Dinah Pfizenmaier sorgt in Paris für Furore
Es gibt Menschen, mit denen sollte man besser nicht "Mensch ärgere dich nicht" spielen. Dinah Pfizenmaier zählt zu ihnen. Verlieren? Das geht gar nicht. Egal, worin. Egal, gegen wen. Mit Verlieren hatte sie schon immer ein Problem. Ihre Eltern, beide Lehrer, haben inzwischen die pädagogisch wertvolle Konsequenz gezogen: Im Hause Pfizenmaier sind die Spieleabende längst gestrichen.
Und warum sollte man auch Daheim den schnöden Brettspielen frönen, wenn die Tochter gerade in der großen, weiten Tenniswelt voll durchstartet. Von Sieg zu Sieg eilt sie in Roland Garros, das macht gute Laune und ihre ist ziemlich ansteckend. 20 Jahre alt, nicht mal ein Jahr auf der Tour und gleich das erste Mal im Hauptfeld bei einem Grand Slam - ein Traumstart, da hat man doch allen Grund für Freudentänzchen. Herrlich erfrischend ist ihre Art, das findet auch Barbara Rittner. Sie nennt sie ihren Sonnenschein, und Dinah Pfizenmaier hat wirklich eine sonnige Art. Zugegeben, mit ihrem leicht sperrigen Nachnamen haben die Stuhlschiedsrichter noch so ihre Probleme. Ganz flüssig geht der noch nicht über die Lippen. Aber Angelique Kerber hat in Paris ihre erste Runde auch alias "Angelika Kerber" gewonnen. Da sollte man also nicht kleinlich sein, Hauptsache gewonnen.
Multitalent mit Zeitproblemen
Aber den Namen Pfizenmaier sollte man sich wirklich merken, denn wenn sie so rasant weitermacht, dürfte sie dem deutschen Damenquintett auf der großen Bühne bald nacheifern. Wer Kamen bisher nur aus dem Verkehrsfunk kannte, weiß nun, dass dort im Leistungszentrum Tennistalente für mächtig Betrieb sorgen. Dabei hätte auch eine Olympionikin aus ihr werden können. Im Turnen zum Beispiel, damit hat sie mit drei Jahren angefangen. Oder sie wäre Weltmeisterin mit ihrer Fußballmannschaft geworden, im zentralen Mittelfeld hat sie jahrelang gewirbelt. Wo auch sonst, sagt sie, sie wollte eben immer überall sein. Mittendrin und immer voll dabei. Um im Sport wollte sie einfach irgendwo gut werden. Mit neun Jahren nahm sie mal durch Zufall einen Schläger in die Hand, schon wollte sie natürlich auch noch Tennis spielen.
Erst waren die Eltern wenig begeistert, der Wochenplan ihrer Tochter platzte ohnehin schon aus allen Nähten. Aber irgendwie ging es doch. Turnen und Fußball machte sie jahrelang bereits fünf Mal die Woche. Dann also auch noch parallel Tennis fünf Mal die Woche. Das sollte den Playstation-Kindern mal ein Ansporn sein, die Chipstüte aus der Hand zu legen. Ansporn brauchte Dinah Pfizenmaier nie, sie wusste immer, was sie will. Aber es ist kein anstrengend-verbissener Ehrgeiz, der auf Dauer einsam macht. Ihre unverblümte Art ist einfach erfrischend. Und so gibt sie auch zu, dass sie sich ja eigentlich normalerweise von Viktoria Asarenka ein Autogramm holen und ein Foto machen würde — dass sie nun aber gegen die Weltranglistenerste spielt — bei den French Open, im Hauptfeld. Das ist für sie immer noch unwirklich. Genauso wenn Roger Federer an ihr vorbeigeht und ihr fast das Herz stehen bleibt. Die neue große, weite Welt eben.
Verletzung als echter Glücksfall
Und wer es in nur wenigen Monaten von null auf 260 in der Rangliste schafft, der sollte sich an diese Welt schon mal gewöhnen. Dabei hatte sie vor dem Abitur noch nicht einmal daran gedacht, Tennisprofi zu werden. Sie sagte, sie sei viel zu schlecht gewesen. Dann kam eine Schulteroperation dazwischen, und die wurde irgendwie Schicksal. Denn sie musste ihre Technik danach komplett umstellen, spielte auch noch mit einer dicken Handgelenksschiene — und plötzlich wurde auf einen Schlag alles besser. Im letzten Juli spielte sie die ersten Preisgeldturniere und da sagte sie sich: 'So, das mache ich jetzt.' Bisher hat Dinah Pfizenmaier die Entscheidung sicher nicht bereut. Nur Bundestrainerin Silvia Neid hat das wohlmöglich.
Viele Grüße aus Paris,
Eure Petra
