Liebe Fußball-Freunde,
heute einmal etwas, was es an dieser Stelle sonst nicht gibt: uneingeschränkte Begeisterung. Es war ja erst der vierte Spieltag, aber der hat mal richtig Spaß gemacht. Warum?
Herrliche Innovation: Eine Liga ohne Konstante und mit den Bayern
Der orientierungslose Tabellenletzte (Hoffenheim) bezwingt die zuvor ungeschlagenenen Euphoriker (Hannover), der fehlkalkulierte Tabellenvorletzte (Hamburg) verkloppt den Deutschen Meister (Dortmund), die Schlampe der Liga (Frankfurt) sorgt für den besten Saisonstart eines Aufsteigers in der Geschichte der Liga und wie innovativ Klubs wie der Club, Düsseldorf oder auch Fürth aus (fast) keinem Etat ein Team basteln, ist an sich ein Ereignis.
Eine Liga ohne Konstante, wäre da nicht der FC Bayern, der endlich wieder dort anzutreffen ist, wo man ihn zwei Jahre vergebens gesucht hat: ganz oben. Präses Uli Hoeneß hat ja gerade Champagner versprochen für den Tag, an dem er alle Journalisten zufrieden gestellt hat. Ich will mich mit meiner Frontalanbiederung heute schon mal für die erste Magnumflasche bewerben.
Also: Die Bayern haben ihre Mental-Delle aus der Vorsaison fürs Erste überwunden. Aufgrund des erhöhten Binnendrucks im Kader scheint das Ego wieder hergestellt. Das ebenso rezeptpflichtige wie teure "Mandzukicpizarroshaqirimartinez" wirkt auf die verletzte Bayernseele wie ein Antidepressivum von Müller-Wohlfahrt. Frage: Hat der FCB auch Sektflöten im Fanshop?
Alleinstellungsmerkmal der Liga: Ausgeglichenheit & Wettbewerb
Die Bundesliga ist wie eine 34-teilige Matrjoschka-Puppe - mit dem Unterschied, dass man nie weiß, was als nächstes kommt. Die Ausgeglichenheit und Wettbewerbsfähigkeit der 18 Vereine ist der "Unique Selling Point" der Liga schlechthin im internationalen Vergleich.
Und gerade die vermeintlich stärksten Topligen Europas wie Spanien und England haben dort ihr größtes Defizit. In Deutschland sind nach vier Spieltagen gerade noch drei Mannschaften ohne Niederlage (Bayern, Frankfurt, Düsseldorf), in Spanien ist seit Jahren undenkbar, dass ein anderer Klub außer Real oder Barcelona Meister werden könnte.
Die Bundesliga taugt zum Exportschlager
Das Leben der anderen (Valencia, Bilbao, Atletico) spielt sich dahinter ab, als wäre es in den AGBs festgeschrieben. Wer einmal ein ganz gewöhnliches Ligaspiel, sagen wir zwischen Osasuna und Barca gesehen hat, der wird nicht glauben können, welche Klassenunterschiede in einem Spiel zweier gleichklassiger Teams auftreten können.
Das gilt auch für Stoke, Wigan oder Reading in England, wenn diese auf Chelsea oder ManU treffen. Könnte das Vereinigte Königreich gleich zwanzig Oligarchen für die Premier League gewinnen, vielleicht wäre dann eine ähnliche Leistungsdichte zwischen den Mannschaften der oberen und der unteren Tabellenhälfte möglich wie in Deutschland.
Die dezentrale Kultur unseres Landes (z. Bsp. Länderhoheiten vs. Bund) ermöglicht eine Wettbewerbsfähigkeit, die uns zum Export- und Fußballweltmeister gemacht hat. Diese Bundesliga ist der nächste ganz große Exportschlager made in Germany, um den uns die (Fußball-)Welt beneidet. Nicht wegen einiger weniger teurer Spitzenkräfte, auf die die Liga zur Not auch verzichten könnte, sondern wegen einer Breite, die schon Spitze ist. Uli Hoeneß kann meine Flasche ab sofort kaltstellen.
Thilo Komma-Pöllath

