Zeit ist immer relativ. Manchmal vergeht sie
scheinbar im Fluge, manchmal wiederum fühlt sich eine einzige Stunde unendlich
lang an. Tommy Haas hat genau vor einem Jahr sein letztes Match bestritten, und
doch hat man den Eindruck, es sei schon eine Ewigkeit her, dass man ihn mit
einem Schläger auf einem Tennisplatz gesehen hat. Ihm selbst muss es ähnlich
gehen. Denn als er vor einem Jahr, nur wenige Tage nach seinem Erstrundenaus in
Delray Beach, in einer Klinik in Colorado an der Hüfte operiert wurde, sagte
man ihm, er könne nach sechs Monaten wieder Turniere bestreiten. Doch die Ärzte
täuschten sich. Erst nach sechs Wochen konnte Haas wieder gehen, dann bekam er
Schmerzen im rechten Knie. Und diese Entzündung will einfach nicht heilen.
Sämtliche bewährten Experten in Deutschland versuchten sich an einer Therapie,
bisher ohne hundertprozentigen Erfolg.
Anfang April wird Haas 33 Jahre alt, er war die Nummer zwei der Welt, stand
viermal im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers (zuletzt 2009 in Wimbledon),
hat zwölf Turniere und die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney
gewonnen, muss eigentlich niemandem mehr irgendetwas beweisen und hat genug
Geld verdient - sagt man sich da nicht: 'Es reicht, ich höre auf.'?
Der Wille ist ungebrochen
Doch Tommy Haas ist nicht so. Sich einfach aus dem Staub machen, wie es
mancher vor ihm nun getan hat, das will er nicht. Er ist ein Kämpfer. Und wer
nach zwei schweren Schulteroperationen stets geradezu sagenhafte Comebacks
hingelegt hat, der weiß, dass noch mehr in ihm steckt. Dass dieser Beruf, den
er seit klein auf ausübt, eben mehr als die reine Pflicht ist. Es ist eine
Leidenschaft für den Sport, für den Wettkampf, "für dieses geile Gefühl
auf einem Centre Court zu stehen", wie Haas sagt, die noch längst nicht
ausgelöscht ist. Und deshalb quält sich Haas auch, steht täglich in der
Bollettieri Academy auf dem Platz, bolzt Fitness und lässt sich behandeln. Der
Tagesablauf ist genau durchgeplant, Töchterchen Valentina findet darin aber
auch genügend Raum. Und die Pendelei zwischen Florida und dem Zweitwohnsitz in
Los Angeles kompensiert er mit Trainingseinheiten an der Universität von
Kalifornien.
Der Wille ist ungebrochen, es erneut auf die Tour zurückzuschaffen, auch wenn
Haas derzeit nicht einmal mehr in der Rangliste geführt wird. Das sogenannte
"Protected Ranking" würde ihm für neun Turniere den Einstieg als
Nummer 19 der Welt gewähren, jener Position, die er vor seiner Operation hatte.
Sein Name wird ihm zudem auch zu einigen Wildcards verhelfen, das sollte kein
Problem sein. Doch es gibt ein Problem. Da ist diese leise Stimme in seinem
Hinterkopf, die sich immer wieder meldet. Die zweifelnd fragt: 'Hält mein
Körper das noch aus? Macht mein Kopf diese Belastung mit? Kann ich noch
mithalten?' Nach 15 harten Profijahren und unzähligen Verletzungen ist die
Unsicherheit verständlich. Und es wird sich auch nie klären lassen, welche
Erfolge er wohl noch gefeiert hätte, wenn ihn sein Körper nicht so oft
ausgebremst hätte. Vielleicht ist ihm dieser Versuch gerade deshalb auch so
wichtig. Und wenn es nach ihm ginge, würde Haas gerne in Halle wieder
einsteigen, wo er 2009 gewann. Sicher ist der Termin nicht, doch zumindest ein
Versprechen, das seinen Kumpel "Terminator" Arnold Schwarzenegger
berühmt machte, hat sich Haas gegeben: "I'll be back."
