Feelfootball blog

Jörg Hausmann

Ballack und die Bye-Bye-Bayern

Fr 02.Mai. 01:11

Michael Ballack of Chelsea FC London

Servus, liebe Fußballfreunde,

als Michael Ballack noch den rot-schwarz-gestreiften Bayer 04-Dress trug, stand der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft schon einmal im Endspiel der Champions League. Das war 2002, im Jahr "Vize-kusens". Inklusive WM boten sich dem Mittelfeld-Torjäger damals unmittelbar vier Titelchancen. Keine nutzte der Ex-Lauterer, ehe er bei den Bayern anheuerte. Weil er die nach der WM 2006 verließ, ist der Chelsea-Star jetzt nicht kläglich aus dem UEFA-Cup ausgeschieden, sondern steht vor seiner zweiten Titelchance in der Champions League.

Fußball-Deutschland ist in seiner Freude hin- und hergerissen zwischen Ballacks Coup mit dem FC Chelsea London, der selbstverschuldeten Erdung der in vielen Mündern als arrogant geführten bayerischen Überflieger im euphorisierten St. Petersburg - und der Aussicht auf eine EM ohne England.

Die Briten trösten sich derweil in den europäischen Vereinswettbewerben über ihre blamable Nullrunde in der EM-Qualifikation hinweg. Gleich zwei der drei in den beiden Finals vertretenen Nationen schauen während der EM in die Fernseh-Röhre: Die Nachbarn und Erzfeinde England (Manchester United und Chelsea London bestreiten das Endspiel der Champions League) und Schottland (die Glasgow Rangers treffen eben nicht auf den FC Bayern, sondern messen sich mit Schalkes Gazprom-Bruder aus St. Petersburg). Und Manchester hat auf jeden Fall Grund, zu feiern, denn das Endspiel des UEFA-Pokals findet am 14. Mai im Old Trafford statt.

Theater statt Träume herrscht beim FC Bayern München, dessen aktuellen Schmerz allein die Nennung der Stadt Manchester verdoppelt. Nach der höchsten Europapokalpleite seit einem 0:4 in Frankfurt am 23. November 1977 (mit dem heutigen Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge) bleibt den scheidenden Legenden Ottmar Hitzfeld und Oliver Kahn jetzt "nur" noch das Double aus Meisterschaft und Pokal. Nicht zum ersten Mal muss der nationale Titel dabei als billiges Trostpflaster für entgangenen internationalen Lorbeer herhalten. Das beschämende 0:4 von St. Petersburg wirft ein noch klareres Licht auf Stefan Effenbergs Einschätzung aus unserem letzten Blog, die Bayern müssten sich noch Jahre gedulden, ehe sie in der Champions League wieder etwas zu melden, sprich: zu gewinnen, hätten.

Dort geben die Engländer scheinbar unangefochten den Ton an. Pardon, vielmehr deren teuer bezahlte Ausländer, die gerne auf die Namen Ballack und Drogba hören. Doch für die Statistiker brachte eben das vermeintliche Mutterland des Fußballs zwei von drei Halbfinalisten durch ins Finale, das am 21. Mai in Moskau stattfindet und somit den Bogen spannt und schließt zum UEFA-Pokal und den Russen aus St. Petersburg, die im englischen Manchester nach dem Pott greifen...

ManU möchte sich zum zweiten Mal nach 1999 und dem unvergessenen Vergleich mit den Bayern mit der Trophäe mit den beiden ausladenden Silberohren schmücken, um die bereits zum vierten Mal in Folge mindestens ein englischer Verein im Endspiel kämpft. Und zum mittlerweile sechsten Mal nacheinander muss der deutsche Supporter wahlweise auf einen Spieler oder gar Schiedsrichter zurückgreifen, um ein bisschen freudig teilzuhaben an dem bunten Endspielspektakel.

ManUs auch national hartnäckigster Konkurrent aus Londons Stadtteil Chelsea feiert dabei am 21. Mai seine Premiere im bedeutendsten Finale auf europäischer Vereinsebene, weil den Blues zuvor zwei Mal der FC Liverpool im letzten Moment knapp den Weg versperrt hatte. Und auch beim zweiten Wiedersehen wehrte sich der Sieger von 2005 und Finalist von 2007 120 Minuten lang auf das Heftigste. Letztlich vergebens. Rekordmeister aber bleiben die Reds auch nach dem 11. Mai, wenn die beiden Schwergewichte und Champions-League-Endspielteilnehmer aus Manchester und London die heimische Premier League unter sich ausgemacht haben werden.

Scheinbar genas die Fußballwelt nicht nur vor 100 und mehr Jahren am englischen Fußballwesen, sondern auch und gerade heute. Doch der Etikettenschwindel ist durch ihr geschultes Auge, liebe Fußballkenner, schnell aufgedeckt: Getarnt als englischer, als Fußball von der Insel, leben Chelsea, Arsenal, Liverpool und auch ManU vom importierten Fußball aus Afrika, Südamerika und Kontinentaleuropa. Der einstige Fußballexporteur England, dessen fortschrittliche Spiel- und Bezahlsysteme die ganze Welt befruchteten und für das Ballspiel begeisterten, ist zum großen Importeur mutiert. Die Ernte der vor vielen Jahrzehnten allüberall gelegten Saat wird eingefahren - für einen - so oder so - immens hohen Preis.

Immerhin verrät Englands erstmaliges Fernbleiben von einer EM-Endrunde seit 1984, wie es um den Fußball dort tatsächlich bestellt ist. Dass auch die Nationalspieler aus Schottland, Nordirland, Wales und Irland im Sommer frei haben werden, beweist, dass von der Insel kaum mehr Fortschritt ausgeht. Wohl aber genügend Geld, um diesen Stillstand locker aufzufangen und - zumindest vereinsseitig - zu verdecken: durch Personal aus Ländern, die einst fußballerisch missioniert wurden. Auch Deutschland gehört dazu, und sein sächsischer Spross Michael Ballack.

Bis dahin, macht's gut,
liebe Fußballfreunde

  • Bemerkung1 - 2 von 2
  1. Das UEFA Cup Finale findet übrigens nicht im Old Trafford statt,sondern beim Rivalen von Manchester United.Der heißt Manchester City.Am 14 Mai findet also das UEFA Cup Finale Zenit St. Petersburg vs Glasgow Rangers im City of Manchester Stadium statt.

    realfan9Von realfan9, am Di 06.Mai. 17:20

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  2. Sehr aufmerksam, lieber realfan9, und natürlich vollkommen korrekt. Der Verfasser hat wohl in diesem Moment etwas zu früh zu träumen begonnen vom "Theatre of dreams" und entschuldigt sich für die Verwechslung der Heimstätten in Manchester.
    Hoffe, Du bleibst trotzdem ein treuer Leser des Blogs.

    Mit besten Grüßen,
    Jörg Hausmann

    hausmann1973Von hausmann1973, am Mi 07.Mai. 10:16

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