WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Spielverlagerung

    Chelsea gewinnt und macht (fast) nix richtig

    So spielten Bayern und Chelsea im Champions-League-Finale von München.So spielten Bayern und Chelsea im Champions-League-Finale von München.

    Es war ein ungewöhnliches Finale: Selten in der Geschichte der Champions League ging es im entscheidenden Duell derart auf ein Tor. Di Matteo hatte mit seiner Taktik alles auf Defensive gestellt. Wie sah sein Plan aus, in welchen Bereichen funktionierte dieser und woran scheiterte er? Und warum erzielten die Bayern trotz klarem Chancenübergewicht keine Tore? Die Spielverlagerung-Analyse sucht Antworten.

    Die Spielpläne

    Beide Trainer mussten sich vor der Partie fragen, wie sie die zahlreichen Sperren kompensieren wollen. Bayern-Trainer Heynckes ersetzte in der Abwehr mit Contento und Tymoshchuk die abwesenden Alaba und Badstuber 1:1. Die Hereinnahme von Müller für Gustavo bedeutete hingegen einen kleineren Systemwechsel: Schweinsteiger übernahm den tiefen Part, Kroos agierte als Verbindungsglied zwischen Defensive und Offensive, während Müller vorne mit Robben und RIbery rochierte. Dies bedeutete eine leichte Abkehr von der 4-3-3-ähnlichen Formation der Spiele gegen Madrid und den BVB hin zu einem klassischen 4-2-3-1.

    Di Matteo stand vor der Partie vor kniffligeren Aufgaben. Zum einen musste er seine komplette Innenverteidigung ersetzen und mit Cahill und Luiz dort zwei Spieler aufstellen, die lange Zeit verletzt fehlten. Zum anderen stellte sich für den taktisch destruktiv denkenden di Matteo die Frage, wie sein Team die Angriffe der Münchener abwehren und selbst effektiv zu Konter kommen könnte.

    Auf diese Frage gab di Matteo einige überraschende Antworten: Mit der Aufstellung des gelernten Außenverteidigers Bertrand auf Links- und dem gelernten Stürmer Kalou auf Rechtsaußen bot sein System eine starke Asymmetrie. Grundgedanke war scheinbar, mit einer stabilen linken Seite die Vorstöße von Lahm zu minimieren. Auf der rechten Seite wiederum sah di Matteo im unerfahrenen Contento scheinbar eine Münchener Schwachstelle. Nicht nur, dass Kalou dort schematisch weitaus höher agierte als Konterpart Bertrand, auch Drogba und Mata stießen immer wieder aus dem Zentrum auf den Flügel vor. Bei den eigenen Konterversuchen sollte versucht werden, Contento in Zweikämpfe zu zwingen und seine etwaigen physischen Defizite auszunutzen.

    Di Matteos offensive Ideen scheitern

    Obwohl di Matteos offensive Pläne auf dem Papier vielversprechend klangen, braucht man über die Praxis nicht viele Worte verlieren. Die Idee, auf Teufel komm raus über die rechte Seite zu kommen, ging zu keiner Zeit auf. Contento agierte über die gesamte Spielzeit hinweg souverän. Er war nicht umsonst  laut WhoScored.com der Bayern-Akteur mit den meisten Tackles (5). Gegen die Chelsea-Stars agierte er abgebrüht und war zu keiner Zeit ein Sicherheitsrisiko, im Gegenteil: Er fand sogar Zeit und Raum, sich ins Angriffsspiel einzuschalten.

    Zu zweit gegen Drogba.

    Auch der Versuch, Hüne Drogba im Sturm einzusetzen, scheiterte. Die Bayern hatten gegen den ivorischen Nationalspieler ein gutes Patentrezept: Tymoshchuk postierte sich in den meisten Situationen neben ihn, während Boateng leicht versetzt hinter ihm stand. Bekam der Stürmerstar nun ein flaches Anspiel, war Tymoshchuk mit seiner hohen Beweglichkeit zur Stelle und verhinderte Ablagen. Bei hohen Bällen nahm der hinter Drogba postierte Boateng das Kopfballduell auf. Eine gute Aufgabenteilung, die Drogba weitestgehend vergessen machte.

    Traurig, aber wahr: Diese zwei Absätze waren bereits die Geschichte von Chelseas Angriffsversuchen. Vielmehr waren es die defensiven Elemente von di Matteos Taktik, die den Spielverlauf bestimmen sollten.

    Di Matteos defensive Ideen funktionieren (einigermaßen)

    Bereits beim Blick auf Chelseas Aufstellung war klar: Das wird ein defensiver Auftritt. Dass sich die Elf aber komplett am eigenen Sechszehner vernagelte wie im Rückspiel gegen Barca, war vorher keineswegs abzusehen. Die hintere Viererkette der Londoner stellten sich am und teilweise gar im eigenen Sechszehner auf. Die zweite Viererkette stand nur wenige Meter davor. Druck übten die Chelsea-Akteure nicht aus — die Bayern konnten sich bis zum Sechszehner praktisch durchkombinieren. Eine dermaßen passive Art des Verteidigens ist im modernen Fußball höchst ungewohnt. Selbst ich, der als Taktikanalyst hinter jedem Furz eines Außenverteidigers einen tiefschürfenden Plan vermutet, dachte in der ersten halben Stunde, dass die Passivität durch eine schwache Leistung der Mittelfeldspieler entstand  — bis ich irgendwann verstanden habe, dass dies eine klare Anweisung des Trainers ist.

    Was sollte diese Strategie bezwecken? Die Münchener konnten praktisch um den Sechszehner herum ihr Spiel aufziehen, ohne dabei in irgendeiner Form gestört zu werden. Auch Robben und Ribery durften, anders als bspw. gegen Dortmund, an der Grundlinie den Ball annehmen und zu ihren Sprints ansetzen. Der Grundtenor von Chelsea war klar: Außerhalb des Sechszehners dürft ihr tun und lassen, was ihr wollt — der Strafraum allerdings gehört uns.

    Zunächst lauerten mit Mata, Drogba und teilweise auch Malouda zumindest drei Spieler vorne auf Konter. Als Mata sich nach rund 20 Minuten in den meisten Situationen als dritter Sechser einreihte, war das Abwehrbollwerk perfekt.  Bei 10 gegnerischen Spielern permanent hinter dem Ball erreichten die Münchener eine hohe Ballzirkulation, da sie in jeder Situation einen Rückpass auf Kroos und Schweinsteiger spielen konnten — ohne dass diese gestört wurden, versteht sich. Chelsea war das egal, sie wollten die defensive Stabilität im eigenen Drittel auf keinen Fall aufgeben.

    Diese extreme Form des Catenaccios war seltsam anzusehen, hat allerdings (wie bereits im Halbfinale gegen Barca) Chelseas klare individuelle Unterlegenheit, besonders in Bereichen der Sprint- und Handlungsschnelligkeit, zu Teilen kaschiert. Sie waren sich wohl bewusst, dass einer ihrer wenigen Vorteile gegenüber den Münchenern die physische Stärke ist. Der deutsche Rekordmeister hat im Strafraum praktisch nur Gomez als direkten Verwerter für Hereingaben. Sobald der Torjäger jedoch in den gegnerischen Strafraum stieß, wurde er von einem der Innenverteidiger in Manndeckung genommen.

    Chelsea verteidigte außerhalb des eigenen Sechszehners passiv und lenkte die Bayern in Richtung der Grundlinie.Chelsea verteidigte außerhalb des eigenen Sechszehners passiv und lenkte die Bayern in …

    Die Neutralisierung der größten Gefahrenquelle ermöglichte es Chelsea, den Gegner auf die Flügel zu drängen, ohne Angst vor den folgenden Flanken haben zu müssen. Durch die Verengung des Zentrums mit drei Mittelfeldspielern wurden die Münchener auf die Außen und damit auch zu Hereingaben gedrängt. Auch die Außenverteidiger versuchten, die diagonalen Wege zu schließen. Auf diese Art drängten sie die Münchener in Richtung der Grundlinie. Dies erklärt übrigens zu Teilen die perverse Eckballquote von 20:1 — meist entstanden diese durch abgelenkte Flanken. Über 120 Minuten hinweg verteidigte Chelsea diese hohe Bälle, auch bei Standards, tadellos, mit einer Ausnahme: Beim 0:1-Gegentreffer deckten beide Chelsea-Verteidiger gemäß Fokussierung Stürmer Gomez, Kroos' Flanke fand jedoch den im Hintergrund lauernden Müller. Dieser musste nur noch einköpfen (83.).

    In allen anderen Situationen hielt Chelsea diszipliniert die Positionen. Die Bayern kamen so zwar relativ häufig in den gegnerischen Sechszehner,  dort zeigten die Blues jedoch jenen Biss, den sie außerhalb des Strafraums vermissen ließen. Wenn sich die Bayern von den Außenpositionen aus in den Strafraum kombinierten, war ein Chelsea-Akteur sofort zur Stelle, einen möglichen Schussversuch zu verhindern. So beeindruckend die 43 Schüsse von den Münchenern auf dem Papier klingen, 22 von diesen Versuchen wurden von Chelsea geblockt — ein Wahnsinnswert. Im Nachhinein ist es fast schon beeindruckend, dass die Blues mit dieser Strategie nur einen Elfmeter provozierten, dazu noch von der Marke „klar vermeidbar" — Drogba hätte Ribery von hinten in dieser Situation gar nicht attackieren müssen, es hätten andere Akteure Ribery stellen können. Zur Enttäuschung aller Bayern-Fans verpasste Robben, den Elfmeter reinzumachen (95.).

    Bayern fehlt manchmal das Tempo

    Bisher klingt der Artikel so, als hätte Chelseas defensives Mauerwerk durchgehend gehalten. Es darf allerdings keineswegs unter den Tisch gekehrt werden, dass die Bayern die wesentlich torgefährlichere Mannschaft waren. Besonders wussten die zahlreichen Offensivrochaden zu gefallen. Speziell Robben wechselte oft die Flanken und schuf mit Ribery Überzahlsituationen auf links.  Von dort aus starteten die meisten Angriffe der Bayern. Immer wieder schafften sie es, über Doppel- oder Lochpässen vom Flügel aus den Strafraum zu erreichen.

    Und dennoch: Die Durchschlagskraft fehlte. Ihr Offensivspiel war gerade in den ersten 75 Minuten nicht so schnörkellos und schnell wie bei den Auftritten gegen Madrid. Gerade die Spielverlagerungen wurden zu langsam gespielt, Chelsea konnte ohne Probleme von einer Seite zur anderen verschieben. Als sie nach einiger Zeit schneller und direkter den Weg nach vorne suchten, spielten die Münchener zu viele Fehlpässe. Besonders Schweinsteigers Passquote von 84% fällt ein wenig ab. Sie ist zwar relativ stark, allerdings muss man auch bedenken, dass er die meisten Pässe bei den Bayern spielte und am unteren Ende der mannschaftsinternen Rangliste rangiert.

    Oftmals bissen sich die Bayern an ihren Gegnern die Zähne aus. Freie Räume fanden sie praktisch nie vor: Bei eigenen Ballverlusten waren die Londoner penibel darauf bedacht, sofort in die Ordnung zurückzufinden — keine große Schwierigkeit, schließlich beteiligten sich meist drei, maximal vier Spielern an den Vorstößen. Die wenigen guten Kontermöglichkeiten spielten die Bayern jedoch zu behäbig und ungenau. So wäre die einzige Möglichkeit, den Gegner unsortiert zu erwsichen, ein effektives Pressing gewesen. Allerdings zeigten sich die Londoner extrem ballsicher (Bertrand als einziger Starter unter 80% Passgenauigkeit), Ballverluste gab es in dieser Zone kaum. So waren sie noch stärker auf die Öffnung der Räume angewiesen, die jedoch aus den genannten Gründen zu selten funktionierte.

    Trotz all dieser Schwächen: Bei effektiverer Chancenverwertung hätten die Bayern das Spiel gewonnen. Von den rund 15 Schussversuchen, die nicht aus der Ferne kamen und auch nicht geblockt wurden, gingen nur sieben auf das Tor — der verschossene Strafstoß und das Tor miteinbezogen. Gerade die Kaltschnäuzigkeit eines Gomez, der über praktisch 120 Minuten von den Verteidigern abgemeldet wurde, fehlte den Bayern. Hätte, würde, könnte. Fakt ist: Nach dem ärgerlichen Gegentreffer in der 88. Minute und Robbens Fehlversuch vom Punkt war der Rekordmeister psychisch merklich angeschlagen. Chelsea rettete sich mit verzweifelter Defensive und einer Handvoll Gegenstöße über den starken Einwechselspieler Torres ins Elfmeterschießen. Und als Drogba den entscheidenden Treffer markierte,  wurde Chelsea für seine ultradefensive Herangehensweise endgültig belohnt.

    Fazit

    Mit eiserner Defensive und einer gehörigen Portion Glück gewinnt der Chelsea FC die Champions League 2011/12. Ein Torschussverhältnis von 43:9 reicht den Bayern nicht, sie konnten ihr spielerisches Übergewicht nicht in Tore umzuwandeln. Der Traum vom Triumph im eigenen Stadion wird durch den skrupellos-effektiven Drogba zerstört.

    Die Blues waren in dieser Saison vielleicht nicht die stärkste europäische Mannschaft, dafür aber wohl die effektivste. Auch wenn es die Bayern-Fans nicht trösten dürfte: An dieses Finale und vor allem an diesen Sieger wird sich spätestens in ein paar Jahren niemand mehr erinnern. Denn Chelsea gewann zwar den Titel — aber mit Sicherheit nicht die Herzen.

    Zurück zur Übersicht

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Vor kurzem gepostet