es gibt viele talentierte Fußballmannschaften,
große Fußballmannschaften gibt es wenige. Sehr wenige. Die deutsche Nationalmannschaft gehört seit Sonntagabend 22:32 Uhr dazu. Das 2:1 gegen Dänemark offenbarte eine Qualität, die das Löw-Team bisher nicht hatte: Es bewies, dass Deutschland auch Endspiele gewinnen kann. Also Spiele unter dem größtmöglichen Druck einer nationalen Erwartungshaltung. Eine Qualität, die man nicht erlernen kann, sondern die in einem angelegt ist, eine Qualität, die man sich trauen muss. Selbst wenn es noch kein Finale war - es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Mannschaft ihren ersten Titel erringt.
Jogis Jungs sind in Zukunft alle Titel zuzutrauen
Seien wir ehrlich: Die Vorrundenspiele gegen Portugal, Holland und Dänemark waren nicht die größte spielerische Offenbarung. Sie waren kein technisches oder taktisches Feuerwerk, aber sie waren ein lautes Fingerschnippen in die Zukunft. Spiele gewinnen zu können, die man gewinnen muss, ist eine neue Fähigkeit. Wir könnten jetzt klischeehaft über den "Killerinstrink", die "big points" oder von "Siegertypen" schwadronieren, es meint das Gleiche: die Fähigkeit, das ganz große Ziel nicht nur zu denken, sondern es sich auch zuzutrauen - im Spiel, auf dem Rasen, im Kopf. Diese Spiele zeigten eine gereifte Mannschaft, die die Chuzpe besitzt, Spanien vom Thron zu stoßen. Also Europameister 2012! Warum nicht? Und aller Voraussicht nach auch Weltmeister 2014! Wer denn sonst? Löws Team ist anders als 2006, 2008 oder 2010 ein Titelteam, eine Siegermannschaft, eine: große Mannschaft. Oder wie es die britische Presse ausdrückte: "Die Deutschen sind so gehaltvoll wie nie!" Keine andere Mannschaft dieser EURO vereint Fleiß und Spirit, taktisches Geschick und physische Überzeugungsarbeit, Ego und Vertrauen in einer Melange wie Jogis Jungs.
Was ist plötzlich anders? Wer nach dem Dänemark-Spiel bei den Interviews in die Gesichter der Spieler wie Sami Khedira oder Philipp Lahm schaute, der erkannte eine Ernsthaftigkeit, eine Entschlossenheit und ein Selbstvertrauen, wie man das in den letzten Jahren so nicht kannte. Keine Spur von Zweifel oder Larmoryanz, sondern die feste Überzeugung, dass diese goldene deutsche Fußballgeneration nicht leer ausgehen darf.
Beispiele gefällig? Die Art, wie Lars Bender in seinem ersten wichtigen Länderspiel auftrat und den entscheidenden Siegtreffer markierte. Die Art, wie der einst so sensible Mario Gomez jetzt regelmäßig als Torjäger und Leader auftritt. Selbst der unvermeidliche Lukas Podolski, der in seinem 100. Länderspiel noch einmal treffen durfte, trotz zuletzt großer Kritik und der doch in dieser geistig flexiblen Mannschaft einfach nichts mehr zu suchen hat. Die Art wie aus dem Phlegmatiker Jerome Boateng der Ronaldo-Beschwörer wurde... Man könnte die Reihe noch um den coolen Mats Hummels und den schlitzohrigen Andre Schürrle, "Terminator" Holger Badstuber und den eigentlichen Teamleader, Bastian Schweinsteiger, fortsetzen. Die englischen Kommentatoren hätten nach dem Dänemark-Spiel gesagt: "This was a game for men, not for boys!" Herrschaften, die Jogi-Jungs sind jetzt Männer.
Löw hat aus Phlegmatikern eine Willensmannschaft geformt
Aber darum geht es nicht. Es geht um die Kunst von Joachim Löw, aus einem Haufen talentierter Phlegmatiker eine Willensmannschaft geformt zu haben, der die zweiten und dritten Plätze der jüngsten Vergangenheit nichts anhaben konnten. Eine mentale Disposition a la "Wir sind die ewigen Zweiten" gibt es nicht. Stattdessen: "Wir sind das nächste ganz große Ding im Weltfußball!" Löw hat ganz offensichtlich das geschafft, was ihm die wenigsten zugetraut haben: Er hat seine Fähigkeiten als Systematiker, Pädagoge und Didakt gepaart mit der emotionalen und empathischen Ansprache, die alle erreicht. Die Zeiten, als Löw blutleer und gehemmt wirkte, weil er es allen recht machen wollte, hat er weit hinter sich gelassen. Er ist der Netzstecker dieser neuen Nationalmannschaft.
Löw hat die Qualitäten, der Pepe Guardiola unter den Nationaltrainern zu werden - was angesichts der wenigen Zeit, die er mit seinem Team verbringen darf, die viel größere Leistung ist. Löw ist wie Guardiola ein Sanftmütiger mit dem Ehrgeiz, bei aller smarten Nettigkeit auch der Beste sein zu wollen - und wenn es drauf ankommt, dann kann er auch ganz brutal. Am Freitag gegen Griechenland muss er sein nächstes Endspiel gewinnen. Löw kann das, seine Männer auch. Was sollte also noch dazwischen kommen.
Thilo Komma-Pöllath

