Schrecksekunde kurz vor Schluss
Seit Wochen wartete ganz Deutschland auf dieses Spiel, nun war es endlich soweit: Der Anpfiff in Lwiw beendete eine wochenlange Zeit der Anspannung und Vorfreude. Für Fans einer spektakulären Offensive hielt das Spiel nicht das, was es versprach. Die Partie wurde geprägt von zwei festen Defensivreihen.
Deutschland dominiert…
Von der ersten Minute an merkte man der deutschen Mannschaft an, dass sie die Partie dominieren wollte. Nach Ballverlusten wollte die deutsche Mannschaft das Spielgerät sofort zurückerobern. Besonders erpicht waren die Deutschen zudem auf das Fernhalten des Balles von den portugiesischen Außen. Gomez, Özil und Müller achteten beim Anlaufen der gegnerischen Innenverteidiger darauf, dass diese den Ball nicht nach außen spielen konnten. Auf diese Art sorgte Deutschland dafür, dass Nani und Ronaldo fast 90 Minuten lang ausgeschaltet wurden - sie bekamen schlicht keine Bälle.
Aber auch für die Spielkontrolle war das starke Pressing nützlich: Portugal blieb kaum Zeit am Ball, sie schlugen unter Druck viele lange Bälle. Die Iberer hingegen übten kaum Druck in der gegnerischen Hälfte aus. So konnte Deutschland im ersten und zweiten Drittel den eigenen Ballbesitz hochschrauben. Über 60% verbuchte die DFB-Elf in der ersten Halbzeit, bei einer Passgenauigkeit von fast 90%.
… ohne zu brillieren
Das Problem: Was im ersten und zweiten Drittel gut funktionierte, klappte im letzten Drittel gar nicht mehr. Sobald sich Portugal in seiner Ordnung am eigenen Strafraum aufgebaut hatte, gab es kein Durchkommen mehr für die deutsche Elf. Besonders das Zentrum war dicht gestaffelt: Meireles, Moutinho und Veloso schlossen intelligent die Räume.
Deutschland suchte deshalb oft den Weg über die Außen. In der Theorie war dies keine schlechte Idee: Ronaldo und Nani arbeiteten nicht immer stark nach hinten mit, offene Räume waren teilweise vorhanden. Allerdings krankte das Spiel über die Flügel an zu großer Statik. Außer durch den umtriebigen Özil bekamen Müller und Podolski kaum Unterstützung.
Rechtsverteidiger Boateng stieß vereinzelt nach vorne, Linksverteidiger Lahm sicherte über fast 90 Minuten ausschließlich defensiv ab. Dadurch, dass die portugiesischen Mittelfeldspieler mit auf die Flügel rückten, gab es oft 2-gegen-3- oder gar 2-gegen-4-Situationen. Gegen die gegnerische Überzahl auf den Flügeln konnte sich die deutsche Mannschaft nicht durchsetzen.
Nach dem Tor schwimmt Deutschland
So rannte sich die deutsche Elf in der Offensive fest. Da auch Portugal nach vorne viele Fehlpässe spielte und oft am starken Innenverteidiger-Duo Badstuber/Hummels scheiterte, entstand ein zähes Spiel. Deutschland verwaltete gegen tief stehende Portugiesen den Ballbesitz.
Ab der 60. Minute kam das deutsche Team vermehrt in den Strafraum, da die Spieler sich nun mehr Flanken zutrauten. Ihnen kam ebenfalls zugute, dass Portugal etwas mürbe wurde und im Mittelfeld den Druck verringerte. Schweinsteiger fand dadurch mehr Raum. In der 72. Minute konnte er rund 25 Meter vor dem gegnerischen Kasten den Ball ungestört zum frei stehenden Khedira auf halbrechts spielen, dessen abgefälschte Flanke landete mit etwas Glück auf Gomez Kopf. Das 1:0 war zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient.
Das deutsche Verhalten nach dem Führungstreffer war allerdings weniger überzeugend. Anstatt weiter die Kontrolle zu übernehmen, zogen die DFB-Elf sich weiter zurück. Portugal erhöhte den Druck und wagte jetzt ein früheres Pressing. Die deutsche Mannschaft verlor in der Folge ihre Passsicherheit um den Mittelkreis, jene Disziplin, die sie in den ersten 75 Minuten so stark machte. Auch die Verteidigung auf den Flügeln bröckelte, die nun oft aufrückenden Außenverteidiger Pereira und Coentrao peitschten ihr Team nach vorne.
Deutschland schwamm daher in der Schlussviertelstunde. Fünf der elf Schüsse, die Portugal abfeuerte, entstanden nach der 80. Minute. Hummels und Badstuber mussten in einigen Szenen in höchster Not retten. Durch einige Tacklings in letzter Sekunde sowie einer starken Parade Neuers (88.) brachte Deutschland den Sieg über die Zeit. Mit viel Geduld und etwas Glück starteten sie mit drei wichtigen Punkten in das Turnier.
Dieser Text ist eine Zusammenfassung aus der Spielverlagerung EM-Vorschau. Das E-Book bietet Taktikanalysen zu allen 16 EM-Teilnehmern.
Mit einem Klick auf das Titel-Bild des Buches können Sie mehr über das EM-Projekt der Spielverlagerung erfahren und ihr persönliches Exemplar als E-Book kaufen.

