Kann Karim Benzema auch in München jubeln?
In Spanien wurde das Spiel bereits als "europäischer Clasico" betitelt: Die Partie Bayern München gegen Real Madrid hält die Fußballwelt in Atem. Gerade Taktikgourmets erwarten viel von dem Aufeinandertreffen zwischen Altmeister Jupp Heynckes und Starcoach Jose Mourinho. Die wohl drängendste Frage vor dem Spiel: Bleiben beide Teams ihrer Grundphilosophie treu?
Sowohl die Bayern als auch Real sind Spitzenmannschaften in ihrer Liga. Im nationalen Wettbewerb gibt es praktisch kein Spiel, in dem sie nicht die Ballbesitzhoheit haben - das spanische Clasico einmal ausgenommen. Auch international waren sie in dieser Saison stets der Favorit. Nun treffen sie zum ersten Mal auf ein relativ gleichwertiges Team, das die gleiche Grundphilosophie verfolgt: Hoher Ballbesitz, viel Dominanz, schnelle Angriffe über die Flügel.
Ballbesitz um jeden Preis oder kontern?
Bisher war die Sache eindeutig: Beide Klubs hatten stets ein Ballbesitzplus. Im Champions-League-Halbfinale wird aber nun ein Team erstmals diese Saison ins Minus gehen müssen. Was zunächst simpel klingt, hat große Auswirkungen auf das Spiel: Beide Trainer müssen sich entscheiden, ob sie wie in der Liga auf Ballbesitz oder lieber auf schnelle Konter setzen.
Sollten beide Teams das Spiel kontrollieren wollen, könnte es eine hektische, von Zweikämpfen geprägte Kampfpartie werden. In diesem Fall würden die Mannschaften ein hohes Pressing wagen und dem Gegner keine Zeit am Ball lassen. Ein brutaler Kampf um Ball und Spielhoheit dürfte besonders für taktisch nicht interessierte Fans ein Hochgenuss werden - beide Teams würden sich gegenseitig zu Fehlern zwingen.
Die Frage ist, ob Defensivspezialist Mourinho solch ein Risiko eingehen will. Bereits vor zwei Jahren bewies er im Finale mit Inter Mailand, dass er die Münchener mit einer defensiven Formation kontern kann. Heynckes hat die Mannschaft zwar weiterentwickelt, aber die Grundphilosophie der langen Ballbesitzphasen und der Angriffe über die flinke Flügelzange blieb seit Luis van Gaals Scheitern im Finale 2010.
Zudem könnte Mourinho sich bei einem Konteransatz auf die Heimstärke seines Teams verlassen. Selbst wenn sie nur ein 0:0 holen, wäre dies die halbe Miete im Kampf um das Weiterkommen. Von Heynckes ist kaum zu erwarten, dass er von heute auf morgen das Grundgerüst der Mannschaft umbaut. Ein Ballbesitzplus der Bayern ist damit, je nach Risiko der Madrider, wahrscheinlicher.
Entscheidende Duelle: Reals linke Seite
Je nachdem, wie stark Mourinho von seiner Spielweise aus der Liga abweicht, wird auch die linke Seite aufgestellt. Normalerweise ist dies die große Stärke der Madrilenen: Dribbelkönig Cristiano Ronaldo zieht gerne nach innen und bekommt auf dem Flügel jederzeit Unterstützung vom aufrückenden Linksverteidiger, zuletzt Marcelo.
In dieser Partie hat die linke Madrider Seite jedoch einen starken Gegenspieler: Philipp Lahm gehört zu den besten Außenverteidigern der Welt, gerade in der Antizipation und im Umschaltverhalten. Wenn er es schafft, Ronaldo kaltzustellen, verliert das Spiel der Madrilenen einen Großteil seiner Torgefahr. Dazu könnte Bayern die Lücke hinter dem vorstoßenden Außenverteidiger ausnutzen. Ein abgefangener Pass von Lahm, ein weiter Ball auf Robben - genau dies könnte zur Erfolgsformel werden.
Es kann jedoch auch sein, dass Mourinho das Risiko der großen Räume gegen Robben nicht eingehen will. Er könnte auf einen Trick aus den Clasicos zurückgreifen: Damals rückte Ronaldo in die Mitte, wo er bei schnellen Kontern angespielt werden sollte. Auf links würde dann ein defensiv stärkerer Spieler auflaufen, der weniger Hilfe vom Außenverteidiger bräuchte. Leidtragender einer solchen Strategie wäre höchstwahrscheinlich Mesut Özil, der aus dem Zentrum auf die Bank weichen müsste.
Das Spiel der beiden europäischen Top-Teams ist nicht nur eins der meist erwarteten, es ist auch eins der am schwersten einzuschätzenden. Zwischen gnadenlosem Kampf um jeden Ball und einer bayrischen Dominanz bei gleichzeitigen Nadelstichen von Real ist alles möglich. Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

