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    Spielverlagerung

    Analyse: Italien dreifach besser

    Italien, immer wieder ItalienItalien, immer wieder Italien

    Der deutsche Angstgegner sorgt für ein erneutes Trauma. Prandellis Elf gewinnt verdient, Löws taktische Wechselspielchen gingen nicht auf.

    Vor dem Spiel gab es einige offene taktische Fragen. Italiens Coach Prandelli beantwortete sie mit Kontinuität: Er setzte wie im Viertelfinale gegen England auf ein klassisches 4-3-1-2, sprich auf eine Mittelfeldraute. Das Experiment mit der Fünferkette, das gegen Finalist Spanien gut funktionierte, ließ er im Schrank. Personell musste er nur den angeschlagenen Ignazio Abate durch Federico Balzaretti ersetzen.

    Die Antworten seines Gegenüber Jogi Löws beinhalten hingegen eine Handvoll Überraschungen: Mit Toni Kroos Aufstellung stärkte der Nationaltrainer das Zentrum, die Formation war mehr ein 4-3-3 als ein 4-2-3-1. Durch diese taktische Änderung rückte Mesut Özil nach rechts. Auf links sollte der neu gekommene Lukas Podolski für Breite sorgen, im Sturm löste Mario Gomez Torjägerkollege Miro Klose ab.

    Löws Personalentscheidungen: Einmal richtig, zweimal falsch

    Leider muss gesagt werden: Nur einer der drei Wechsel ging auf, und selbst das nur halb. Kroos sorgte in der Tat für eine Stabilisierung im Zentrum. Zusammen mit Khedira lief er immer wieder Pirlo und seinen Nebenmann de Rossi an. Schweinsteiger blieb dahinter etwas tiefer und versuchte, die Räume gegen Montolivo und den aufrückenden Marchisio eng zu machen. In der Zentrale ging also immer ein Akteur auf den gegnerischen Ballführenden. Kroos blieb dabei fast durchgehend bei Pirlo, er sollte wohl die Kreise des Altmeisters überwachen. Zwar fiel der Bayern-Spieler offensiv zunächst kaum auf, er erledigte seine Defensivaufgaben dafür recht sauber.

    Grundformationen 1. HalbzeitGrundformationen 1. Halbzeit

    Die anderen beiden Ideen gingen weniger auf. Gomez brachte im Sturm nicht die erhoffte Explosivität und Kopfballstärke. Stattdessen fehlte im Sturmzentrum eine Anspielstation, Gomez kam nur bei hohen Flanken an den Ball. Zusammen mit dem wenig präsenten Podolski schwächte dies das Kombinationsspiel. Speziell im letzten Drittel verlor die deutsche Mannschaft effektiv gleich zwei Anspielstationen. Gomez bot sich zu selten an, Podolski klebte entweder am Flügel oder nahm das Tempo heraus. Kroos hing so über weite Strecken in der Luft, ohne Anspielmöglichkeiten nach vorne.

    Podolskis fehlende Präsenz war noch in anderer Hinsicht ein Problem: Dem deutschen Spiel mangelte es in Halbzeit eins an Breite. Dadurch dass Özil oft in die Mitte zog und Boateng dahinter nur zögerlich aufrückte, war das deutsche Spiel relativ linkslastig. Dies machte den Italienern das Verteidigen leicht. Ihr Defensivkonstrukt verschob sich nach der Anfangsviertelstunde klar auf Podolskis Seite. Sie konnten es sich erlauben, weit einzurücken. Gegen die italienische Überzahl auf dem Flügel und im Zentrum hätte es entweder schnelle Kombinationen oder Spielverlagerungen gebraucht — beides boten weder Podolski noch die anderen deutschen Akteure. Die deutsche Mannschaft konnte sich durch den fehlenden Spielfluss und die starke Asymmetrie nicht durchkombinieren, sobald sich die Italiener defensiv sortiert hatten.

    Italiens Vertikalspiel und Pressing stark

    Das Problem: Deutschland erwischte die Italiener nur selten unsortiert. Dies ist die große Stärke des italienischen Spiels: Gegen Spanien ist es fast unmöglich, den Ball zu gewinnen — gegen Italien ist es fast unmöglich, den Ball in einer guten Position zu gewinnen. Grund hierfür ist das risikoreiche, aber auch extrem starke Vertikalspiel der Italiener. Quer- und Rückpässe gibt es in ihrem Spiel kaum, sie suchen im Zentrum fast ausschließlich den direkten Weg in die Spitze. Ball annehmen, umdrehen, Vertikalpass — was für den Zuschauer teilweise recht amüsant aussieht, ist hocheffektiv.

    Das deutsche Pressing war nicht stark genug, dem Gegner Ballverluste im Zentrum aufzuzwingen. Nur wenige Zeilen nach dem Lob für Kroos muss dessen Leistung an dieser Stelle direkt wieder relativiert werden: Ja, er verhinderte Pirlos gefürchtete Geistesblitze in Form langer Bälle. Allerdings konnte er gegen den extrem ballsicheren Altstar auch keine Ballgewinne verbuchen. Auch gegen die anderen Mittelfeldspieler war die deutsche Mannschaft immer einen Schritt zu spät, der Pass war bereits gespielt, als sie attackierten.

    Die Italiener zeigten dabei, wie es besser geht: Mit Wucht und mehr Risiko rückte das Mittelfeld auf, um die deutsche Mannschaft unter Druck zu setzen. Durch die fehlende Bewegung im Mittelfeld blieb den deutschen Verteidigern oft nur der Rückpass, Neuers lange Bälle landeten daraufhin im Nichts (44% Erfolgsrate bei 25 Pässen). Italien konnte den Deutschen mit ihrem Pressing lange Bälle aufzwingen und ein schnelles Vertikalspiel verhindern — Deutschland schaffte dies bei Italien nicht.

    Zweite Halbzeit

    Löw versuchte zur Halbzeitpause, die gemachten Fehler zu reparieren. Mit Reus für Podolski und Klose für Gomez brachte er stärkere Kombinationsspieler. Die deutsche Offensive agierte nun wesentlich offensiver und variantenreicher. In der Theorie ging Reus nun nach rechts, Özil zog in die Mitte, Kroos ging nach links. In der Praxis waren die drei jedoch in ständiger Bewegung, auch Klose fiel immer wieder auf die linke Flanke.

    Grundformationen 2. HalbzeitGrundformationen 2. Halbzeit

    Zum ersten Mal in dieser Partie wurde die die italienische Mannschaft vor arge Probleme gestellt. Die Übergabemechanismen wurden von den ständig rochierenden Offensivkräften  auf eine harte Probe gestellt. Wenn Deutschland ins letzte Drittel kam, sorgte besonders Reus für viel Gefahr. Seine Dribblings und Doppelpässe mit den Kollegen waren das belebende Element, das in Halbzeit eins fehlte. Aber auch Klose versuchte immer wieder, die gegnerischen Verteidiger rauszuziehen. Das Kombinationsspiel rollte nun.

    Ein Problem blieb jedoch, dass die deutschen Mittelfeldspieler zu wenige Ideen hatten, ihre Vordermänner einzusetzen. Schweinsteiger wirkte nicht hundertprozentig fit. Er konnte dem Spiel nicht seinen Stempel aufdrücken. Zu oft wich er auf die Außenverteidigerpositionen aus, speziell in der letzten Viertelstunde. Dort hatte er jedoch keine Anbindung zum Spiel. Khedira war wieder einmal der aktivste Part im Mittelfeld, seine Dynamik belebte das deutsche Spiel. Allerdings lief er zu oft ins letzte Drittel und trat zu selten als Vorbereiter in Aktion. So hatte Deutschland oftmals viele Anspielstationen weit vorne, allerdings keine Spieler, die tatsächlich den Ball in gefährliche Zone passten.

    Schlussphase: Löws notwendige Kamikaze-Taktik

    Grundformationen SchlussphaseGrundformationen Schlussphase

    Nachdem Deutschland zwischen Minute 45 und 60 mehrere Chancen herausspielen konnte, reagierte Prandelli mit der richtigen Maßnahme: Er brachte mit Diamanti (58. für Cassano) und Motta (64. für Montolivo) zwei defensivere Spieler im Zentrum. Mit nunmehr fünf Spielern in dieser Zone gewann Italien die Spielkontrolle zurück, die sie zuvor verloren hatten. Gegen das nachlassende Pressing der Deutschen, die sich nach dem Wiederanpfiff verausgabten, konnten sie sich das Ballbesitzplus zurückerkämpfen.

    Löw blieb beim Stande von 0:2 und keinerlei spielerischer Chancen rund zwanzig Minuten vor Schluss nichts anderes mehr übrig: Er musste die Brechstange einsetzen. Mit Müller brachte er für Boateng einen weiteren Angreifer, auch Lahm ging nun weiter nach vorne. Hinten entstand eine Dreierkette, meist mit Bastian Schweinsteiger. Die Italiener fanden gegen eine deutsche Mannschaft, die nun fast durchgehend sieben Spieler im letzten Drittel hatte, mehr Räume zum Kontern. Allerdings konnten Marchisio und Co. die zahlreichen Chancen, die sich ihnen boten, nicht nutzen.

    Am Ende warf Deutschland nochmal alles nach vorne. Flanke um Flanke wurde in den Strafraum geschlagen, die Italiener wehrten mit viel Kampfgeist und etwas Glück die Angriffe immer wieder ab. Der Anschlusstreffer durch einen von Özil verwandelten Handelfmeter kam zu spät (92.). Wieder einmal zeigte sich: Wunder lassen sich im modernen Fußball nur selten erzwingen.

    Fazit

    Bereits vor dem Anpfiff war klar, dass dieses Spiel im Zentrum entschieden wird. Italien hatte schlicht die besseren Spieler in dieser Zone. Pirlo glänzte dank Kroos Bewachung zwar nicht mit Traumpässen wie gegen England, allerdings war er enorm ballsicher und konnte sich selbst aus engsten Situationen befreien. Trotz der öffentlichen Fixierung auf Juventus Turins Altstar darf auch nicht vergessen werden, dass Marchisio, de Rossi und Montelivo großartige Pässe spielen können. Im Gegensatz zu Schweinsteiger und Kroos stellten sie diese Stärke in dieser Partie einige Male unter Beweis.

    Die beiden Spielmacher des FC Bayern München tauchten unter, ihre italienischen Kollegen spielten hingegen Vertikalpass um Vertikalpass in die Füße von Cassano und Balotelli. Auch im Pressing waren die Italiener über weite Strecken der ersten Halbzeit bissiger.

    Dennoch: Deutschland spielte nicht schlecht. Nachdem Löw zur Halbzeit seinen Startelf-Fehler eingestand und Gomez und Podolski vom Feld nahm, war das Offensivspiel flexibel und schnell. Reus brachte viel Schwung ins deutsche Spiel, auch das Pressing klappte in Halbzeit zwei wesentlich besser. Einzig: Das Tor fiel nicht.

    Als Löw nach 70 Minuten auf totale Offensive umstellte, war das Spiel bereits verloren, taktisch wie psychisch. Dass Italien seine zahlreichen Konter nicht ausspielen konnte, sorgte für die Illusion, Deutschland hätte noch die Chance auf das Wunder. Doch Italien war an diesem Abend taktisch, spielerisch und auch kämpferisch überlegen.

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