Liebe Fußballfreunde,
es passiert ja immer wieder mal, dass ein Chirurg oder Rechtsanwalt nach vielen Berufsjahren auffliegt, weil er nie eine Approbation besaß, geschweige denn jemals Jura studierte. Und trotzdem haben sie jahrelang operiert oder sind vor Gericht gezogen, als wäre es ihre ureigene Bestimmung.
Und jetzt also die Frage: Kann es sein, dass es unter den 18 Bundesliga-Cheftrainern welche gibt, die eigentlich gar nicht über das Sachverständnis verfügen, das sie als Fußballlehrer haben müssten? Die nur so tun, für Öffentlichkeit und Medien, die aber in Wahrheit bessere Gaukler sind, weil ihnen fehlt, was ein echter Trainer haben muss: eine eigene Idee vom Spiel, Wissen um Taktik und Lehre und die pädagogische Vermittlungskompetenz eines komplexen gruppendynamischen Prozesses, der der Fußball als Mannschaftssport nun mal ist. Um die Antwort kurz zu machen: Aber klar doch, die gibt es.
Das ist aber neu: Es gibt Trainer, die gar keine sind!
An den ersten fünf Spieltagen der neuen Saison konnten selbst Laien erkennen, dass vorgebliche Trainer wie Markus Babbel (Hoffenheim), Thorsten Fink (HSV), Bruno Labbadia (Stuttgart) oder Markus Weinzierl (Augsburg) keine "echten" Trainer sind. Sie hatten immense Schwierigkeiten, nach außen hin den professionellen Anschein zu wahren, angesichts zum Teil desolater Vorstellungen ihrer Teams. Die Frage wäre doch interessant, wie Stuttgart am zweiten Spieltag gegen den FC Bayern gekickt hätte, wenn der Blogger dieser Zeilen Brunos Elf vorbereitet hätte? Oder Hoffenheims Offenbarungseid zuhause gegen die Eintracht? Noch erbärmlicher wäre ja wohl schlecht gegangen...
Von Gotteslaune, Zauberwürfel und Josef Ackermann
Und wenn am 4. Spieltag der VfB plötzlich in Bremen ein ganz ansprechendes Unentschieden erzielt, um dann am 5. Spieltag wieder komplett unter die Räder zu kommen, dann sieht das doch viel mehr nach Zufall, Gotteslaune oder Zauberwürfel aus, als nach einem Ergebnis, dass man sich zielgerichtet erarbeitet hat. Was also kann ein Bruno Labbadia, dieser famose ehemalige Dribbler als Trainer? Offenbar nicht allzu viel.
Sage nicht ich, sondern die Statistik. Länger als eine Saison war Labbadia, außer bei seinem Heimatverein SV Darmstadt 98, nie beschäftigt: 2007/2008 Greuther Fürth, 2008/2009 Leverkusen, 2009/2010 HSV und ohne dass ich hellsehen kann, behaupte ich jetzt mal: 2010/2012 Stuttgart. Wenn es also die ureigene Aufgabe eines Trainers sein soll, ein bestimmtes Spielsystem einzupflegen, dem sogenannten modernen Konzeptfußball das Konzept zu schreiben, dann ist Labbadia Zeit seiner Trainerlaufbahn dazu noch gar nicht gekommen. Ist er also in Wahrheit vielleicht eher Arzt oder Anwalt?
Kleiner Exkurs: Ich versuche mir gerade folgendes zu Josef Ackermann vorzustellen: 2009 Sparkasse, 2010 Commerzbank, 2011 Deutsche Bank, und 2012? Vielleicht Credit Suisse oder Morgan Stanley? Wenn ein Banker es einmal versemmelt, kriegt er nie wieder einen Spitzenjob. Auf einen Bundesligatrainer wartet offenbar immer noch ein Klub, der ihn nötiger hat. Ein selbstreferentielles Jobversorgungsprogramm, dass man bei der Bundesarbeitsagentur sicher auch gerne im Portfolio hätte und der wesentliche Grund dafür, warum immer die selben Namen auf den Trainerbänken zirkulieren.
Trainer-Darsteller: smart mit Leerstelle
Also nochmal: Was ist dieser gut aussehende, kommunikative Trainer anderes als ein Darsteller seiner Selbst? Auffallend ist dann noch, dass auch Babbel und Fink zwei ebenso smarte und telegene Darsteller sind, die in der Verkaufe dessen, was sie Fußball nennen, nicht das geringste Problem haben. Der Horror beginnt dann wieder auf dem Trainingsplatz, wenn die Überforderung offensichtlich wird.
Ein Freund und langjähriger Bundesliga-Trainer hat mir einmal über Markus Weinzierl verraten, er habe nie einen fauleren Cheftrainer erlebt als diesen. Nicht nur weil er es mit der Arbeit grundsätzlich nicht so hatte, sondern weil er auch sonst, also in der reinen Fußballehre, um es einmal dezent zu formulieren, die ein oder andere Leerstelle aufwies.
Historisches Vorbild: Friedhelm Funkel
Natürlich gibt es für diesen Darsteller-Typus ein historisches Vorbild: Friedhelm Funkel, zwischen 1991 und 2012 Cheftrainer nahezu der halben Bundesliga: Rostock, Köln, Hertha, Bochum, Aachen betreute Funkel jeweils maximal eine Saison. Lediglich bei der Eintracht und am Anfang seiner Karriere (Uerdingen, Duisburg) durfte er länger ran. Besagter Bekannter und Bundesliga-Trainer erzählte mir auch, dass Funkel über Jahre hinweg das Training gar nicht mehr selbst geleitet habe. Das war immer sein Assistent.
Funkels Aufgabe bestand darin, am Samstag um 17.15 Uhr den Würgekick vor den übertragenden Kameras in 30 Sekunden TV-kompatibel zu erklären. Funkel kam einfach medial gut rüber, weshalb er viele seiner Jobs wesentlich länger behalten konnte als fachlich gerechtfertigt. Immer dann, wenn er BILD und Klubführung nicht länger an der Nase herumführen konnte, musste er die Segel streichen - die großzügige Abfindung gleich mit ein. Frage an meinen Bekannten: "Wie kann es sein, dass einer, der fachlich nichts drauf hat, so lange an vorderster Front im Millionenspiel Bundesliga mitspielen kann? Antwort: "Wenn du einen fähigen Co-Trainer hast, fällt das nicht auf. Und in der Bundesliga gibt es viele fähige Co-Trainer!"
In diesem Sinne: Achten Sie am Wochenende vielleicht doch mal auf die Herren Sözer (Stuttgart), Widmayer (Hoffenheim) und Heinemann (HSV). Der Kollege Weinzierl hat in Augsburg gleich drei Co-Trainer (Zellner, Beller, Barth). Die braucht er auch - ganz unten im Leerstellenbetrieb Bundesliga.
Thilo Komma-Pöllath

