Ein Bild, das es so schnell nicht wieder geben wird: Kohlschreiber und Kühnen beim Davis Cup
Hallo Tennis-Fans,
das hatte sich Philipp Kohlschreiber ganz anders vorgestellt. Als er am Montagmorgen gegen 3 Uhr in den Katakomben des Arthur-Ashe-Stadiums zum Mediengespräch erschien, da wollte er eigentlich nur vom Fünfsatzsieg über John Isner und seinem bisher größten Erfolg bei den US Open schwärmen.
Fragen über seinen möglichen Einsatz in der Davis-Cup-Relegation gegen Australien vom 12. bis 14. September in Hamburg lehnte er jedoch auf einmal ab: "Ich bin bereit, für Deutschland zu spielen. Mehr sage ich dazu nicht", meinte der Weltranglisten-20. trotzig. Dass Kohlschreiber zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, was Teamchef Patrik Kühnen am Dienstag in der Hansestadt offiziell verkündete, schien offensichtlich: Kohlschreiber war aus der Mannschaft geflogen.
Gründlich verschätzt
"Ich hatte bei den US Open ein gutes Gespräch und gedacht, dass die Querelen ausgeräumt sind", erklärte Kühnen, doch dann habe sich Kohlschreiber den Medien gegenüber wieder anders geäußert und eine erneute Aussprache in New York abgelehnt. Damit sei für Kühnen "eine Grenze erreicht" gewesen: "Ich habe mich gegen Philipp und für den Teamgeist entschieden." In seiner zehnjährigen Amtszeit hatte der Teamchef nie derart konsequent durchgegriffen und vielleicht überschätzte Kohlschreiber auch deshalb seine Situation. Geradezu stolz hatte er vor einer Woche nach seinem Auftaktsieg bei den US Open verkündet, dass er Kühnen ordentlich die Meinung gesagt, nein, gegeigt hatte, und das ziemlich laut. Und er sah sich dabei im Recht, schließlich sei ihm der Kapitän ja sowohl beim Davis Cup in Bamberg, als auch nach seiner Olympia-Absage in den Rücken gefallen.
Kohlschreiber glaubte, er habe mit diesem verbalen Vorstoß seine Position gestärkt, doch er hatte sich gründlich verschätzt. Denn dieses Mal wollte sich Kühnen die öffentliche Bloßstellung nicht gefallen lassen. Denn auch Kühnens Ausbootung als Kapitän beim World Team Cup in Düsseldorf ging im Frühjahr auf Initiative von Kohlschreiber zurück, der seine Mitstreiter Florian Mayer und Philipp Petzschner zu dieser Demontage überredete. Dass sie keine Mannschaft seien, die "durch Freundschaft glänzt", hatte Kohlschreiber in New York einmal mehr betont, genau wie sein eher schwieriges Verhältnis zu Tommy Haas, und damit den Eindruck erweckt, es rumore momentan gewaltig unter den deutschen Spielern. Richtig ist, dass sich die meisten sogar ziemlich gut verstehen und nur Kohlschreiber als Außenseiter gilt. Daher fiel es Mayer und Petzschner auch nicht schwer, Kühnens Entscheidung mitzutragen.
Kann Kühnen seinen Job retten?
"Wir brauchen das stärkste Team, das möglich ist", hatten die beiden vorab in New York betont und dabei auch Haas eingeschlossen, der in dieser Saison nach einem sensationellen Comeback wieder bis auf Rang 21 gestürmt war. Doch der 34-Jährige hatte sich die Absage nicht leicht gemacht, schließlich hatte er die Auftritte für sein Land immer geliebt und wäre auch in seiner Heimatstadt gerne aufgelaufen. Doch die letzten Wochen kosteten Haas zu viel Kraft, um auf tiefer Asche der Mannschaft eine echte Hilfe sein zu können. "Ich brauche eine Pause", erklärte Haas. Daher werden Cedrik-Marcel Stebe und Benjamin Becker das Aufgebot komplettieren, überraschend hatte Kühnen auch auf Doppelspezialist Christopher Kas verzichtet. Petzschner soll mit Becker ein Duo bilden, obwohl sich dieser auf Sandbelag generell sehr schwer tut. "Davon verspreche ich mir was", betonte Kühnen dennoch.
Das deutsche Quartett wird in Hamburg mit Sicherheit jene Geschlossenheit demonstrieren, die Kühnen einfordert, doch ob sie im brisanten Abstiegsduell auch die nötige Qualität mitbringt, ist zumindest fraglich. Die Australier treten mit Nachwuchsstar Bernard Tomic und Altmeister Lleyton Hewitt an, zudem berief Kapitän Patrick Rafter Matthew Edben und Chris Guccione. Sollten die Deutschen tatsächlich aus der Weltgruppe absteigen, wird sich auch Kühnen, dessen Vertrag ausläuft, verantworten müssen. Auch wenn DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard betonte, ein möglicher Abstieg habe keine Konsequenzen für Kühnen. Es wird sich aber erst noch zeigen, ob er mit oder trotz des Rauswurfs von Kohlschreiber seinen eigenen Job retten konnte.
