WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Spielverlagerung

    Dortmunds Gruppe unter der Lupe

    Wer setzt sich in der

    Wie sind die drei Gruppengegner der Borussia einzuschätzen und was könnte in den sechs Spielen passieren?

    Nachdem es in der vergangenen Saison aus diversen Gründen, vor allem aufgrund zu vieler Weiterentwicklungs- und Umstellungsversuche, in der Gruppenphase der Königsklasse gar nicht rund lief, will Borussia Dortmund nun all jene Kritiker Lügen strafen, die dem BVB die internationale Klasse absprechen.

    Dabei bekommen es die Borussen allerdings mit drei enorm schweren Gegnern in der sogenannten Horrorgruppe zu tun — ist dies Fluch oder Segen?

    Ajax Amsterdam

    Zu Beginn treffen die Dortmunder auf den vermeintlich einfachsten Gegner, den niederländischen Meister Ajax. Dieser muss eine hohe Zahl an wichtigen Abgängen verkraften, die besonders durch junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs gefüllt werden, wenngleich mit Poulsen und Babel auch zwei erfahrene Last-Minute-Transfers getätigt wurden.

    Unter Frank de Boer hat sich Ajax wieder zu einer Mannschaft jenes Geistes entwickelt, der den Klub ausmacht — und sich dabei in den letzten fast zwei Jahren im Großen und Ganzen kontinuierlich entwickelt. Ein offensives Auftreten, Ballbesitzfußball und 4-3-3 sind dabei einige Marschrouten. Im Hinblick auf das Aufeinandertreffen mit der Dortmunder Borussia sollte man sich aber nicht davon blenden lassen, dass der BVB in seinen vergangenen Duellen mit dem FC Bayern eine vermeintlich ähnlich spielende Mannschaft wie Ajax mehrmals so neutralisierte — denn Ballbesitz ist nicht gleich Ballbesitz.

    Eher ist der Spielstil des niederländischen Meisters gar mit dem von Werder Bremen zu vergleichen, die am ersten Bundesliga-Spieltag im Dortmunder Stadion gastierten. Gerade auf die Außenspieler trifft dies zu — die enorm breiten Flügel Arnautovic und Elia machten der Borussia gehörig zu schaffen. Besonders die trickreichen Sana (beide Flügel) und Lukoki (rechts), die immer wieder riskante Einzelaktionen oder Durchbrüche zur Grundlinie versuchen, aber auch Boerrigter (links), der in breiter Stellung immer wieder von weiten Diagonalbällen aus der Innenverteidigung oder dem defensiven Mittelfeld gesucht wird, könnten hier eine große Gefahr für die Dortmunder darstellen.

    Direkte und unmittelbare Einzelaktionen nach Spielverlagerungen und Diagonalbällen könnten das Dortmunder Verschieben aushebeln — in der vergangenen Saison gehörten Marseille und Wolfsburg mit dieser Strategie zu den Teams, die der sicheren Borussen-Defensive noch mit am gefährlichsten wurden. Der Vorteil solcher Bälle ist, dass der komplette Dortmunder Defensivblock überspielt werden kann — Ajax' halbrechter Innenverteidiger Alderwereild hat die Fähigkeiten, um solche Pässe genau anzubringen. Durch das veränderte Dortmunder Pressing, eher im 4-2-3-1, könnte er gar etwas Raum für leichte Vorstöße haben, was die Bälle vereinfachen würde.

    Im Gegensatz zu Marseille und Wolfsburg wird Ajax aber nicht ausschließlich direkt über die Flügel angreifen. Zunächst verfügen sie über ein sehr weites und raumgreifendes Aufbauspiel mit weitgehend spielstarken Abwehrspielern. In Kombination würden diese ein aggressives Dortmunder Pressing blockieren, so dass der BVB sich wohl etwas weiter zurückziehen wird, was angesichts der breiten Ajax-Flügel ohnehin sicherer erscheint.

    Desweiteren kann Ajax auch im Zentrum Spielstärke vorweisen, die sie zu schnellen und direkten Kurzpasskombinationen zwischen ihren Mittelfeldmännern befähigt. Mit den beiden dänischen Achtern Eriksen und Schöne sowie dem tief zurückfallenden Mittelstürmer Siem de Jong könnten ähnliche Konstellationen entstehen, wie sie die spielstarke Bremer Zentrale in Dortmund heraufbeschwor, als sie flexibel Halbräume und Flügel überluden.

    Eine breite Stellung und ein derartiges Überladen mögen sehr passend sein, um das Dortmunder Pressing in Verlegenheit zu bringen, doch defensiv setzt man sich selbst einem hohen Risiko aus. Um Dortmund wirklich konstant gefährlich werden zu können, muss man wohl tatsächlich, wie vor kurzem Thomas Schaaf oder wie die Stuttgarter beim 4:4 in der Vorsaison, sehr viel Risiko in Kauf nehmen.

    Dass de Boer darauf zockt, kann durchaus erwartet werden, da Ajax in der Defensive ohnehin einige Probleme hat — ob viel oder wenig Risiko, Gefahr durch Dortmund wird es wohl so oder so geben. Insgesamt neigen einige Ajax-Verteidiger zu individuellen Schwächen und öffnen dem Gegner durch Stellungs- oder Konzentrationsfehler Räume. Ganz besonders eklatant ist natürlich die fehlende Kompaktheit im defensiven Mittelfeldbereich, die durch die hohen und auf den Flügeln oft auch breiten Offensivspieler entstehen kann.

    Ajax hat sehr oft Probleme zwischen den Linien, weshalb in der Champions League wohl ein absichernder Sechser wie Poulsen spielen wird — dennoch dürfte sich den Borussen im Zentrum und in den Halbräumen Platz zum Spielen geben. Die Begegnungen zwischen dem deutschen und niederländischen Meister könnten als torreich werden.

    Manchester City

    Während Ajax nicht das schwache vierte Glied der Gruppe ist, nach dem es aussieht, ist Manchester City eventuell gar nicht die Übermannschaft, zu der sie in der medialen Vorberichterstattung auf diese Gruppenphase gemacht werden.

    Setzten die Citizens in der vergangenen Saison sehr oft auf ein 4-2-3-1/4-2-2-2, gerne mit der Doppelzehn Silva/Nasri, ist Trainer Roberto Mancini in dieser Spielzeit hinsichtlich der Grundformation am Experimentieren — seine nicht nur im Community Shield eingesetzte Dreierkette sorgte für viele Diskussionen. Da nun noch eine ganze Reihe an Last-Minute-Transfers hinzukommen, ist City nicht leicht einzuschätzen.

    Trotz ihrer Fülle an individuell herausragenden Spielern sind beim englischen Meister dennoch Schwächen auszumachen, die Dortmund ansteuern und ausnutzen könnte — beispielsweise genau diese individuelle Klasse. Was paradox klingt, lässt sich erklären: Die vielen starken Einzelkönner sind manchmal zu wenig miteinander verbunden und erzeugen nicht konstant Synergien — so wie es Spiele auf taktischem Weltklasse-Niveau gab, konnte man auch immer wieder Partien mit total unzusammenhängenden Akteuren sehen, die auf dem Platz keinen richtigen Plan zu haben schienen.

    Dies galt auch für die Defensive, wo City bei ihren schwächeren Auftritten teils haarsträubend große Lücken offen stehen und jegliche Form von defensiver Kompaktheit vermissen ließ. Es könnte also gut möglich sein, dass die enge Dortmunder Mittelfeld-Stellung, ihre offensiven Außenverteidiger und auch ihre langen Bälle zwischen die gegnerischen Reihen dem Team von Mancini sehr gefährlich werden können. Dass City in dieser Saison bisher ohne jedes Zu-Null-Spiel in fünf Partien bereits acht Gegentore fing, stützt diese Vermutung. Besonderen Fokus könnten die Dortmunder hier auf Standards legen, die zu einem Ärgernis für City zählen, während Hummels am Wochenende genau so ein Tor erzielte.

    Vor etwas mehr als zwei Jahren gab es die Begegnung zwischen Dortmund und City bereits im Rahmen einer Vorbereitungspartie. Der spätere Deutsche Meister statuierte beim verdienten 3:1 ein Exempel, wie Kollektivstärke über eine durch Individualität geprägte Millionentruppe gewinnen kann.

    Insgesamt lässt sich also sagen, dass es auf genau dieses Duell herausläuft. Dortmund hat Schwächen gegen individuell starke, kompakte, zurückhaltende Mannschaften oder Teams, die mit ähnlich großem Aufwand agieren. Gegen eigentlich überlegene, aber offensiv riskant und nicht ganz kompakt angreifende Gegner allerdings greift das Dortmunder Spiel sehr gut — wenn Manchester City nicht die nötigen Verbindungen zwischen ihren Spielern aufbauen kann, könnten sie sogar zur Dortmunder Beute werden.

    Real Madrid

    Trotz ihres schwachen Saisonstarts in Spanien gilt Real Madrid als der noch etwas stärkere Gegner im Vergleich mit dem englischen Meister.

    Dortmund ist in diesem Duell der Außenseiter und wird sich auch dementsprechend aufstellen. Da es gegen die Madrilenen zudem sehr wichtig ist, den zentralen Raum vor der eigenen Abwehr zuzustellen, wird es wohl auf eine defensive Dortmunder Aufstellung hinauslaufen, was zu einer Doppelsechs aus Kehl und Bender führen könnte. Aus einer kompakten Defensive heraus würden die Dortmunder dann den gegnerischen Zehnerraum massiv beengen und offensiv auf schnelle Konter setzen.

    Gerade eine spielschwächere Doppelsechs könnte womöglich dafür sorgen, dass Dortmund im Spielaufbau keine so großen Probleme mit dem potentiell sehr gefährlichen und effektiven 4-2-4-Pressing der Madrilenen bekommt. Ohne Gündogan wird Dortmund ein sehr schnörkelloses und unkompliziertes Aufbauspiel betreiben und kann dabei mit langen Bällen aus der Abwehr heraus das Pressing des Gegners überspielen, muss sich also gar nicht damit auseinandersetzen. Aufgrund der nicht immer konsequenten Mitarbeit der Madrider Offensivspieler im Rückwärtsgang können durch die enge Dortmunder Formation zwischen den gegnerischen Reihen gewonnene Bälle ein spielentscheidender Faktor sein.

    Sowohl in diesen provozierten Situationen als auch bei „normalen", natürlichen Kontern wird die Geschwindigkeit von Kuba und Reus für die Dortmunder wichtig sein, da Lewandowski gegen die schnellen und in der Endverteidigung starken Ramos und Pepe Probleme beim Abschließen von Kontern bekommen kann, was möglicherweise in tödlichen Gegenkontern enden könnte.

    Ein interessanter Aspekt könnte noch das Duell zwischen Lukasz Piszczek und Cristiano Ronaldo sein. Es wird spannend sein zu sehen, wie weit Ronaldo seinen polnischen Gegenspieler im Dortmunder Spielaufbau als auch generell im Verlauf von Angriffen verfolgen wird. In die eine wie in die andere Richtung hat dieses Aufeinandertreffen das Potential, für entscheidende Szenen zu sorgen.

    Vorsicht geboten ist aus Dortmunder Sicht schließlich noch vor Luka Modric, der für Mourinho wohl die günstigere Wahl als Mesut Özil darstellen könnte. Während der raumsuchende Nationalspieler trotz seiner Brillanz möglicherweise zwischen den Dortmunder Ketten verschwinden könnte, ist Modric mit seiner enormen Bewegungsintelligenz und Pressing-Resistenz vielleicht der Mann, der Dortmunds Pläne auf dem Weg zu Punkten gegen die Königlichen durchkreuzen könnte.

    Zurück zur Übersicht

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Vor kurzem gepostet