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    Spielverlagerung

    So klappt’s mit Martinez UND Gustavo

    Wirkliche Zweifel hat kaum jemand mehr an der Realisierung des Rekordtransfers Javi Martínez. Dennoch wird weiterhin viel diskutiert — auch über Luiz Gustavo. Dessen Chancen bei Bayern scheinen zu schwinden. Doch er kann einerseits mehr als ein Abräumer sein und andererseits auch mit Martínez zusammen spielen.

    Martínez hat Gustavos Schwäche nicht

    Siebzehn Millionen Euro sollen es gewesen sein, die die Münchener Bayern im Januar 2011 für Luiz Gustavo an 1899 Hoffenheim überwiesen haben — den damals als besten Balleroberer der Bundesliga gefeierten brasilianischen Sechser. In seinen ersten beiden Halbsaisons zeigte Gustavo als defensiver Mittelfeldspieler, aber auch als polyvalenter Allrounder in einer ganzen Reihe an starken Spielen, dass er dieses Geld wert ist. Im letzten halben Jahr kamen jedoch wegen der konstanten Probleme der Bayern gegen sogenannte „Konzeptteams" wie Mainz, Mönchengladbach und ganz besonders natürlich Dortmund verstärkt Diskussionen über Gustavos spielerische Eignung auf.

    Mit dem bevorstehenden Wechsel von Javi Martínez scheint auf den ersten Blick das vermeintliche „Problemfeld" im defensiven Mittelfeld geschlossen — eine durchaus eindeutige Kritik an Gustavo. Nun soll Javi Martínez also die Bayern in der Zentrale den entscheidenden Tick voran bringen und mit seiner Ausbildung im spanisch-baskischen Jugendsystem für mehr Spielkultur und Ballsicherheit als Gustavo sorgen.

    Richtig ist, dass Martínez sehr spielstark ist, sich auch aus Drucksituationen gut lösen kann und Bayerns Ballbesitzspiel damit förderlich sein dürfte. Richtig ist auch, dass Luiz Gustavo im Spielaufbau nicht so sicher und kreativ ist — die Dortmunder erkannten die Schwäche des Brasilianers bei ihrem 1:0-Sieg im vergangenen April und stellten eine „Gustavo-Falle" auf. Andererseits ist es aber falsch, Gustavo aufgrund seiner Probleme beim Spielaufbau unter Druck alleine auf seine positionsbezogene Vielseitigkeit und seine enorm starken Defensivleistungen zu reduzieren.

    Gustavos offensive Stärken

    Beide Aspekte zeichnen ihn zwar unumstritten aus. Doch seine herausragenden Fähigkeiten im Defensivspiel müssen kein Grund sein, ihn auch in der Offensive — also bei eigenem Ballbesitz — in eine rein defensive, absichernde Rolle zu zwängen. Stattdessen könnte sich Gustavo gerade wegen seiner kleineren Schwierigkeiten, hohem gegnerischem Druck beim Spielaufbau in eher tieferen Zonen souverän standzuhalten,  auch mit nach vorne einschalten.

    Da seine offensiven Qualitäten besonders in den Bereichen Dynamik, Ausdauer, Abdeckung sehr großer Räume und Gegenpressing in verschiedenen Höhen des Platzes liegen, er außerdem über eine interessante Schusstechnik verfügt sowie eine mehr als solide Durchlauf- und Mitspielstation für seine dominanten Offensivkollegen auch in engeren Zonen darstellt, sollten diese Fähigkeiten auch entsprechend genutzt werden. Wieso Gustavo verschwenden, wenn er in der Tiefe Bälle „hin und her schiebt" und dabei obendrein als Pressingopfer ausgemacht werden könnte, wenn man schon durch gelegentliche Vorstöße deutlich mehr aus ihm herausholen kann?

    Das Klischee vom Abräumer

    Dies ist auch als Appell dagegen zu verstehen, dass enorm defensivstarke und teilweise als zerstörend bezeichnete Abräumer immer wieder als beschränkt gesehen werden, als könnten und dürften sie offensiv ihrer Mannschaft nicht helfen, weil sie eben defensivstark sind. Mittlerweile hat der „Abräumer" einen eher negativen Klang erhalten und wird immer wieder mit „offensiv limitiert" konnotiert. Doch beispielsweise Alex Song zeigt, dass man gleichzeitig ein physisch starker und kantiger Sechser und ein feinfüßiger Fußballer mit tollen Pässen sein kann.

    Natürlich ist Letzteres nicht in dieser Form von Luiz Gustavo zu erwarten und so soll er auch nicht Bayerns neuer Zehner oder Achter werden. Doch der Sechser Luiz Gustavo sollte oft genug die Möglichkeit erhalten, auch mit vorzustoßen und dann seine offensiven Stärken einzubringen — besonders, weil diese eben nicht in der führenden Ballverteilung unter Druck aus tiefen Positionen liegen.

    Paraderolle gegen Inter

    Eine Kritik an Jupp Heynckes? Nein, denn Gustavo spielte unter Heynckes bereits in einer Rolle, in der er zwar der defensivste Mittelfeldspieler und ein Sechser war, allerdings offensiv sich mit einschalten durfte. In der starken Bayern-Hinrunde vergangene Saison, die besonders von ihrer linken Asymmetrie lebte, musste Gustavo viel Raum vor sich abdecken und zeigte einige Vorstöße, was allerdings immer in der Rückserie immer seltener vorkam, so dass Gustavo eingeengt schien — sicherlich auch ein Grund für die verstärkten Kritiken seitdem.

    Interessant, dass ausgerechnet jenes Spiel, in dem wohl der Mythos vom rein defensiven Gustavo geboren wurde, gleichzeitig die Partie war, in der er die offensivste Ausrichtung seiner gesamten Bayern-Zeit spielte. Bei Bayerns 1:0-Sieg nämlich im Champions-League-Achtelfinale bei Inter im Februar 2011, als er Wesley Sneijder wie ein Kettenhund manndeckte und komplett ausschaltete.

    Neben Schweinsteiger im Mittelfeld aufgeboten, wechselten sich die beiden Partner im Vorwärtsgang immer wieder ab — und Gustavo war sogar der etwas offensivere der beiden. Dieses Spiel war der Beleg dafür, dass Gustavo auch offensiv einige Qualitäten besitzt und diese selbst dann ausspielen kann, wenn er gleichzeitig einen der besten Spielmacher der Welt zu neutralisieren hat.

    Ganz so offensiv wie in jenem Spiel unter Louis van Gaal muss er nicht sein, doch eine Rolle auf der Sechs, welche ihm gelegentliche Vorstöße trotz seiner Abräumer-Aufgabe zugesteht, wird Gustavo besser gerecht als ein rein defensives Auftreten, denn dazu hat er im Angriffsspiel einfach zu viele Facetten.

    Luiz Gustavo und Javi Martínez gemeinsam

    So könnten Gustavo und Martínez gemeinsam auflaufen: Nur die Bewegungen der beiden sowie jene von Mandzukic dargestellt, gestrichelt Gustavos Defensivbewegungen. Entweder rücken Gustavo und Martínez auf, Martínez rückt auf und Gustavo sichert ab oder Gustavo wird mit einem längeren Zuspiel überspielt.So könnten Gustavo und Martínez gemeinsam auflaufen: Nur die Bewegungen der beiden sowie …

    Dass Gustavo sich nach der wohl bald vollzogenen Verpflichtung von Javi Martínez meistens auf der Bank wiederfinden wird und diese Facetten daher kaum zur Geltung kommen lassen kann, ist möglich — sicher ist es allerdings nicht. Denn auch wenn zunächst einmal davon ausgegangen werden kann, dass Martínez für das defensive Mittelfeld eingeplant wird, kennt man erstens die generellen Planungen von Jupp Heynckes nicht und muss zweitens bedacht werden, dass je nach Gegner anders gespielt werden kann.

    So wäre es auch eine Möglichkeit, dass Martínez in der Innenverteidigung — eine Position, die auch bei Athletic Bilbao meistens von ihm eingenommen wurde — neben Badstuber spielt, mit Gustavo im defensiven Mittelfeld. Diese Option für enorme Spielstärke aus der Tiefe, könnte gegen starkes Pressing des Gegners zum Einsatz kommen.

    Aufgrund der enorm spielstarken Innenverteidigern sowie des möglichen Aufrückens durch Martínez wäre Gustavo in der Spieleröffnung und Ballverteilung entlastet. Entweder könnte er sich daher weiter mit vorschieben, während der Sechserraum sowohl von seinem potentiell zurückfallenden Mittelfeld-Partner (Schweinsteiger) als auch vom vorschiebenden Martínez besetzt werden kann. Oder er würde sich fallen lassen und damit Martínez absichern. In beiden Fällen müsste Gustavo wenig spielaufbauend agieren, während er sich gelegentlich sich nach vorne einschalten kann. Ein weiteres Szenario, bei welchem dies ebenfalls gegeben ist: Mit längeren Zuspielen der Innenverteidiger, die Mandzukic wie im Supercup auf die einrückenden Offensivkollegen ablegen würde, könnte Gustavo ebenso wie das gegnerische Pressing-Netz im Mittelfeld überspielt werden, um anschließend zur Unterstützung des Gegenpressings zum Ball aufrücken.

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