Roger Federer bei den Olympischen SpielenRoger Federer erschien spät, sogar fast eine Dreiviertelstunde zu spät. Das ist nicht ungewöhnlich für den Schweizer Weltstar, dessen Terminkalender prall gefüllt ist. Doch an diesem Tag war der dichte Londoner Verkehr Schuld daran gewesen, dass er nicht pünktlich im Pressekonferenzsaal des Olympiaparks eintraf. Zweieinhalb Stunden Fahrzeit lagen hinter ihm. Denn Federer hatte sich entschieden, in Fußwegnähe von Wimbledon zu wohnen im Südwesten Londons, anstatt im olympischen Dorf im Eastend und war damit eben in etwa so weit abseits des Geschehens, wie es Tennis im olympischen Wettbewerb bisher gewesen ist. Doch dass nun fast alle 700 Stühle im Konferenzsaal mit Journalisten besetzt waren und sich die internationalen Kamerateams um die besten Standplätze rangelten, zeigte deutlich, dass Tennis bei diesen Spielen kein Schattendasein fristen würde.
Federer selbst war sicherlich der Hauptgrund für das enorm gewachsene Interesse. Und obwohl er bereits bei seinen ersten beiden Olympia-Teilnahmen in Athen 2004 und in Peking 2008 die Nummer eins der Welt und ein großer Star gewesen ist, so hat sein 17. Grand-Slam-Titel vor knapp drei Wochen in Wimbledon und die Rückkehr auf den Tennisthron der "Operation Olympia" einen kräftigen Schub verliehen. "Ich bin hier sicher keiner der Superstars der Spiele", sagte Federer bescheiden, "es gibt große Olympioniken, die schon einige Medaillen um den Hals hängen hatten." Federer dagegen hatte zwar in Peking an der Seite von Stanislas Wawrinka die Goldmedaille gewonnen, im Einzel jedoch war er stets hinter den Erwartungen geblieben. "Diese Medaille kann mir niemand mehr nehmen", betonte er, doch wäre Edelmetall auf dem Rasen von Wimbledon wohl so etwas wie die letzte Krönung des Ausnahmeathleten.
In Gedanken schon in Rio
"Ich hoffe, ich bin der Favorit", scherzte Federer, "dann spiele ich immer besser." Auf dem Weg zu seinem siebten Wimbledonsieg tat er es bereits, und daher zweifelt auch die Konkurrenz nicht daran, dass Federer als heißester Gold-Anwärter an den Start geht. Novak Djokovic, die Nummer zwei der Welt, sah das angesichts der überragenden Rasenbilanz des Schweizers so. Zudem fehle mit Rafael Nadal der Goldmedaillengewinner aus Peking. Und auch Philipp Petzschner, der neben Philipp Kohlschreiber noch in die Einzelkonkurrenz rutschte, ist sich sicher: "Wenn Roger seine Nerven behält, ist Gold vergeben. Meine Chance ist gleich null."
Und Federer wirkte weder aufgeregt noch angespannt, der Wimbledonsieg gebe ihm Ruhe, erklärte er. Dennoch ist er mit seinen Prognosen vorsichtig, Federer weiß, wie unberechenbar der Rasenbelag ist, besonders wenn nur über drei Gewinnsätze gespielt wird. "Fünf schlechte Minuten können reichen, um auszuscheiden", sagte Federer. Und gegen seinen Auftaktgegner, den Kolumbianer Alejandro Falla, war ihm das vor zwei Jahren in Wimbledon in der ersten Runde auch fast passiert. Damals lag Federer bereits mit 0:2 in den Sätzen zurück: "Es ist trotzdem ein gutes Los für mich. Ich kenne ihn, und ich habe den letzten Wochen viel Selbstvertrauen getankt." Dennoch ist der Druck enorm, Federer will diese Medaille unbedingt. Es ist das einzige Kleinod, das seiner beeindruckenden Sammlung noch fehlt. "Diesen Druck kennt man als Tennisspieler eigentlich nicht, wir spielen ja Woche für Woche", sagte Federer, "ein Highlight, auf das man nur drei, vielleicht vier Mal im Leben die Chance hat, ist ungewohnt." Doch selbst, wenn sich der Traum von Gold für ihn in London erfüllen sollte, wäre es kein Anlass, seine Karriere zu beenden. "Ich werde auf jeden Fall weiterspielen", betonte er, "und wer weiß, bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro bin ich knapp 35 Jahre - das könnte auch noch gehen."
