WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Der Tour-Return

    Entzaubertes Wimbledon

    Das hatten sich alle doch irgendwie anders vorgestellt. Olympia in Wimbledon, bei dem Gedanken kribbelte es schon seit Monaten bei allen Beteiligten vor lauter Vorfreude. Die Spieler dachten sich, sie würden einfach ein zweites Wimbledon spielen und am Ende gäbe es dann eine Medaille. Doch sie hatten sich getäuscht. Schon nach wenigen Tagen machte sich leichte Ernüchterung an der Church Road breit. Denn dieses olympische Turnier hat so gar nichts mit Wimbledon zu tun.

    "Woanders wäre schön gewesen"

    Und mit dem speziellen Olympia-Feeling aber eben auch nicht so recht. "Woanders als in Wimbledon wäre schön gewesen", sagte beispielsweise Angelique Kerber, "auf jeden Fall näher am olympischen Dorf dran." Darin lag vielleicht das Hauptproblem, denn im Londoner Südwesten ist man ziemlich weit weg von der Musik, die während der Spiele vor allem im Eastend spielt. Die Tennisprofis blieben daher meist notgedrungen im Wimbledon Village, um sich den langen Fahrtweg ins Dorf zu ersparen. Und außer vor den Bildschirmen in der Player's Lounge bekamen sie auch von den anderen Wettbewerben nicht viel mit. "Ich kann ja schlecht erst spielen, dann mal eben rüber zum Earl's Court laufen und Volleyball gucken, dann zurückkommen und das nächste Match spielen", bedauerte Roger Federer, "das geht nun mal nicht."

    So blieb ihnen also Wimbledon, oder eben nicht Wimbledon. Für jene, die seit Jahren an die Church Road pilgern, fühlte es sich in der letzten Woche in etwa so an, als würde eine Horde Pauschaltouristen durch eine Gedenkstätte trampeln. So, als wäre der All England Club von frechen Hausbesetzern okkupiert worden und die hätten daraus einen Robinsonclub samt Partymeile gemacht. Ein bisschen Ballermann light. Das besondere, gediegene Flair, das Wimbledon seinen einzigartigen, besonderen Reiz gibt, ist komplett verschwunden. Der Zauber ist weg. Schon vormittags hämmert laute Popmusik nicht nur über die Anlage, sondern sogar auf dem Allerheiligsten, dem Centre Court — ein Frevel für Traditionalisten. Passend dazu hält das aufgedreht gut gelaunte Moderatoren-Duo den ganzen Tag mit neckischen Animations-Spielchen die Olympia-Fans lautstark bei Laune, die oft gar keine wirkliche Ahnung von Tennis haben, aber einfach mal nach Wimbledon wollten. Das haben sie im Übrigen mit der Hälfte der Journalisten gemeinsam, die in den Club geschickt werden. So ist das eben bei Olympia. Dabeisein ist alles.

    Partylaune schwappt über

    Und so ist es auch ganz hilfreich, dass täglich vor Spielbeginn noch mal das Filmchen über die Videowand am Henman Hill flimmert mit dem Titel: "Lektion 1: Wie geht eigentlich Tennis?" Mitunter können hier auch vermeintlich alte Hasen noch mal ihr Basiswissen auffrischen. Auch wenn es ein wenig paradox anmutet, gerade im Mekka des Tennissports Regelkunde für Anfänger zu betreiben. Aber die Zuschauer nehmen alles dankbar auf, jeder ist willkommen, alle machen mit. Auch an den Courts, es wird gejubelt, gejohlt und applaudiert — ähnlich wie beim Davis Cup. Nur eben anders als in Wimbledon. Denn wann hätte man es dort schon jemals erlebt, dass der Centre Court nicht einmal zur Hälfte besetzt wäre, man auf dem Außenplätzen tatsächlich problemlos einen Sitz bekommt und dass auf Henman Hill weniger Fans versammelt sind, als sonst nicht einmal beim schlimmsten Wolkenbruch?

    Die Stimmung ist spätestens seit den Halbfinals grandios, die Partylaune ist übergeschwappt. Andy Murray sagte hinterher, er hätte noch nie so entspannt ein Turnier gespielt. Den "Happy-Slam" haben wir ja bereits, vielleicht gibt er den "Wimblympics" also die bunte Robinsonclub-Aninmations-Atmosphäre sein eigenes Flair.

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