Liebe Fußball-Freunde,
"Was erlauben Scholl?", möchten viele in bester Trapattoni-Manier dem Chefkritiker der deutschen Nationalmannschaft zurufen, um ihrem Ärger Luft zu machen.
Wie kann es Mehmet Scholl wagen, unseren Supermario so zu diskreditieren und persönlich zu beleidigen? Ausgerechet in dem Augenblick, in dem er seinen größten persönlichen Erfolg im DFB-Dress abliefert? Und auf einmal fürchten viele Nationalspieler, von den sogenannten Experten und Kritikern zum Freiwild erklärt und am Nasenring durch die Medienarena gezerrt zu werden.
Ist das wirklich so? Oder nur die Paranoia einer allzu sensiblen Elite-Auswahl, die sich bisher, im nationalen Interesse, fast jeden Widerspruch verbeten durfte. Dahinter steht die grundlegende Frage: Darf unsere Fußball-Nationalmannschaft öffentlich in Frage gestellt werden?
An Harmlosigkeit kaum zu überbieten
Denn das zumindest ist augenfällig: Im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Feldern wie der Politik, Wirtschaft oder Kultur, die von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern durchaus sehr kritisch begleitet werden, wird dem Fußball respektive der Fußball-Nationalmannschaft bei ARD und ZDF ausnahmslos der Hof gemacht.
Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung über die deutsche Nationalmannschaft ist oft oberflächlich und an Harmlosigkeit kaum zu überbieten, der Reporter begreift sich in der Rolle des Fans, nicht in der des kritischen Begleiters. Es geht um Profanes wie Tagesform und Verletzungen, um innere Befindlichkeiten, um echte Analyse, um die Brüche an der glatt polierten Oberfläche geht es selten.
Fußball und ganz speziell die DFB-ELF ist eine heilige Kuh, die inhaltlich nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden darf. Hat es damit zu tun, dass das Recht, die Spiele zeigen zu dürfen (ganz egal ob Bundesliga oder Nationalmannschaft), teuer eingekauft werden muss? Will man sich das wertvolle Gut nicht in einem Anflug selbstreferentiellen Masochismus' madig reden?
Beisshemmung am Mikrofon
Es kommt nicht von ungefähr, dass die sogenannten Fußballkritiker im deutschen Fernsehen, ganz im Gegensatz zu einer anderen großen Fußballnation wie England, bis auf wenige Ausnahmen (ganz früher Netzer, heute noch manchmal Beckenbauer in seiner anarchischen, Effenberg in seiner polternden oder Scholl in seiner ironischen Art), gar keine sind.
Da hat kaum einer Essentielles zu einer kritischen Diskussionskultur beizutragen. Beisshemmung nennt man das im politischen Genre, wenn die Nähe zwischen den Mächtigen und denen, die sie kontrollieren sollen, zu groß ist. Und wer möchte das im deutschen Fußball-Fernsehen abstreiten?
Es gibt kaum einen Experten, der wirklich sagt, was er denkt, weil er Angst hat, was es ihm kosten könnte. Meist handelt es sich um ehemalige Profis, Schiedsrichter oder Trainer, die immer noch enge Beziehungen zu den bestimmenden Figuren bei der DFL oder dem DFB unterhalten, so dass von Unabhängigkeit nicht die Rede sein kann. Die heutigen TV-Experten wollen es sich mit denen nicht verscherzen, über die sie zu Gericht sitzen.
Kein Standpunkt mehr übrig
Eine absurde Logik, die sich nach außen hin aufklärerisch gibt und doch nach innen alles so belässt wie es ist. Meist erzählen sie dann nur das Offensichtliche und wenn sie sich klar zu einer Sachlage oder einer Personalie positionieren sollen, ist sehr oft kein pointierter Standpunkt mehr übrig.
Ganz deutlich wird das Z. Bsp. bei Ottmar Hitzfeld (Sky), der jeder pointierten Nachfrage ausweicht. Und auch Mehmet Scholl (ARD) und Oliver Kahn (ZDF) haben oft genug eine detailiertere Analyse verweigert, obwohl sie es viel besser wussten. O-Ton Scholl: "Dazu sage ich jetzt nichts!" Etwas zu sagen, ist aber seine Job-Beschreibung! Scholl ist eben immer noch Angestellter des FC Bayern.
Um so erfrischender, dass er bei der EURO der einzige ist, der ein offenes Wort pflegt. Dafür sollte Fan dankbar sein (dass Gomez zu wenig Laufarbeit verrichtet, ist bei Bayern wie der Nati ein offenes Geheimnis, öffentlich diskutiert wurde das bei ARD und ZDF aber nie. Warum nicht?).
Reflex: Schotten dicht!
Kann man den Kickern ihre Dünnhäutigkeit vorwerfen, mit der sie reflexhaft reagieren, wenn sie es in der Käseglocke ihres von Managern abgeschotteten Lebens nicht anders gelernt haben? Kritik wird immer mit dem gleichen Reflex beantwortet: Schotten dicht!
Nur ein Beispiel: 2006 und 2007 reagierten Schalke 04 und Borussia Dortmund auf eine kritische Öffentlichkeit mit einem Medienboykott. Die Spieler, deren Gehälter durch die Millionenbeträge der TV-Anstalten subventioniert wurden, weigerten sich mit genau diesen zu sprechen. Was für ein Irrsinn!
So weit wird es bei der EURO zwischen der DFB-Elf und Scholl-Sender ARD nicht kommen. Aber es schadet sicher nicht, sich bei denen umzusehen, die die nötige Erfahrung im Umgang mit ihren schärfsten Rezensenten mitbringen. Martin Walser schrieb dazu gleich einen ganzen Roman. Titel: "Tod eines Kritikers." Gemeint war nich Scholl, sondern Marcel Reich-Ranicki.
Sollte Mario Gomez nach der EURO dafür Zeit finden, es dürfte ein Bestseller werden.
Thilo Komma-Pöllath

