Die griechischen Spieler feiern mit ihren Fans
Wir sind ja so gut. Es ist kaum auszuhalten. Die Besten halt. Würde Hansi Flick jetzt sagen, dass wir alles niederwalzen, hätte er schon wieder die sensiblen Seelen im Genick. Man muss vermutlich auch in fünfhundert Jahren noch jedes deutsche Wort, das auch nur im Entferntesten einen militärischen Hauch in sich birgt, auf die Goldwaage legen. Also: Wir walzen nicht, wir spielen. Kein Stahlhelm, nur eine dicke Mütze. Immer vorsichtig sein, weil sonst, sonst haben wir ja keine Sorgen.
Wir sind ja bei der Kickersause schon aus der Gruppenphase raus. Mit drei Siegen. Das klingt, als hätte Joachim Löw bislang nur Sparringspartner besiegen müssen. Dabei: Hammergruppe. Aber ist das eine Kunst?
Der Euro hierzulande ist stabil. Die Prämien für unsere lieben Kicker werden garantiert pünktlich überwiesen. Und alle hierzulande lieben diese Währung und die Fußballmannschaft. Beim künftigen Gegner im Viertelfinale ist das nicht ganz so harmonisch. Der Euro ist dahin, das Land ist pleite. Die Geschichte wiederholt sich. Wie so oft.
Sparen kann, wer sparen will
Die Akropolis wird in kleinen Scherben an den Mann gebracht, Drachmen sollen wieder steigen, ginge es nach der Mehrheit des Volkes. Aber eines ist dabei klar: Sparen kann, wer sparen will. Da können die so wandelbaren griechischen Politiker (es sind ja immer dieselben, genau die eigentlich, die das Dilemma des Landes zu verantworten haben) erzählen, was sie wollen. Im Himmel ist Jahrmarkt zum Beispiel. Juckt nicht. Sparen sollen andere und auf Vorschläge einer deutschen Politikerin, selbst wenn sie Bundeskanzlerin ist, wird in Griechenland aber so was von gepfiffen.
Deutschland ist schon lange der böse Bube, denn von Selbstverschulden der Probleme wollen die Griechen natürlich auch nichts wissen. Mit hauchdünner Mehrheit haben sich jetzt noch einmal die konservativen Kräfte durchgesetzt, was immer das bedeuten mag. Im Falle Griechenlands ist das nicht so gut. Konservativ heißt immer auch bewahren. Alte Zöpfe behalten. Es wird sich also nichts tun.
Erfolg, weil Modernisierung ausbleibt?
Aber ein sportliches Beispiel hat ja auch gezeigt, dass es gar nicht notwendig ist, sich ständig neu zu erfinden. Griechenland ist nämlich auch im Viertelfinale. Die Minimalisten des portugiesischen Trainers Fernando Santos, der aussieht, als wäre er ein Blutsverwandter von Fernandel, haben sich ähnlich wie die griechische Politik einen Teufel geschert um irgendeine Form der Modernisierung.
Der langjährige Trainer Otto Rehhagel hat sie seinerzeit (2004) zum Europameistertitel verteidigen lassen. Das haben die Griechen nicht vergessen. Angesichts der nicht sonderlich großen Popularität, die Menschen mit einem deutschen Ausweis derzeit in Griechenland genießen, hat sich König Otto rechtzeitig verabschiedet. Und wie es das Schicksal so will, spielen die Griechen jetzt gegen Deutschland.
Emotionale Ausnahmesituation in Griechenland
Ich glaube, es ist nicht sonderlich viel Fantasie notwendig, um sich auszumalen, in welche emotionale Ausnahmesituation sich das griechische Volk im Spiel gegen Deutschland steigern wird. Das wird der kollektive Schulterschluss. Egal, welcher Partei man bei der jüngsten Wahl die Stimme gegeben haben sollte: Das alles wird nicht mehr zählen. Links und rechts, Kommunisten und sogar die politisch leider in Griechenland legitimierten Faschisten der Partei "Chrysi Aygi" (Goldene Morgenröte): Sie alle werden gemeinsam gegen Deutschland den harzigen Rezina trinken und sich an einer möglichen Sensation berauschen, die sie den nur allzu traurigen Alltag für die Sternschnuppe von eineinhalb Stunden im Zeitfenster der Ewigkeit vergessen lassen kann.
Für Joachim Löw ist das keine angenehme Situation. Er vertritt Deutschland, den derzeit ungeliebten Partner in der Eurozone und trifft auf ein Team, das sich als Stellvertreter eines ganzen Volkes sehen wird, das sich in die Enge getrieben fühlt.
Favoriten können auf Rasen immer stolpern
Natürlich ist es bloß ein Fußballspiel. Aber wir sollten nicht die Augen verschließen vor der besonderen Situation. Die Stimmung wird sich hochschaukeln. Das ist gar nicht zu verhindern. Da wird Besonnenheit notwendig sein - auf allen Seiten. Gut, dass sich die Bundeskanzlerin schon frühzeitig dafür entschieden hat, die Kicker diesmal nicht bei offiziellen Spielen mit ihrem Besuch zu beehren. Das würde noch zusätzlich viel griechisches Öl ins Feuer gießen. Obwohl: An schmackhaftem Öl herrscht ja kein Mangel.
Vielleicht kann ein Resultat, das auch auf grünem Rasen erzielt worden ist, das deutsche Team davor warnen, sich zu leicht den Verlockungen der Favoritenrolle hinzugeben. Roger Federer hat in Halle in Westfalen bis zum Finale immer wieder bewiesen, dass er der weltbeste Rasenspieler ist. Und hat dann doch im Endspiel gegen den ältesten Spieler im Turnier verloren. Tommy Haas hieß er früher. Jetzt sagen alle Thomas. Er ist erwachsen geworden und wird auch in Wimbledon eine Wildcard erhalten. Er war totaler Außenseiter und hat den ehemaligen Branchen-Primus Federer auf eindrucksvolle Art und Weise besiegt. Ein tolles Ergebnis für den 34-Jährigen, dessen Stern plötzlich wieder leuchtet, obwohl lange Zeit nur ein schmales Glimmen zu erkennen war.
Wir gehen spannenden Zeiten entgegen, auch wenn die griechischen Kicker nach Lage der verworrenen Dinge jetzt ihre Prämie wohl doch in Euro ausbezahlt bekommen.
Euer Sigi Heinrich
