Hallo liebe Skisprung-Freunde,
Der Meister und sein Musterschüler: Bundestrainer Schuster (r.) und Rekordler Freitag …
das war wirklich ein tolles Ergebnis mit der Silbermedaille bei der Skiflug-WM! Glückwunsch an die deutsche Mannschaft! Sie hat gezeigt, worauf es bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen ankommt, wenn es um die Medaillen geht — man muss dranbleiben.
Denn einer der Favoriten bleibt immer auf der Strecke. Und selbst die Österreicher haben ja gezittert, 20 Punkte Vorsprung waren am Ende gar nichts. Bei so einer großen Schanze machen eben Kleinigkeiten enorm viel aus. Es war ein super Abschlusstag mit weiten Sprüngen, und die Deutschen kamen mit den Nerven und den unterschiedlichen Bedingungen richtig gut zurecht. Die waren so stabil, einfach klasse.
Maxi hat ein Potenzial hoch sieben
Viele haben bei Maximilian Mechler etwas gezittert, aber von mir bekommt er das meiste Lob. Die anderen Drei im Team können diese guten Leistungen inzwischen konstant abrufen, das ist fast schon normal. Aber Maxi kann das noch nicht - obwohl er ein Potenzial hoch sieben hat. Dazu kam der enorme Druck bei so einem Höhepunkt. Wie er das gemeistert hat, war absolut genial. Er hat den kleinen Witterungsänderungen getrotzt und seine Leistung abgerufen. Es war für mich der Knackpunkt, dass Deutschland Silber geholt hat. Man sieht, dass der ein oder andere einfach etwas länger braucht. Ich bin ja auch erst mit 27 Jahren richtig draufgekommen. Bis dahin habe ich auch viel rumgedoktert und mal einen guten Wettkampf gehabt, dann wieder total versagt. Das sind Dinge, die kann man nicht planen. Und bei großen Wettbewerben ist es natürlich umso schwerer, locker zu bleiben. Maxi ist auf einem guten Weg, er wächst super in das Team rein.
Und er hat mit Richard Freitag und Severin Freund zwei Größen, an denen er sich orientieren kann. Das ist ganz wichtig. Es spornt an, und man zieht sich gegenseitig hoch. Das war zu meiner Zeit auch so. Wenn Martin Schmitt im Training optimal vorgelegt hat, dann wussten wir genau, wo wir hinmüssen. Da konnte man sich nichts schönreden. Und die Österreicher profitieren davon jetzt auch. Wenn da Neue dazu kommen, merken die sofort, wo Kofler oder Morgenstern hinspringen, und wo sie selbst irgendwann auch hinmüssen. Teams, bei denen der beste Springer vielleicht 20. ist, haben es da schwerer.
Man läuft den ganzen Tag mit Gänsehaut herum
Es ist schön, dass in Deutschland wieder etwas heranwächst. Es hat ein bisschen gedauert mit dem natürlichen Umbruch, das ist anderen Nationen aber auch passiert. Das sieht man jetzt bei den Norwegern, die plötzlich wie aus dem Nichts wieder da sind. Ich habe neulich zufällig mit dem finnischen Team im gleichen Flieger gesessen und der Trainer klagte, dass es ihnen einfach an Nachwuchs fehlt. Zu Ahonens Zeiten hatten sie viele Kinder, die Skispingen lernen wollten, die gibt es jetzt nicht mehr. In Finnland dauert es mit der Umstrukturierung, bei uns brauchte es auch Zeit. Aber was Werner Schuster jetzt geformt hat, ist absolut sensationell. Das freut mich einfach, weil wir in den nächsten Jahren auch wieder Sieger in unseren Reihen haben werden. Allein wenn jetzt Freitag einen sieben Jahre alten Rekord bricht, dann sieht man schon, dass sich etwas bewegt.
Aber ich muss sagen, als ich Robert Kranjec gesehen habe, da kribbelte es bei mir doch wieder. Ich wollte mich am liebsten umziehen und sofort selbst hoch. Er ist schon zu meiner Zeit gesprungen, und das mit ähnlich aggressiver Technik. Über Skifliegen geht gar nichts drüber, das Gefühl ist einfach unbeschreiblich. Man läuft den ganzen Tag mit Gänsehaut herum, und es fühlt sich nach purer Freiheit an. Ich hatte Robert schon vor der WM auf dem Zettel, für ihn freut es mich unheimlich. Er hat sich durchgekämpft, ist nach seinem schweren Sturz 1999 zurückgekommen. Und Skifliegen war immer seine Paradedisziplin.
Nur hatte er leider oft den ein oder anderen vor sich gehabt. Bei uns lief manches ähnlich, nicht immer ganz optimal, aber irgendwann wird man für seine Arbeit doch belohnt. Es war schön, die alte Zeit wieder etwas nachzufühlen, aber es ist Vergangenheit. Es hat sich inzwischen doch einiges geändert, ich bin seither auch nicht mehr gesprungen. Ich bräuchte doch eine gewisse Vorbereitungszeit, bis ich von so einer Schanze wieder herunterkäme und dieses geile Gefühl vom Skifliegen noch einmal genießen könnte. Dazu bin ich mit über 30 aber auch nicht mehr waghalsig genug...
Euer Sven Hannawald
