War da was, Herr Platini?
Liebe Fußball-Freunde,
es mag ja den einen oder anderen Scherzkeks geben, der bereits die gewöhnliche Viererkette für ein undemokratisches System hält. Aber im Vergleich zur UEFA und Ihrem Präsidenten Michel Platini ist jeder beinharte Innenverteidiger ein "lupenreiner Demokrat", um es einmal mit Gerd Schröder zu sagen, langjähriger Mittelstürmer des TuS Talle.
Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mag ein großes Fußballfest sein, als gesellschaftspolitisches Großereignis, das nicht nur aus kommerziellen oder machtpolitischen Erwägungen im ehemals kommunistischen Osten reüssieren will, hat es auf ganzer Linie versagt. Fußball und Politik - sicher ein weites Feld. Aber was unter dem Deckmantel der EURO gerade als Fairplay, Freiheitsideal, Recht und Ordnung propagiert wird, ist abstrus und geschmacklos.
Die Fairplay-Kampagne der UEFA ist eine peinliche Phrase
Gerade erst wurde an Dänemarks Nicklas Bendtner, so wörtlich, "ein Exempel statuiert". Die Disziplinarkommission der UEFA verurteilte den Dänen wegen "ungebührlichen Verhaltens" zu einer Sperre von einem Pflichtspiel und 100.000 Euro Bußgeld. Der Grund: Bendtner hatte beim Torjubel seine mit einem nicht UEFA-Sponsor belegte Unterhose entblößt (die irische Wettfirma Paddy Power; d. Red).
Wenige Tage zuvor hatte Italiens Star-Stürmer Antonio Cassano auf einer Pressekonferenz gegen Homosexuelle gehetzt, ohne dass Platini oder seine Disziplinarkommission auch nur ein einziges Wort der Empörung dafür fanden. Sind ja nur die Schwulen!
Der italienische Wettskandal, die rassistischen Prügelorgien polnischer, russischer und kroatischer Hooligans oder die Schmähungen niederländischer Vollnasen gegen Spieler ihres eigenen Teams mit dunkler Hautfarbe - von Monsieur Platini kam vor allem viel eines: ignorante Hilflosigkeit. Angesichts dieser Entgleisungen taugt die Fairplay-Kampagne der UEFA "RESPECT", die an jeder Ecke aufgeführt wird, nur als wichtigtuerische, peinliche Phrase.
Der Fußball hat seine aufklärerische Wirkung verloren
Wir erinnern uns an die großen Diskussionen vor Beginn der EURO um die Inhaftierung der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Das Argument, das viele Politiker gegen einen Boykott angeführt hatten, war doch, dass man die Menschenrechtslage in der Ukraine vor Ort besser ansprechen könne.
Und, haben Sie was gehört? Wurde was angesprochen? Hat sich seit Beginn der "EURO 2012" irgendetwas an den Haftbedingungen der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin oder sich die Lage der anderen Oppositionspolitiker grundlegend verändert, verbessert? Also abgesehen davon, dass die Causa Timoschenko seit EURO-Beginn am 8. Juni von der Nachrichten-Agenda der meisten europäischen Länder und ihrer TV-Anstalten verschwunden ist?
Der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen fühlt sich in Weißrussland genauso wohl wie in der Schweiz, ist in Nordkorea so zuhause wie in Nyon oder Zürich, wenn er nicht anders verankert und vertaut wird. Der Fußball hat nichts Aufklärerisches, nichts Revolutionäres oder Demokratisches mehr, der Fußball soll nur noch den Status Quo betonieren und die Menschen einlullen. Was bei einer "Dreierkette" wie mit Janukowitsch, Scheich al-Thani oder Putin, die den Sport als Machtinstrument benutzen, beängstigend wird. Die demokratisch nicht gewählten Sonnenkönige des Spiels wollen es so. Und genau das ist das große Problem.
Der internationale Profifußball liegt an der Leine von zwei autokratischen Verbänden (FIFA, UEFA), geführt von zwei Präsidenten (Blatter und Platini), die sich in ihren Reden, ihrem Gestus, ihrer Eitelkeit, ihrem bedingungslosem Machtanspruch und ihrer zweifelhaften demokratischen Gesinnung von Janukowitsch & Co. gar nicht unterscheiden. Warum also sollten sie diese Potentaten kritisieren oder gar in die Schranken weisen, wenn Sie mit diesen großartige Geschäfte machen wollen?
Es ist an der Zeit für eine Occupy-Bewegung aus der Mitte des Fußballs
Als Philipp Lahm vor Beginn der EURO in einem mutigen Interview UEFA-Präsident Michel Platini zu einer angemessenen Reaktion gegen die Machthaber seines despotischen Co-Gastgeberlandes Ukraine aufforderte, kanzelte Platini den Deutschen in einer schulmeisterlichen Art und Weise ab ("Ein Fußballer soll sich nicht über Politik äußern!"), wie man das sonst nur aus von irgendwelchen gescheiterten Prügelpädagogen kennt. Warum lässt sich der Fußball, warum lassen sich gestandende Profifußballer so eine Gängelung gefallen? Wo ist der Ungehorsam, was haben Sie zu fürchten?
Als Manager und Banken auf dem Höhepunkt der Finanzkrise sich soweit von den normalen Menschen entfernt hatten, dass diese ihre Wut auf die Straße trugen, entstanden die ersten Zeltstädte vor der europäischen Zentralbank in Frankfurt oder der Wall Street in New York.
Es ist längst Zeit für eine Occupy-Bewegung aus der Mitte des Fußballs heraus, aus der Mitte der mündigen Profifußballer heraus, um den Fußball zu befreien. Das mag naiv klingen, aber ein Volkssport wie Fußball, der sich nicht dafür interessiert, wenn er von Menschenfeinden instrumentalisiert wird, der ist nichts wert. Das wissen wir Deutsche schon seit Berlin 1936.
Noch ein kurzer organisatorischer Hinweis: Die VIP-Zelte der Fußball-Stars können ab sofort an folgenden Standorten aufgeschlagen werden:
UEFA, Route de Genève 46, CH-1260 Nyon 2; FIFA, FIFA-Strasse 20, 8044 Zurich
Wir sehen uns!
Thilo Komma-Pöllath
