Tommy Haas in HamburgIn der Weidenallee 45 im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel warten sie wohl immer noch vergeblich mit Kaffee und Kuchen. Seit einer Woche hatte Tommy Haas angekündigt, dass er sich kaum etwas sehnlicher wünsche, als sein altes Zuhause noch einmal zu sehen. Unter dieser Adresse hatte er mit seiner Familie gelebt, bis er als Zwölfjähriger nach Florida in die Tennisakademie von Nick Bollettieri umsiedelte. Seit sechs Jahren hatte Haas nicht mehr am Rothenbaum gespielt. Und nun, da seine Verlobte Sara und Töchterchen Valentina erstmals in seiner Geburtsstadt mit dabei waren und Haas seit jenen Tagen nicht mehr in seinem alten Viertel gewesen ist, wollte er seiner Familie unbedingt alles zeigen.
Haas ist auf Spurensuche. Das Stück an der Alster, wo er Schlittschuhlaufen und Fahrradfahren lernte, hatten sie auf ihrem Abstecher in die Vergangenheit erkundet, waren zur Lieblingseisdiele nach Blankenese gebummelt und hatten seine alte Grundschule in der Tornquiststraße besucht. Doch das, was Haas eigentlich am wichtigsten war, nämlich allen Mut zusammennehmen und in der alten Wohnung in Eimsbüttel einfach mal bei den neuen Bewohnern zu klingeln, hatte nicht geklappt. Dabei hatte er so darauf gehofft, dass man ihm zumindest kurz Einlass gewähren würde, denn Haas wollte zu gerne noch einmal sein altes Kinderzimmer sehen. Und es vor allem Valentina zeigen. Auch wenn sie das alles mit ihren 20 Monaten wohl noch gar nicht begreift. Doch sie ist der Grund, warum Haas die Qualen überhaupt ein weiteres Mal auf sich genommen hatte, und sich vor zwei Jahren nach einer Hüft- und Ellbogenoperation mühsam zurück auf die Profitour kämpfte. "Ich möchte so gerne, dass Valentina bewusst erlebt, was ihr Papa da so macht", sagt Haas stets, doch das wird noch dauern.
Alles für Valentina
Ist also dieser Ansporn der Grund, dass Haas gerade seinen gefühlt 1000. Frühling erlebt? Denn es war nicht so, dass man ihn in der Weidenallee nicht hereingelassen hätte. Haas hatte schlichtweg keine Zeit für seinen Ausflug in die Vergangenheit. Er spielte einfach zu gut am Rothenbaum, sogar so gut, wie nie zuvor beim größten und traditionsreichsten deutschen Turnier. Und obwohl da ein bisschen Wehmut und Abschied mitschwingt, wenn Haas über seine sentimentale Reise in die Kindheit spricht, so ist von Karriereende schon lange nicht mehr die Rede. Warum auch? Den Titel in Halle hat Haas vor vier Wochen gewonnen, überhaupt war seine Bilanz bei deutschen Turnieren in dieser Saison mit 13:3 Siegen so stark wie nie. Haas ist reifer geworden, nachdenklicher. Mancher Fehler ist ihm inzwischen bewusst geworden, den er im jugendlichen Leichtsinn in seiner Karriere begangen hatte. Und er genießt die Momente auf dem Platz jetzt weit mehr, als ihm das früher gelang. Besonders jene vor heimischer Kulisse. Haas hat nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt, er zieht nach wie vor die Massen an. So voll wie in dieser Woche waren die Ränge am Rothenbaum lange nicht und trotz seiner Niederlage im Finale feierten ihn die Zuschauer bei fast jedem Ballwechsel wie einen Weltmeister.
Haas sei der letzte Charaktertyp im deutschen Tennis, hatte auch sein Kollege Florian Mayer unter der Woche festgestellt. Mit Anerkennung, aber eben auch leichtem Bedauern. Haas hat einfach jene Aura, die der aktuellen Spielergeneration der deutschen Profis ein wenig fehlt. Und im Vergleich zu ihnen merken die Fans inzwischen, dass sie Haas in den letzten Jahren vielleicht doch nicht genug gewürdigt hatten und mitunter zu kritisch mit ihm waren. Obwohl er selbst weiß, dass manche verpasste Gelegenheit nicht nur seinen Verletzungen geschuldet war. Doch diese späte Anerkennung der Fans tut Haas gut, und er kostet sie aus. Und so fühlte er sich an diesem Tag auch nicht wie ein Verlierer, dazu gab es keinen Grund. Er hatte es mit 34 Jahren erstmals ins Endspiel in seiner Heimat geschafft, viel fehlte nicht zum Titel, es wäre ein besonderer für ihn gewesen. Haas ist immer noch hungrig, vieles scheint für ihn möglich. Und durch ihn hat das deutsche Herrentennis wieder Schwung. Ewig wird seine Karriere jedoch nicht mehr dauern, momentan bleibt daher zu hoffen, dass Haas' Elan ansteckend wirkt.
