Liebe Fußball-Freunde,
Überall im Fokus: Cristiano Ronaldo
der SPIEGEL schrieb letzte Woche über Cristiano Ronaldo: "Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, sich zum Gott des Balles zu tunen." Auf einem ganzseitigen Foto zeigten sie den Testosteron-Kicker im Jubelrausch: oben ohne, mit geballten Fäusten, aufgeblähtem Bizeps und schweißgeöltem Sixpack. Der Mann ist Poser durch und durch, ein neurotisch Selbstverliebter, ein Hochbegabter natürlich auch. Neu ist, dass selbst die seriösesten Fachmedien den Fußballer Ronaldo, offenbar angestachelt durch sein Imponiergehabe, zum größten Fußballer der Welt jazzen, so als sei Fußball Individualsport und Ronaldo der bessere Nadal. Was für ein Unfug!
DIE KOMMA-THESE: Mit diesem Ronaldo wird Portugal in diesem Jahr ganz sicher nicht Europameister! Mit diesem Egoshooter-Ansatz ist Ronaldo kein Spieler, der eine Mannschaft formen und prägen kann (das ist sicher das letzte was er will), geschweige denn eine ganze Fußballergeneration. Ronaldo ist, in seiner Gesamtwirkung auf das Spiel einer Elf, der überschätzteste Spieler des Fußball-Jahres.
Bei keinen anderen Spieler wurde im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine so übertrieben wie bei ihm. Der "SPIEGEL" artikulierte den Begriff von der "Menschmaschine", der mit der "Energie eines Teminators" spiele. Die "Süddeutsche Zeitung" widmete ihm eine ganze Seite 3-Geschichte und kürte ihn kurzerhand zum "besten Fußballer der Welt". Das war allerdings noch vor dem Champions League-Halbfinale seines Klubs Real Madrid gegen den FC Bayern. Madrid scheiterte im Elfmeterschießen und Ronaldo war nicht deshalb der große Verlierer, weil er den entscheidenden Elfmeter verschoss. Er hatte es ein weiteres Mal nicht verstanden, in der Definition des "Primus inter Pares" seine Mannschaft geschlossen hinter sich zu bringen. Wieder einmal wollte er diese einzigartige Ronaldo-Soloperformance als Eurovisions-Sendung in die Welt hinausposen. Es sollte dem FC Ronaldo gehuldigt werden, nicht Real Madrid. Selten ist einer so ganzheitlich dabei gescheitert wie Ronaldo.
Was ihm ganz offensichtlich fehlt, ist ein Charakterzug, den man kaum lernen kann: die Fähigkeit zur kollegialen Empathie. Es gibt Mannschaften, die zerreissen sich für ihren Leader. Weil die Mitspieler diesen für seine Kunst bewundern und weil der Leader Ihnen wiederum das Gefühl gibt, wichtig zu sein für den gemeinsamen Erfolg und sich zwischenmenschlich auf Augenhöhe präsentiert. Barcelona ist so eine Mannschaft, der jedes Klassenbewußtsein fremd ist. Da spielt nicht ein Team PLUS Messi, sondern EINE Mannschaft mit Messi. Xavi & Co. wissen, dass die großen Titel nur mit dem kleinen Argentinier zu machen sind. Und Messi weiß umgekehrt, dass es ohne ein Back up nicht geht. Ganz abgesehen davon, dass ihm jegliche Selbststilisierung fremd ist. Dieses Binnenklima wächst und formt sich über Jahre, womit schnell erklärt ist, warum Messi mit Argentinien nicht annähernd so erfoglreich ist wie mit Barcelona (in dessen Jugendinternat Messi fußballerisch und menschlich sozialisiert wurde).
Ronaldo hält all das für Kinderkram. Seine Devise: "L'roi c'est moi!" - Der König bin ich! Statt: Mia san Mia! Da müsste er ja zugeben, dass er allein es gar nicht schaffen kann. Robben ist der andere große Angeber des internationalen Fußballs, der offensichtlich nichts Großes gewinnen kann (zuletzt drei Mal Zweiter mit Bayern oder 2010 Vize-Weltmeister mit Holland), weil er seinen Mitspielern gehörig auf den Zeiger geht. Der Blick auf die Ergebnisse der ersten Spiele dieser EURO beweisen es: Teams mit selbstbewußten, talentierten Kollektiven haben ihre Auftaktpartien allesamt gewonnen: Russland, Kroatien, Dänemark und Deutschland. Probleme hatten andere. Eben jene Holland und Portugal.
Der selbstverliebte Solitär ist ein Auslaufmodell im modernen Fußball, der viel zu schnell und zu engmaschig geworden ist, als dass nicht doch noch ein Boateng ein Bein dazwischen bekommen kann. Im Einzelfall mag das auch mal zum Erfolg führen, als Konzept ist die flache Hierachie dann auf Dauer unschlagbar, wenn das "Mia san Mia" nicht nur bloße Phrase ist, sondern das Kollektiv durch viele gleichberechtigte Leader getragen wird und nicht durch einen (Ronaldo wie Robben) ad absurdum geführt wird. Große Persönlichkeiten machen die eigene Wirkung nicht an der Größe Ihres Egos fest. Das gilt vor allem für den Fußball.
Thilo Komma-Pöllath
Zur Person:
Der Sport-Journalist betreibt seit 2006 sein eigenes Redaktionsbüro KOMMA MEDIA in München und beobachtet seit vielen Jahren intensiv die Entwicklung des FC Bayern München und der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Komma-Pöllath, 40, schreibt heute als freier Autor u. a. für den Playboy, das SZ-Magazin oder die FAZ am Sonntag und entwickelt für Verlage und Unternehmen neue Magazinkonzepte. Der gebürtige Oberpfälzer hat in München Diplom-Journalistik studiert, war Sportchef der Zeitschrift BUNTE und gewann 2008 den Laureus Medien-Preis. Viele der aktuellen Nationalspieler kennt unser Mann aus persönlichen Gesprächen, ob Gomez oder Klose, Schweinsteiger oder Lahm, Kroos oder Özil. Komma-Pöllath interessiert weniger die aktuelle Tagesform eines Spielers, sondern vielmehr die perspektivische Entwicklung einer Fußballmannschaft wie z. Bsp. der DFB-Elf. Für Yahoo!Eurosport kommentiert er die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.
