Angelique Kerber: Die Siegerfaust ist zur Gewohnheit geworden.
Zugegeben, wir haben den Kardinalsfehler begangen. Da wird man doch Woche für Woche von jedem Spieler geradezu angeraunzt, bloß nicht zu weit im Tableau vorauszuschauen. So, als ob man mit dem Blick vorab auf mögliche Finalgegner böse Geister beschwören würde. Nun gut, haben wir dann ja wohl auch. Aber die Verlockung war wirklich zu groß, sich das ein bisschen auszumalen. Angelique Kerber als neue Grand-Slam-Siegerin? Das wäre es doch gewesen!
Und was für eine Auslosung hatte unser Nordlicht da in Paris erwischt — Bartoli weg, Kusnezowa weg, Asarenka weg, und sie steht schon im Viertelfinale. Erst Errani eliminieren, dann Stosur, dann Scharapowa im Endspiel - komisch, es klang in der Theorie so schön einfach. Aber träumen muss im deutschen Damentennis doch wohl erlaubt sein. Andrea Petkovic war letztes Jahr in drei Viertelfinals, Sabine Lisicki im Halbfinale und Kerber auch. Viel fehlt den Mädels doch wirklich nicht mehr. Außer vielleicht Erfahrung.
Die hat Kerber in Paris nun auch gesammelt. Gar nicht so einfach, wenn plötzlich alle erwarten, dass man weit bei einem Grand Slam kommt. Damals, im letzten Herbst vor den US Open, da hatte man sie neben dem quirligen Trio irgendwie ein bisschen vergessen. Als Petkovic, Görges und Lisicki ihren Erfolgslauf auch noch mit flotten Sprüchen und hübschen Hochglanzbildern aufpeppten, da war Kerber immer mehr in die zweite Reihe gerückt. Und es lief auch einfach nicht. In der ersten Saisonhälfte kassierte Kerber zehn Erstrundenniederlagen — eine bittere davon in Paris, und dann folgte noch ein verpatzter Wimbledonauftritt. Kerber zweifelte viel, stellte sich die Sinnfrage. Sie wusste nicht, wie sie ihre Karriere angehen sollte, ob es sich überhaupt lohnte, sie weiterzuverfolgen.
In New York hat's klick gemacht
Sie wusste nur: Irgendetwas musste anders werden. Das Problem: Sie mag keine Veränderungen. Deshalb kostete es Kerber auch ziemliche Überwindung, sich in der Schüttler-Waske-Akademie in Offenbach zum Fitnessdrill einzufinden. Doch Petko als Motivationshilfe zog und der Muskelkater lohnte sich, heute weiß sie das: "Ich war zu unprofessionell. Früher fehlte mir die Reife, mich auf eine Weiterentwicklung als Spielerin einzulassen. Ich brauchte Zeit, um mich aus alten Strukturen zu lösen und neu anzufangen." Im Herbst gab es dann die Version "Kerber reloaded", und in New York machte es endgültig "klick". Als Nummer 92 der Welt unter die letzten Vier zu kommen, das ist schon mal eine Ansage.
Und natürlich gab es die Ersten, die fürchteten, sie könnte ein typischer Fall von Eintagsfliege werden. Aber von wegen. Sie blühte regelrecht auf, in jeder Hinsicht. Seit New York hat Kerber neun Mal das Halbfinale bei einem Turnier erreicht — oder besser. Zwei Titel heimste sie ein, Top-Ten-Spielerinnen fegte sie auch vom Platz. Jetzt ist sie selber eine. Das Selbstvertrauen wuchs und wuchs. Den herben Rückschlag im Fed Cup steckte sie auch weg. Bei einem so rasanten Aufstieg wie im Zeitraffer kann nicht immer alles auf Anhieb klappen. Damit muss man leben. Aber sie hat ihre neue Rolle angenommen. Gestatten, Angelique Kerber: Grand-Slam-Anwärterin. Jawohl. In Paris zählte sie sich schon zum Kreis der Titelfavoritinnen, das neue Selbstvertrauen ist jetzt auf dem Niveau einer Spitzenspielerin angekommen. Und genau so muss es auch sein. Allez, Angie!
