Hat eine ganz eigene Sicht der Dinge: Felix Magath
Liebe Fußballfreunde,
die Bundesliga ist, auch wenn das viele anders sehen, natürlich nicht das ganze Leben. Sie ist ein winziger Ausschnitt davon, eine perfekt inszenierte Scheinheiligkeit, in der ein Verhalten toleriert wird, mit dem man im sogenannten richtigen Leben kein Bewerbungsgespräch bestehen würde.
Eine Scheinwirklichkeit, die ganz offenbar die Gedankenwelt ihrer Protagonisten so stark beeinflußt, dass diese sich, wenn sie sich der Liga zu lange aussetzen, der Lächerlichkeit preisgeben - ohne dass sie es merken. Die Bundesliga ist ein Kauzklub und Felix Magath nur dessen prominentester Vertreter. Der siebte Spieltag hat das wiedermal eindrucksvoll gezeigt.
Besser oder Schlimmer denn je: in Wolfsburg grassiert die Schizophrenie
Ein Beispiel: Der VfL Wolfsburg steht also ganz unten im Tabellenkeller. Und als Magath nach dem Spiel bei seinem Ex-Arbeitgeber Schalke gefragt wird, wie denn aktuell die Gefühlslage sei, spricht Magath in das Mikrophon des verblüfften Reporters, dass er erstens nicht wisse, worauf dieser abziele und zweitens, das Binnenklima im Verein immer besser werde. Nach zuletzt drei Niederlagen in Folge, ohne einen einzigen Torerfolg und Platz 17 eine doch ziemlich exklusive Meinung des Cheftrainers, der immerhin einen der teuersten Kader der Liga unterhält.
Ein paar Minuten später wird Josué gefragt, ob das denn stimme und der Brasilianer, der mit dem VfL gegen den Abstieg gespielt hat und Deutscher Meister wurde, es also ziemlich gut beurteilen kann, wie die Dinge in Wolfsburg intern diskutiert werden, sagt dann also, dass die Lage schon oft schlimm war, aber so schlimm wie im Augenblick war sie noch nie. Ist es Zufall, dass Josué, der in der Meistersaison Kapitän war, heute kaum noch zum Zug kommt?
Magath begreift die Liga wie ein Fan das Bundesliga-Manager-Spiel
Seit 1995 ist Magath Bundesligatrainer und wenn man sagt, er habe bereits die halbe Liga (von HSV bis Bayern München) trainiert, dann ist das keine Übertreibung. In dieser Zeit in der "Käseglocke Bundesliga" hat sich Felix Magath eine Sicht auf die Dinge und das Leben zurechtgelegt, die in der Realität eher befremdlich wirken.
Noch ein Beispiel: Nach der Pleite gegen die Bayern hatte Magath, den alle Welt als "Quälix" kennt, bei einem Waldlauf die Getränkeflaschen so rationiert, dass nicht jeder VfL-Spieler genug zu trinken hatte. Und auch wenn keiner verdurstet ist, zeigt es doch, dass sich Magath in seinem Herrschaftsbereich Fußball ein totalitäres Führungsverhalten erlauben darf, für das er in jedem privatwirtschaftlichen Unternehmen auf die schwarze Liste verbannt würde.
Magath - der letzte Absolutist der Liga
Oder: Das größte Problem Magaths, schreibt Spiegel Online, hat fünf Buchstaben: K-A-D-E-R. Dass Magath zu jeder neuen Saison 15 Spieler verkauft und dafür 20 neue holt, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Wenn man auch bis heute nicht ganz begriffen hat, warum er das tut. Gerüchte, wonach Magath an den Transfers persönlich partizipiert, um es einmal vorsichtig auszudrücken, werden immer mal wieder laut, bewiesen wurde nie etwas.
Seinen Job begreift er wie ein Fan das Bundesliga-Manager-Spiel. Er verschiebt die Figuren auf dem Rasen wie es ihm gefällt, weil er es kann. Er nimmt keine Rücksichten, der Fußball ist seine Welt, die er sich nach seinem Gusto formen kann. Er ist der letzte Absolutist in einer Liga der weichgespülten Trainer.
Magath ist mein samstägliches Déjà-vu: Er war schon immer da
Wenn man ihn dazu befragt, braucht man von Magath auf solche Fragen keine ernsthaften Antworten erwarten. Der Autor dieser Zeilen hat mehrfach längere Gespräche mit ihm geführt. Einmal, als Magath wieder einmal die Freigabe eines Interviews verweigerte, sagte dieser den bezeichnenden und für Magath typischen Satz: "Aber Sie können doch die Sätze nicht so hinschreiben wie ich sie gesagt habe!" Die Gegenfrage sei noch erlaubt: "Wie denn sonst?" Magath traut seinen eigenen Worten nicht, deshalb flüchtet er sich in Schweigen oder seinen ironischen "Ihr-habt-ja-alle-keine-Ahnung"-Habitus.
Seine aktive Zeit als Spieler mitgerechnet, ist Felix Magath nun seit 1976 fast ununterbrochen in der Bundesliga. Also ziemlich genau 35 Jahre. Er ist mein samstägliches Déjà-vu an der Seitenlinie, eine Liga ohne ihn habe ich nie kennengelernt. Warum tut er sich das an? Seine Frau und die minderjährigen Kinder wohnen in einem großen Haus in München und Felix Magath sitzt in Wolfsburg im Hotel und lässt sich mit Wichtigkeit und Macht umschmeicheln von einem Weltkonzern (VW) und einem Parallelleben (Fußball). Nicht auszudenken, wenn er mal aus der Glocke tritt und frische Luft schnappt im wirklichen Leben.
Thilo Komma-Pöllath
