben wir das Spiel noch gedreht. Kompliment an meine Mannschaft, sie hat einen fantastischen Job gemacht", so Ibrahimovic.
Rückschritt statt Befreiungsschlag
Trotz 60 Prozent Ballbesitz gab Deutschland das Spiel noch aus der Hand. Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.+3) erzielten die weiteren Tore für Schweden und spielten die Innenverteidigung um Holger Badstuber - der an drei Gegentreffern beteiligt war - schwindlig.
Das gab es in der Geschichte des DFB-Teams noch nie. Bislang gewann Deutschland ausnahmslos alle Spiele mit einer 4:0-Führung. "Natürlich ist das unerklärlich. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es darf nie im Leben passieren, dass wir noch Punkte hergeben", schimpfte Bastian Schweinsteiger.
Löw reagierte nicht, denn ihm fehlten auf der Bank die Alternativen. Nach den Verletzungen von Mats Hummels, Sami Khedira und Lars Bender konnte auch Marcel Schmelzer nicht spielen, der sich im Training vor dem Spiel am Fuß verletzte. Heiko Westermann wollte Löw nicht bringen.
Somit entwickelte sich das 88. Länderspiel des Bundestrainers zu einem weiteren Schritt in die falsche Richtung. Die Begegnung zeigte einmal mehr die Anfälligkeit der DFB-Abwehr auf. Löw steht weiter in der Kritik, den dieses Spiel erstmals seit seinem Amtsantritt 2006 vollkommen ratlos zurückließ.
Nach dem Schock suchte Löw verzweifelt nach Antworten. Doch der Bundestrainer fand keine. Das Schweden Spiel hätte ein Befreiungsschlag sein können, welches die Diskussionen um das verlorene EM-Halbfinale gegen Italien beendet hätte. So aber bleiben Fragen.
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