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    Der Tour-Return

    Gekommen, um zu ärgern

    Abendkleid statt Tennis-Rock: Angelique KerberIstanbul, Sinan Erdem Dome, die Frisur sitzt. Und nicht nur die. Angelique Kerber ist gestylt wie ein Mannequin in edler nachtblauer Robe samt Glamour-Make-up, genau wie ihre sieben Konkurrentinnen beim Saisonhöhepunkt der Damen, der Tennis-WM. Für ihre elegante Erscheinung bei der Auslosung hätte Kerber sicherlich auch von Heidi Klum ein Foto erhalten. Aber für eine potenzielle Modelkarriere ist die Kielerin schließlich nicht in die Türkei gereist. Sie will sich belohnen für ein Jahr, das wie ein Rausch gewesen ist. In nur zwölf Monaten ist sie angekommen bei den Besten der Besten. Mehr noch, sie ist mittendrin, eine von ihnen. Und den WM-Titel, den möchte sie auch gerne gewinnen.

    Die Selbstzerfleischung hat ein Ende

    Doch dann werden die beiden Gruppen ausgelost, die weiße und die rote, und schon ist Kerber in einem Topf gelandet mit Wiktoria Asarenka, Serena Williams und Li Na. Na prima. Aber Angelique Kerber strahlt auch weiterhin, es ist ihr egal, wer ihr gegenüberstehen wird. Sie hat längst keine Malaisen mehr mit den ganz großen Namen. Oder mit ihrem Selbstvertrauen. Und das ist vielleicht der größte Wandel, der Angelique Kerber in den letzten anderthalb Jahren gelungen ist. Früher, da hätte sie ein Match sogar mit 6:0 und 6:0 gewinnen können, doch das erste, was sie hinterher erzählt hätte, wäre das gewesen, was sie dabei nicht gut gemacht hatte. Immer sah sie zuerst den Makel, war er auch noch so klein. So ist sie einfach. Doch Angelique Kerber hat hart daran gearbeitet, das zu ändern. Positiv zu bleiben, anstatt sich selbst ständig herunterzuziehen und alles schwärzer zu sehen, als es in Wahrheit gewesen ist.

    Nach Niederlagen machte sich Kerber oft tagelang fertig. Konstant zu spielen war so natürlich schwierig, wenn der Kopf seinen eigenen hat. Doch es ist wohl ihr bisher größter Triumph, dass sie sich selbst überwunden hat. Wer Angelique Kerber heute begegnet, der trifft eine selbstbewusste, fröhliche junge Frau, die offen und herzlich ist, und auch trotz des Medienrummels um sie noch erfrischend unkompliziert und natürlich ist. Sie ist dem harten Kokon längst entschlüpft und hat jene Qualitäten entfaltet, die vorher verborgen in ihr schlummerten. Sie hat keine Hemmungen mehr, Ziele und Ambitionen zu formulieren. Und wenn sie sich inzwischen bei einem Grand Slam zu den Favoritinnen zählt, ist das keineswegs überheblich, sondern einfach realistisch.

    Ein Aufstieg wie im Rausch

    Kerbers Lauf war so rasant und berauschend, ein Aufstieg wie im Zeitraffer. Doch manchen ging das immer noch nicht schnell genug, und so wurde nach New York bereits ungeduldig mit den Hufen geschart und kritisch bemängelt, dass der ganz große Titel nun doch wohl längst überfällig wäre. So ist das eben bei jenen, die mal vom Erfolg verwöhnt wurden. Mit Realismus haben solche Anmerkungen jedoch nichts zu tun. Angelique Kerber hat einen fabelhaften Höhenflug hingelegt, daran gibt es nichts zu rütteln: Zwei Turniersiege 2012, dazu zwei weitere Finals, und sie knackte als siebte Deutsche die Top Ten. Der Sieg im Achtelfinale von Peking war Kerbers 60. in dieser Saison. Bisher lag ihre Bestmarke in dieser Kategorie nur bei 23. Auch in Dreisatzpartien schien sie kaum bezwingbar, 20 von 22 entschied Kerber für sich. Acht Mal war sie 2012 auch gegen Top-Ten-Spielerinnen erfolgreich. Vor Saisonbeginn lautete Kerbers Bilanz noch 0:11.

    Es sind Belege ihrer phänomenalen Entwicklung, die noch längst nicht am Ende ist. Denn Kerber ist lernwillig. Dass sie es in den beiden Partien gegen Sara Errani in Paris und New York hätte besser machen müssen, ist ihr bewusst. Fehler passieren, aber sie werden weniger. Ihr Umfeld scheint zu passen, und im beschaulichen Kiel findet sie einen Rückzugspunkt. Ihr Zuhause ist ihre Kraftquelle, auch für Istanbul. Intensiv-Vorbereitung, und vor allem den lädierten Fuß auskurieren. Kerber ist bereit. "Es wird schwer, aber ich bin stolz, dabei zu sein", sagt sie, "und wenn Serena alles trifft und gut drauf ist, dann ist sie eine, die man eigentlich nicht schlagen kann - aber man kann sie ärgern." Einmal hat sie das schon geschafft, warum also nicht noch einmal? Denn wenn Angelique Kerber inzwischen eines bewiesen hat, dann, dass sie ganz sicher keine Eintagsfliege ist.

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