Lichtblicke (fast) Fehlanzeige
Ich habe den Nachmittag ausnahmsweise mal im Olympiastadion in London verbracht. Fast alleine. Die Reinigungskräfte wirbelten am Anfang noch um mich herum, auf dem Rasen wurde der Speerwurfsektor eingemessen. Schöne, lateinamerikanische Musik (warum auch immer) kam aus den Lautsprechern. Nicht aufdringlich. Gerade recht als Unterlage für die Buchführung.
Deutschland macht schlechten Schnitt
Leichtathletik ist nämlich definitiv die aufwändigste Sportart für einen Kommentator, die es gibt. Und so ein klein wenig weiß ich, worüber ich spreche. Stunden vor jeder Sendung habe ich jedenfalls das Gefühl, ich würde in einer Gemeindeverwaltung arbeiten, wo es noch keine Computer gibt. Kleben sie wohl und schneiden sie gut ab.
Ob meiner altertümlichen Präparierung werde ich manchmal natürlich belächelt. Aber mein Kollege Tim Hutchings, ehemaliger sehr guter Mittelstreckenläufer für Großbritannien, vertraut dem gleichen System, das danach, bei Läufen in Bahnen in erster Linie, einen schnellen Blick auf die gesammelten Informationen zulässt.
Zudem wird mir bei jedem Schnitt und jedem Athleten, der ins Archiv wandert (ich habe deshalb immer Übergepäck, was bei den neuesten Richtlinien der Fluggesellschaften mittlerweile auch nicht mehr lustig ist) deutlich vor Augen geführt, wer gut war, wer sich durchgesetzt hat oder eben wer in den Qualifikationen hängen geblieben ist.
Fast nur Olympiatouristen
Auf dem Tisch bleiben zum Beispiel die Namen Matthias Bühler, Erik Balnuweit und Alexander John liegen. Ich stellte gerade die Halbfinals über 110m-Hürden zusammen. Kein deutscher Athlet dabei. Alle nicht knapp oder mit Pech ausgeschieden, sondern wirklich mit Pauken und Trompeten abgeschmiert.
Sie blieben nicht ein paar hundertstel Sekunden hinter ihren Bestleistungen zurück, sondern gleich mehrere Zehntel. Alle drei. Silvio Schirrmeister liegt auch schon in einer Folie. Er hat den Kleber nie erlebt, der ab den Halbfinals verwendet wird. Er lief über 400m-Hürden in der ersten Runden meilenweit hinterher.
Arne Gabius, der im Winter so schöne Rennen über 3000 Meter lief und zwischendurch in der Saison vor den Olympischen Spielen auch über 5000 Meter ansprechende Leistungen zeigte, sieht das Finale auch nur im Fernsehraum des olympischen Dorfes.
Die Damen im etwas blassen DLV-Trikot waren nicht viel besser. Zwar sahen sich Cindy Roleder und Carolin Nytra im Halbfinale wieder, aber die gezeigten Leistungen wiesen auch sie als Olympiatouristen aus. Und die beste europäische Sprinterin Verena Sailer hat mit brutaler Deutlichkeit erkennen müssen, dass es zur Weltspitze wohl nie reichen wird. Und es geht leider noch weiter und auch in andere Bereiche hinein.
Als kleine Zwischenbilanz muss festgehalten werden, dass kaum ein deutscher Leichtathlet über sich hinauswachsen konnte in London. Krass untergegangen sind die Kugelstoßerinnen, Flugangst befiel alle drei Stabhochspringerinnen, die wenigstens im Finale waren. Selbst die in der Vergangenheit so zuverlässigen Weitspringer Reif und Bayer waren unpässlich.
Medaillen dürfen Blick nicht verstellen
Dass der Diskusriese Robert Harting, das Supertalent David Storl im Kugelstoßen (es fehlte nur ein Zentimeter zur Goldmedaille) und die konsequent mit ihrem Papa trainierende Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf als Zweite schon jetzt zu einem weitaus besseren Abschneiden als in Peking (nur eine Bronzemedaille durch Christina Obergföll im Speerwurf) gesorgt haben, darf die wirklich dramatischen Niederlagen nicht vergessen machen.
Der Großteil der bislang gestarteten Aktiven hat hier versagt. Es scheint so zu sein, als wirkten viele deutsche Athleten in London gänzlich überfordert und es zeigt sich auch sehr klar, klarer als das mancher Funktionär wahrhaben muss, dass die Auswahlkriterien eher die Teilnahme als das mögliche Siegen ermöglichten.
Vollbremsung statt Aufschwung
Es verstärkt sich auch der Eindruck, dass die vorgelagerten Europameisterschaften eine gefährliche Veranstaltung waren. Sie waren ein mächtiges Täuschungsmanöver und haben viele geblendet. Gerade in der Leichtathletik ist in den meisten Disziplinen (vornehmlich im Laufbereich) ein Europameistertitel ein Muster ohne Wert.
Das ist - als kleiner Trost - auch ein Problem anderer Nationen (siehe Ivet Lalova aus Bulgarien, die als Sprinteuropameisterin auch nicht ins Finale kam). Dennoch bleibt dem Deutschen Leichtathletik-Verband und seinen vielen Trainern nach diesen olympischen Spielen nichts anderes übrig, als eine extrem umfangreiche Aufarbeitung zu betreiben. Selbst wenn noch Medaillen kommen, was wir hoffen (Stabhochsprung, Hammerwurf der Frauen, Speerwurf der Frauen und Männer), ändert das nichts an der Tatsache, dass der von vielen im Vorfeld zitierte deutliche Aufschwung im Olympiastadion eine Vollbremsung hingelegt hat.
