WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Spielverlagerung

    K.o.-Spiel für DFB-Team

    Kein Schaulaufen gegen DänemarkKein Schaulaufen gegen Dänemark

    Heute geht es für Deutschland um den Einzug ins Viertelfinale gegen die bisher starken Dänen. Viele meinen, "einen Punkt werden die schon holen", aber wir beleuchten die Voraussetzungen dieses schweren Spieles.

    Personelle Ausganslage

    Beide Teams werden fast vollzählig antreten. Bei Dänemark fehlt Zimling eventuell angeschlagen, er würde eins-zu-eins von Jakob Poulsen ersetzt werden. Bei Deutschland fehlt Boateng gesperrt, die Alternativen sind Höwedes und Lars Bender für seine Rechtsverteidigerposition.

    http://de.eurosport.yahoo.com/tennis/livematch/512924.htmlDie wahrscheinlichen Aufstellungen

    Dabei spricht für Bender sein großes taktisches Verständnis und seine überragende Antizipationsfähigkeit. Gerade da sein Gegenspieler Krohn-Dehli oft in tiefere Räume ausweicht, könnten diese Stärken wichtig wären. Höwedes hingegen hat den Vorteil, dass er physisch überlegen ist und viel mehr Erfahrung auf der Position hat.

    Ansonsten sind kaum Wechsel zu warten. Möglich wäre wohl nur ein Tausch auf Deutschlands Flügeln, wo insbesondere Podolski in der Kritik steht — auch Flick und Löw gaben zu Protokoll, dass er offensiv mehr leisten kann, als er bisher zeigte. Mit Reus, Schürrle und Götze gibt es genug Alternativen, die alle ihr Vorzüge hätten.

    Die indviduellen Qualitäten der Dänen

    Im Schatten der Weltstars aus der Niederlande, Portugal und Deutschland, sind die Spieler von Dänemark stark aus dem medialen Fokus herausgerückt. Für ihre mannschaftliche Geschlossenheit ist die „Olsenbande" zwar bekannt, aber auch die individuellen Stärken des Teams darf man keineswegs ignorieren.

    Wir werfen einen kurzen Blick auf die Akteure, die vermutlich am heutigen Abend gegen Deutschland auf dem Platz stehen werden. Neben dreier Stars gibt es eine ganze Reihe von starken Spielern, die locker auf dem Niveau von Bundesliga-Stammspielern agieren.

    Die am häufigsten genannten sind Nicklas Bendtner, Christian Eriksen und Daniel Agger. Arsenal FC-Stürmer Bendtner ist gleichermaßen wuchtig wie technisch versiert, was aus ihm eine gefährliche Waffe macht. Agger, der Innenverteidiger von Liverpool, ist ein schneller, moderner Abwehrchef, der auch im Aufbauspiel überzeugen kann und gefährliche Vorstöße einstreut. Eriksen sorgt für das Überraschungsmoment; mit Wendigkeit, Technik und Auge spielt er die plötzlichen Pässe durch die Schnittstellen der gegnerischen Viererkette.

    Es gibt aber weitere wichtige Spieler von Format. William Kvist, absoluter Stammspieler beim VfB Stuttgart, sortiert das Spiel im defensiven Mittelfeld. Niki Zimling ist der Jäger neben ihm, der enorm weite Wege im Pressing geht und für Vorstöße im Angriffsspiel sorgt; im Grunde ist er der dänische Khedira und zeigte bisher ähnlich herausstechende Leistungen. Auch sein möglicher Ersatzmann Jakob Poulsen überzeugte gegen Portugal.

    Zudem ist der linke Flügel essentiell. Simon Poulsen war dort bisher einer der offensivstärkste Außenverteidiger des Turniers. In Verbindung mit dem starken Krohn-Dehli, der vor ihm invers spielt, ist Dänemarks linker Flügel stark und flexibel besetzt und stellte bereits seine internationale Klasse unter Beweis.

    Auch die restlichen Positionen sind überaus solide. Der von manchen Bundesliga-Beobachtern als Schwachpunkt ausgemachte Simon Kjaer, war in den vergangenen Monaten Stammspieler beim AS Rom und zeigte bei der EM bisher, weshalb dem so ist; auch er zeigte sich souverän und spielstark.

    Torwart Andersen, der für den verletzten Sörensen einspringen musste, spielt ebenfalls ein gutes Turnier und auch der potentiell schwächere rechte Flügel hatte gegen Portugal entscheidenden Einfluss: Mikkelsen, der für den angeschlagenen Rommedahl kam und auch gegen Deutschland wohl spielen wird, spielte Real Madrids Coentrao einige Male schwindelig. Jacobsen gab im letzten Spiel die Vorlage zum Ausgleich; er glänzt aber mehr durch seine taktische und defensive Sicherheit, viele seiner Hereingaben ließen an Gefährlichkeit vermissen.

    Eingespieltheit, Struktur und Kollektivgeist

    Deutlich markanter als die diversen Einzelkönner sind aber sicherlich die kollektiven Qualitäten Dänemarks. Ihre Mentalität ist von Zusammenarbeit geprägt, sie versuchen Probleme automatisch kollektiv zu lösen und sind ein arbeitsames Team. Anders als die Niederlande, ist Dänemark zweifelsohne keine Mannschaft, die man „kaputtarbeiten" kann. Die zuletzt bei der DFB-Elf gelobte Kohärenz wird heute keinen Unterschied ausmachen.

    Morten Olsen betreut die Mannschaft seit 12 Jahren und hat viele Mechanismen geprägt, was von Pressingansätzen über viele Standardvarianten geht. So können sie ein 4-2-3-1-Keilpressing spielen um den Gegner auf den Flügel zu drängen, oder sie pressen überaus aggressive in einem weit gestreckten 4-4-2, mit wechselnden Intensitäten.

    Im Vorfeld der EM arbeitete Olsen ganz besonders am Aufbauspiel, welches Dänemark mittlerweile überaus konsequent betreibt. Sie achten genauestens auf ihre Abstände und die Raumbesetzung, die Aufbaumechanismen sind detailliert durchstrukturiert. Diese Struktur verbinden sie mit einer hohen Fluidität und einigen markenten Spielzügen im letzten Drittel. Problematisch waren zuletzt individuelle Aussetzer, die gegen Portugal fast eine hohe Niederlage verursacht hätten.

    Pressing-Varianten

    Im Angriffspressing hat man die Möglichkeit, Dänemark weit vom eigenen Tor entfernt zu halten und die Mannschaftsteile voneinander zu isolieren. Insbesondere wegen des kopfballstarken Bendtners könnte dies eine wichtige Option sein. Die direkten Angriffe mit wenigen Leuten spielte Dänemark bisher oft nicht besonders gut und die wenigen beteiligten Spieler machen sie übersichtlicher. Allerdings ist die Variante kraftraubend, da man sonst riskiert, weiträumig umspielt zu werden.

    Das Mittelfeldpressing hat den Vorteil, dass hochwertige Ballgewinne im Mittelfeld, mit Spielern vor dem Ball und Raum hinter Dänemarks Kette möglich und wahrscheinlich sind. Effektive Konter sind sehr denkbar. Außerdem spart man etwas Kraft. Auf der anderen Seite setzt man sich so den dänischen Rochaden aus, was ein schwer zu kontrollierendes Stilmittel sein kann. Das deutsche Pressing ist nicht unbedingt auf Flexibilität ausgelegt.

    Aufbauspiel gegen Dänemark

    Nach vorne stellen sich weniger Fragen als im defensiven Ansatz. Da das deutsche Aufbauspiel gut strukturiert ist und mit Neuer, Badstuber und Hummels überaus passsicher Defensivspieler hinten stehen, dürfte es aber schwer werden für Dänemark, frühen Zugriff auf das Spiel zu erhalten. Für den Fall extremen Aufrückens sollte aber Lahm auf frühe Zuspiele lauern, durch seine inversen Dribblings kann er möglicherweise die direkten Zuordnungen lockern, die im Zentrum entstehen könnten.

    Ansonsten wird die interessanteste Frage, ob Olsen noch ein weiteres Konzept auspacken kann, welches Deutschland richtig schwierige Denksportaufgaben auf den Weg gibt. Eventuell setzt ja auch er auf ein kompaktes Mittelfeldpressing in 4-4-2-Grundordnung, damit die vertikalen Passwege der Innenverteidiger gesperrt werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass viele Angriffe erst am Strafraum aufgehalten werden können, was zuletzt schon Dänemarks Spiel bestimmte.

    Angriffsspiel gegen Dänemarks Riegel

    Dabei demonstrierten insbesondere die Niederländer, dass man nicht zu überhastet in den Strafraum spielen sollen. Die Dänen weichen teilweise sehr früh und zügig zurück, das schnelle Spiel in den Riegel hinein kann ihnen entgegenkommen. Die größten Probleme bekommen sie bei geduldigem Belauern des Strafraums mit vielen Verlagerungen, gerade wenn dies noch mit guten Bewegungen im Zentrum und Dribblings garniert wird.
    Sie lassen dabei auf den Flügeln oft die Möglichkeit zum Flanken offen. Da die Flanken dann aber erwartet werden, sollte man diese Option nicht zu oft und vorhersehbar ausnutzen. Falls doch sollten die Räume in Strafraumnähe gut besetzt sein: Portugal demonstrierte, insbesondere beim Treffer zum 2:0, wie wichtig ein gutes Gegenpressing auf die zweiten Bälle gegen Dänemark ist. In diesen abgebrochenen Umschaltmomenten können sie anfällig werden.

    Ansonsten lässt sich nicht viel spektakuläres über die Abwehr der Dänen sagen, außer, dass sie gut spielen. Sie stehen in zwei Viererketten in Strafraumnähe, wobei Eriksen situativ hilft. Sie machen wenig taktische Fehler, doppeln guten, arbeiten ordentlich mit Passwegen. Deutschland muss "ganz einfach" sehr gut spielen und die gewohnten Mechanismen in hohem Tempo abrufen, um ins Vordertreffen zu kommen. Wichtig dabei wird natürlich sein, wie Dänemark mit Özil umgeht — verfolgen sie seine Läufe oder verteidigen sie stärker raumorientiert?

    Fazit

    Es wird vermutlich ein großes Duell zwischen Passspiel und Pressing geben. Der bessere Pressingansatz könnte das Spiel dabei möglicherweise entscheiden. Umgekehrt gilt natürlich, dass wohl der gewinnen wird, der des Gegners Pressing besser umspielen kann. Einzelne Fehlpässe können außerdem jederzeit das Spiel entscheiden, wie Dänemark gegen Portugal andeutete.

    Auch die psychologische Komponente ist dabei nicht zu verachten. Die ungewöhnliche Situation, mit zwei Siegen "gefühlt" weiter zu sein, aber doch höchstwahrscheinlich noch einen Punkt gegen einen enorm unangenehmen Gegner zu benötigen, könnte zu Problemen bei der DFB-Elf führen. Sollte die Leidenschaftlichkeit des deutschen Spiels davon beschädigt werden, wäre das möglicherweise eine große Schwächung für die defensive Stabilität — gegen solch einen Gegner potentiell tödlich.

    Jedenfalls darf man als Fan des deutschen Teams nicht den Fehler machen, das Weiterkommen als automatisch vorauszusetzen, nur weil die Tabellenkonstellation gut aussieht. Fakt ist: Wenn Deutschland verliert, ist Deutschland wahrscheinlich raus. Und "Wird schon klappen!" hat noch nie ein Spiel gewonnen.

    Löws Elf hat heute ein K.o.-Spiel — Punkt.

    Tipp:

    Neben den aktuellen Analysen hat das Team der Spielverlagerung eine große EM-Vorschau erstellt. Das E-Book bietet Taktikanalysen zu allen 16 EM-Teilnehmern.

    Mit einem Klick auf das Titel-Bild des Buches können Sie mehr über das EM-Projekt der Spielverlagerung erfahren und ihr persönliches Exemplar als E-Book kaufen.

    Zurück zur Übersicht

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Vor kurzem gepostet