Wo versteckt sich hier ein Drecksack?
Maulkorb statt Meinung, Harmonie statt Haltung - die Nationalelf ist so talentiert wie nie, aber auch so unmündig: Sie gibt sich wie eine Betriebssportgruppe.
Liebe Fußballfreunde,
ein hochinteressanter Satz, mit dem ich heute beginnen möchte: "Wenn man meint, dass wir einen Dreckskerl brauchen, der dazwischen haut, auf Freund und Feind einschlägt, um etwas zu bewegen, den haben wir nicht. Darüber bin ich aber auch nicht böse, weil solche Spielertypen auch viel kaputt machen können." Gesagt hat ihn Bundesjogilöw spät nach der 4:4-Niederlage gegen Schweden.
Gesagt hat er ihn auch deshalb, weil Löw selbst ein unstillbares Harmoniebedürfnis hat, das er intern mit seiner einschmeichelnden Diktatur gnadenlos durchdrückt. Löw hat sich damit also nur selbst schützen wollen. Was genau ein Dreckskerl ist und was er denn kaputt machen könne, das hat er leider nicht gesagt. Piep,piep,piep - wir haben uns alle lieb. Dieser Löw-Satz ist die vorerst letzte Station zur Guildohornisierung des deutschen Fußballs.
Die talentierteste und unmündigste Spieleregneration, die wir je hatten
Gleichzeitig hat er damit auch die größte Schwäche der talentiertesten Fußballer-Generation offen gelegt, die Deutschland je hatte. Die Spieler werden und wurden zur Unmündigkeit erzogen, die diametral zu ihren sportlichen Fähigkeiten verläuft. Mutmaßlich sogar deswegen: Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn einer Weltklasse spielt und dann auch noch Forderungen hätte.
Es fehlt eine Haltung , eine Meinung zum Ihrem Tun auf dem Rasen und damit auch das, was man Leadership nennen könnte. Das Schweden-Spiel hat es gezeigt, das Dortmund-Spiel bei Man City, das Italien-Halbfinale, das Chelsea-Finale der Bayern, die Liste könnte man beliebig verlängern.
Wie eine Betriebssportgruppe: wurschtig und apathisch
Leadership mag für viele nur ein Schlagwort sein. Aber wenn den Spielern tagaus tagein eingebläut wird "den Rand zu halten", sich keine eigenen, auch kritische Gedanken zur Aufstellung, zum Spiel-System, zur gemeinsamen Zielvorgabe zu machen und wie man sie denn umzusetzen gedenke, wenn mal also keine Verantwortung einfordert, dann führt das automatisch zu einer beamten typischen Apathie und Wurschtigkeits-Mentalität, nach dem Motto "Hauptsache das Geld wird pünktlich überwiesen".
Verloren geht dabei auch eine Fähigkeit, die jeder Selbstständige und Unternehmensgründer beherrschen muss: der Eigenantrieb. Der Wille, seine Talente auch in Erfolg zu transferieren, auch wenn man auf Schwierigkeiten, Gegenwind, ja Ablehnung stößt. Das heißt also: Gerade dann, wenn es eng wird, sich beweisen zu wollen und zu können. Wenn man die Betriebssportgruppe des Finanzamts München III sein will, spricht auch nichts dagegen. Aber nur dann!
Die "Typen" von früher waren nicht besser, aber sie hatten eine Meinung
Wenn heute also immer noch von den sogenannten "echten Typen" reminiszent geschwurbelt wird, also von Effenberg, Kahn oder Sammer, dann ist das zwar einerseits ein unerträglich rückwärts gerichtetes "Früher war alles besser"-Klischee. Zumal etwa ein Effenberg nie der große Fußballer war, für den er sich heute selbst hält.
Er war aber halt einer, der Beckham in der dritten Minute derart auf die Socken gestiegen ist, dass dieser keinen Mucks mehr von sich gab. Er tat das auch deshalb, weil er ganz genau wusste, dass er damit dem Spiel viel eher seinen Stempel aufdrücken konnte als mit seinen tatsächlichen spielerischen Möglichkeiten.
Erinnert sich irgendwer an große Effenberg-Partien, die auch wichtige Spiele waren? Effenberg hatte eine Haltung zum Spiel, zu seinen Mitspielern, zu Trainer und Fans ("Stinkefinger"), das nervte viele, aber das zeichnete ihn auch aus. Weniger sein tatsächliches Vermögen als Fußballer.
Özil, Klose, Reus - Sie haben nichts zu sagen!
Und wer also tritt heute den Balotellis, Ibrahimovics oder Drogbas auf die Socken? Der stumme Klose? Der schweigende Özil? Der introvertierte Reus? Gnadenlos gute Fußballer, sicherlich, aber was sagt es über den Spieler aus, wenn ein befreundeter Chefreporter einer großen deutschen Tageszeitung nach seinem ersten Reus-Interview bei der Nationalmannschaft zu mir sagt: "Nach zehn Minuten habe ich das Gespräch abgebrochen, er hatte nichts zu sagen."
Löw hat sich mit seiner erneuten "Keine Dreckskerl-Devise" einen Bärendienst erwiesen. Er wird jetzt noch weniger einen finden, der auf dem Feld den Unterschied ausmacht.
Laut werden dürfen nur die jenseits der Außenlinie: Hoeneß & Sammer
Brüllen dürfen im deutschen Fußball, bezeichnender Weise, nur einige wenige jenseits der Außenlinie: ein Hoeneß, ein Sammer, mehr ist nicht. Ansonsten sollen ja auch die Trainer die Klappe halten und angepasst ihre Arbeit tun. Jupp Heynckes ist dafür ein Paradebeispiel.
Gerade deshalb ist Jürgen Klopp mit seiner forschen, manchmal auch aneckenden Art der folgerichtige Bundestrainer für diese Nationalmannschaft, die soviel Talent und so wenig Widerspruchsgeist in sich trägt. Einer, der sich selbst und auch seinen Spieler nicht per se den Mund verbietet. Zumindest hat es nach außen hin den Anschein. Aber in Deutschland gilt der Maulkorberlass ab sofort auch für Zweibeiner in kurzen Hosen.
Thilo Komma-Pöllath
