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    Spielverlagerung

    Bayerns Gruppe unter der Lupe

    Am heutigen Mittwoch startet der FC Bayern in die diesjährige Champions-League-Saison. Wie sind die Gegner der Münchener einzuschätzen und was könnte in den sechs Spielen passieren?

    Die drei Gegner der Münchener Bayern hören sich nach leichten Aufgaben an — in der Tat ist diese Einschätzung im Großen und Ganzen zutreffend, denn individuell sind die Gegner dem FCB unterlegen, taktisch haben sie meist auch noch ihre Schwierigkeiten.

    FC Valencia

    Die Mannschaft, die den Bayern wohl am meisten Gegenwehr bieten kann, ist die dritte Kraft aus Spanien — Valencia, das die schmerzhaften personellen Abgänge in diesem Sommer (z.B. Jordi Alba, Mehmet Topal, Trainer Unai Emery) verkraftet zu haben scheint. Eine besondere Charakteristik der Mannschaft aus den vergangenen Spielzeiten hat sich dagegen auch in diesem Jahr nicht verändert: Valencia ist ein sehr anpassungsfähiges Team. Diese Tatsache, die sich in unzähligen guten Ergebnissen und intelligenten Taktiken gegen Real Madrid und den FC Barcelona widerspiegelt, macht die Fledermäuse zu einem unangenehmen Gegner und in der Theorie zu einem passenden Gegenmittel für die Bayern.

    Besonders wichtig für Valencias erfolgreiche Strategien gegen die scheinbar übermächtigen Großen Zwei der Liga war eine Vielzahl an spielintelligenten Akteuren — besonders im zentralen Mittelfeld sowie die Pärchen auf den Außenseiten betreffend. Mit Ever Banega, an guten Tagen einer der besten zentralen Mittelfeldspieler überhaupt, der aber zumindest für das heutige Hinspiel noch gesundheitsbedingt fehlt, sowie dem flexiblen und anpassungsfähigen Neuzugang Gago oder dem soliden Tino Costa ist es Valencia möglich, individuell überlegenen und beweglich agierenden Gegnern durch eine ebenfalls fluide Verteidigung den Zahn zu ziehen. Gleichzeitig sind allesamt technisch versierte zentrale Mittelfeldspieler, die sich nach erfolgreicher Defensive auch aus einem folgenden Gegenpressing herauswinden und schnelle Gegenangriffe einleiten können.

    Gegen stärke Gegner, wie es eben auch die Gruppenfavoriten aus München sein werden, sind die Außenspieler Valencias essentiell. Hier gibt es eine ganze Reihe an intelligenten und dynamischen Akteuren, die defensiv mithelfen, nach Ballgewinnen aber hervorragend umschalten und den Raum hinter der gegnerischen Abwehr attackieren. Gerade auf links stehen mit Canales oder Guardado und dem ausdauernden wie intelligenten Linksverteidiger Mathieu sehr starke Optionen bereit. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Valencia auch auf zwei Außenverteidiger als Pärchen auf den Seiten setzen kann und beide bei Gegenstößen dann zusammen vorrücken, um den Gegner zu überfallen (Cissokho und Mathieu).

    In der vergangenen Saison brachte Valencia den FC Barcelona auf diese Weise an den Rand einer Niederlage, verhinderte das Spiel der Katalanen durch geschicktes Isolieren im offensiven Drittel weitgehend und setzte nach vorne besonders über links immer wieder enorm gefährliche Konter. Normalerweise besitzen die Bayern hier mit dem defensivstarken und intelligenten Lahm auf rechts sowie Badstuber auf links eine wichtige Absicherung, doch derzeit agieren beide verhältnismäßig offensiv, so dass bei einer Beibehaltung dieser Ausrichtung auf beiden Seiten Gefahr über die Flügel entstehen könnte.

    BATE Borissow

    Der auf dem Papier einfachste Gegner ist die bisher einzige weißrussische Mannschaft, die sich für die Königsklasse hat qualifizieren können - FK BATE Baryssau. Auch wenn die Münchener den Gegner, der bei seinen bisherigen 12 Auftritten in der Königsklasse noch keinen einzigen Sieg erringen konnte, möglicherweise allein mit ihrer schieren individuellen Klasse in die Knie zwingen könnten, sollte man sich BATE dennoch genauer annehmen.

    Auffälligstes Merkmal der Mannschaft, die von ihrem 35-jährigen Trainer Goncharenko bereits seit 2007 kontinuierlich betreut und entwickelt wird, ist ihre starke Defensive, die in bisher 21 Ligaspielen nur zehn Gegentore zuließ — selbst für die weißrussische Liga beeindruckend. Dabei ist die 4-3-1-2-Rautenformation mit drei tiefen und klassischen Sechsern entscheidend, die sehr fluid und anpassend agieren können. Dieses bewegliche Spiel im Zentrum könnte der Schlüssel sein, um die enorme individuelle Unterlegenheit gegenüber den Bayern zumindest zu kaschieren.

    Allerdings wäre der Preis für ein dichtes Zentrum möglicherweise, den Bayern die Außen zu überlassen — wie diese gerade gegen die Mainzer gezeigt haben, können sie ein solches "Problem" mit konsequentem Flügelspiel und simplen Flanken auch sinnvoll umschiffen. Als Gegenmittel wiederum könnte BATE möglicherweise auf eine Fünferkette umstellen, um ähnlich wie die Weißrussen bei Olympia einen zusätzlichen kopfballstarken Innenverteidiger im Strafraum zu haben (was allerdings in der Ausführung bei Weißrusslands U23 nicht funktionierte). Dafür müsste dann der Zehner weichen.

    Dieser Zehner ist normalerweise ein enorm wichtiger Mann für das Offensivspiel BATEs — hier verfügen sie gar über zwei gute Spieler, die diese Rolle verkörpern können. Zum einen ist da der eingebürgerte Brasilianer Renan — mit seiner Spielstärke und Torgefahr absoluter Star der heimischen Liga. Zum anderen kehrte mit Alex Hleb einer der besten weißrussischen Spieler aller Zeiten von seiner Reise durch Europa, die ihn einst von Stuttgart über Arsenal bis zu Barca verschlug, in die Heimat zurück — allerdings ist Hleb durch zahlreiche Verletzungen gezeichnet und längst nicht mehr der spritzige Spieler, der er einst war. Das Potential und die spielerischen Fähigkeiten sind aber noch vorhanden, so dass BATE zwei mögliche Optionen für eine moderne Zehn hat, um die beiden Stürmer — meist spielen dort der schnelle Rodionov und Toptorjäger Mozolevski — einzusetzen, die bei einer Fünferkette wohl komplett auf sich allein gestellt wären.

    Doch ohnehin wird BATE gegen die Bayern kaum Aussichten auf einen eigenen Treffer haben - dazu sieht ihre Ausrichtung so oder so viel zu wenig Support und offensives Aufrücken vor, um die großteils starke bayerische Defensivarbeit in Verlegenheit zu bringen. Einzig Standards oder geniale Aktionen eines möglichen Zehners könnten zur Gefahr werden, wobei ein horizontales Ausweichen der Stürmer ein sinnvolles Mittel gegen die Münchener darstellt. Daneben bleibt dann die Frage, wie BATE sich defensiv schlagen kann. Ein 0:0 wäre ein enormer Erfolg, eine knappe Niederlage sehr akzeptabel. Zu erwarten sind natürlich souveräne Siege für den FCB.

    OSC Lille

    Eine andere und ebenso keinesfalls zu unterschätzende Gewichtsklasse ist Lille, die in der vorletzten Saison die französische Meisterschaft gewonnen haben. Auch ohne ihren 40-Millionen-Abgang Eden Hazard haben die Nordfranzosen weiterhin eine starke Truppe beisammen, die allerdings momentan ihr Potential noch nicht ausspielen kann. Den Bayern kann es nur recht sein, dass sich der LOSC noch mit diversen Abstimmungsproblemen und fehlenden taktischen Mechanismen herumschlagen muss - die bisher erzielten fünf Punkte in fünf Spielen zeugen davon.

    Besonders in der Offensive hapert es noch an der richtigen Anbindung der Spieler untereinander. So reagieren beispielsweise die  Sechser nicht richtig auf das gelegentliche Zurückfallen des als Zehner spielenden Marvin Martin, wodurch der Zehnerraum verwaist und die offensiven Verbindungen zerreißen. Probleme hat die Mannschaft außerdem bei der Raumaufteilung auf den Seiten und in den Halbräumen, da die weit aufrückenden Außenverteidiger und die Außenspieler in ihren Positionierungen nicht immer gut genug abgestimmt sind.

    Ein zentraler Angriffspunkt für die Bayern dürfte das Aufbauspiel Lilles sein: Trainer Rudi Garcia versucht vermehrt, in die Halbräume abkippende Sechser zu installieren, während die beiden Außenverteidiger weit vorrücken, um die Optionen im Spielaufbau variabler zu gestalten. In der aktuellen Phase leidet darunter allerdings noch die defensive Sicherheit und es ergeben sich durch die nach außen schiebenden Sechser Räume im Zentrum, die mit schnellen Gegenstößen ausgenutzt werden könnten. Die Entwicklungsphase dieses Stils wird wohl noch etwas andauern. Ungenauigkeiten im Spielaufbau könnten für Lille gegen die Bayern fatale Auswirkungen haben — der VfB Stuttgart kann ein Lied davon singen, wie schmerzhaft tiefe Ballverluste bei aufgefächerter Formation gegen den deutschen Rekordmeister sein können. Wie offensiv die Außenverteidiger gegen einen starken Gegner wie die Bayern aufrücken werden und wie viele eigene Aufbausituationen die Franzosen ausspielen wollen, ist dabei aber schwer vorherzusagen.

    Zu beachten ist, dass Lille ihr Aufbau- und Offensivspiel in den meisten Fällen sehr einseitig über die dominante rechte Seite aufzieht, was am auf links eingerückten Offensivspieler Payet und besonders am sehr offensiven Rechtsverteidiger Debuchy liegt, der schon bei der Europameisterschaft und generell im Nationalteam von sich reden machte. Bei einem Spieler wie Debuchy ist ein hinter ihm herauskippender Sechser natürlich lohnenswert.

    Die Bayern dürfen sich von dieser starken Seite Lilles nicht überladen lassen und müssen die richtige Balance zwischen dem Abdecken Debuchys sowie dem Schließen der Halbräume zum Stören der Sechser finden (z.B. bewegliche und weniger strikte Ketten spielen und nur bedingt gegnerorientiert verteidigen). Andererseits sind die fehlende Abstimmung im letzten Drittel und Lücken bei schnellen Gegenangriffen als Schwachpunkte bei Lille auszumachen. Insgesamt sollten die Bayern genügend Optionen haben, um die richtigen Anpassungen für zwei erfolgreiche Spiele vornehmen zu können.

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