WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Thilo Komma-Pöllath

    Der Fußball hat ein Mob-Problem

    Liebe Fußballfreunde,

    rein politisch betrachtet war der dritte kein guter Spieltag für den FC Bayern. Bundeskanzlerin Angela Merkel, von der immer behauptet wird, dass sie eine Menge Ahnung hat vom Fußball, war beim Deutschen Meister in Dortmund im Stadion. Um schönen Fußball zu sehen, wie es Jürgen Klopp danach ausdrücklich vermerkte. Und der Friedens-Nobelpreisträger und Polit-Weltstar Henry Kissinger besuchte seine alte Heimat Fürth, um das Spiel eines Tabellen-13. zu bewundern. Und bei den Bayern? War wenigstens ihr ehemaliger Provinzfürst Stoiber im Stadion? Und wenn nicht der, dann doch wenigstens Faktenmann Markwort? Sicherlich Uli Hoeneß, ein bekennender CSU-Mann, vielleicht der nächste Dobrindt der Parteil, aber noch ohne offizielles Amt. Wobei, das stimmt ja gar nicht.

    Die Bundesliga als Integrationsvehikel - wirklich?

    Hoeneß ist Vorstand der Deutschlandstiftung Integration und als solcher maßgeblich dafür verantwortlich, dass die 18 Bundesliga-Klubs am Wochenende nicht ihre schnöden Sponsoren auf der Brust Schau liefen, sondern den Slogan "Geh deinen Weg", Claim der Stiftung. Die Bundesliga lobte sich im Vorfeld selbst für ihren ungeheuerlichen Mut, ein Bekenntnis zu setzen für eine offene Gesellschaft und gegen jede Form der Diskriminierung. Die Stiftung will "Toleranz und Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichem nationalen, kulturellen und sozialen Hintergrund" fördern, heißt es bei Wikipedia. Und auf der Website der Deutschen Fußball-Liga steht wörtlich: "Es gibt kein besseres Vorbild für gelebte Integration als den Fußball." Wie man sich doch täuschen kann.

    Der Fußball verschärft gesellschaftliche Tabus: Gewalt, Rassismus, Homophobie

    Mit der Realität hat diese "Show-Veranstaltung" (tatsächlich: O-Ton Hoeneß) freilich nichts zu tun. Was der deutsche Profifußball unter Integration versteht, sollte man vielleicht einmal Dresdens Stürmer Mickael Poté fragen, der in der ersten Runde des DFB-Pokals von denen gegnerischen Fans aus Chemnitz auf das Übelste beschimpft wurde, nur weil sein Teint sich von der ostdeutschen Blässe ein wenig unterscheidet. Wurde irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen?

    Oder der schwule Fußballer, der letzte Woche in dem Jugendmagazin "Fluter" anonym aus seinem Leben erzählte und mit der Erkenntnis schloss: "Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme". Oder wir sollten Kevin Pezzoni fragen, warum er nicht mehr beim 1. FC Köln angestellt ist? Und warum sein Klub nicht die Courage hatte, ihn vor den eigenen Hooligans schützen zu können. Ein Skandal, dass die Vereinsführung Pezzoni sich selbst überließ, nur wenige Wochen vor der unglaubwürdigen Gutmenschenaktion "Geh deinen Weg".

    Wir könnten noch viele gesellschaftliche Tabu-Themen heranziehen, die unter dem Brennglass der Fußball-Bundesliga verstärkt und nicht gelöst werden: etwa Fußballer, die unter Depressionen leiden (Hatten wir nicht mal einen Fall Enke?) oder Alkoholsucht (in Kürze kommt das Buch von Uli Borowka über seine Alkoholikerlaufbahn), haben bis heute keine Chance, sich zu offenbaren, um eine Therapie zu beginnen. Fans und Vereinsbosse wären die ersten, die sich einig wären, dass der Vertrag "selbst beim besten Willen" nicht bestehen bleiben könne.

    Wer schon einmal in einem Fußballstadion war und den lyrischen Gesängen der verschiedenen Fankurven gelauscht hat ("Schiri, du Arschloch!"), wer weiß, in welcher Art und Weise sich die Spieler auf dem Fußballplatz gegenseitig beschimpfen, muss sich sowieso fragen, warum ausgerechnet der Fußball ein Vorbild für gelebte Integration sein soll. Ein Vorbild für gelebte Vorurteile, Ressentiments und menschliche Abgründe träfe es wohl besser.

    "Westerwelle spielt nicht vor 80.000 Zuschauern", hat Philipp Lahm einmal geantwortet auf die Frage, warum sich Politiker heute zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen können, Fußballer aber nicht. Was er meint, aber nicht sagen darf: Der Fußball hat ein Mob-Problem. Die archaischen, gruppendynamischen Prozesse in einem Fußballstadion fördern die niedrigsten Instinkte und lassen jeden gesunden Menschenverstand oft meilenweit hinter sich.

    Dagegen hilft vielleicht eine IQ-Kontrolle beim Einlass, aber sicher keine melodramatischen Bekenntnis-Orgien am dritten Spieltag. Der Profifußball in Deutschland sollte nach innen erzieherisch auf seine ambivalente Kundschaft wirken, statt nach außen hin so tun, als hätte man den Weltfrieden neu erfunden. Geh deinen Weg, Bundesliga!

    Thilo Komma-Pöllath

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