WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Sigi Heinrich

    Traditionen mit Füßen getreten

    Lokalmatador Andy Murray auf dem "heiligen" Rasen in Wimbledon

    So genau weiß es keiner, aber es gibt Vermutungen, Hinweise, Gerüchte. Die Nachrichten werden flüsternd weitergegeben. Der Mund ganz nah am Ohr. Es soll ja keiner hören, es ist ja nicht offiziell. "Hast Du das auch gehört…?" Die ehrenwerte Gesellschaft soll sich gerade vor Entsetzen kräftig einen hinter die Binde gegossen haben.

    Gemeint sind die Mitglieder und natürlich vor allem die ihnen vorstehenden Vorstände des All England Lawn Tennis and Croquet Club. Das ist jener elitäre Zirkel, der alljährlich die Tennismeisterschaften von England veranstaltet. In Kurzform: Wimbledon halt. Nicht bloß ein Tennis-Turnier. Natürlich nicht. Legendär, weltbekannt. Der heilige Rasen. Jeder Grashalm mit der Fingernagelschere persönlich gestutzt. Jedes Pflänzchen in den Blumenbottichen mit täglichen Streicheleinheiten versehen. Alles ist an seinem Platz.

    Lautes, schrilles Bordell

    Es ist eine imposante Anlage und normalerweise geht hier auch alles mit rechten Dingen zu. Dazu gibt es Regeln. Würde einer von den einhundert Spielern, die das Jahr über die Anlage benutzen dürfen, in vergilbten weißen Socken antreten, würde man ihn natürlich aus dem Club werfen. Schon ein farbiger Fingernagel der holden Weiblichkeit stört den Gesamteindruck. Das die Bälle gelb sind, ist ja schon genug der Qual, die man ertragen muss, denn neben dem Grün des Rasens und der Wände ist nur noch weiß erlaubt, die Farbe der Unschuld.

    Jedermann muss sich dem unterordnen. Federer, Borg, Nadal, Conners, Becker, Graf, die Williams-Schwestern. Ohne Ausnahme beugten sie sich dem Diktat dieses Vereins, der nun seine Anlage für die Olympischen Tennis-Wettbewerbe zur Verfügung gestellt und dies vermutlich schon wieder bereut hat. Die olympischen Farben haben Einzug gehalten. Das prägnante Lila der Veranstalter der Spiele scheint das satte Grün von Wimbledon beinahe zu verzehren. Vielleicht könnte die noble Gesellschaft dieses Privatclubs das noch akzeptieren.

    Mit Bauchschmerzen vielleicht aber eben doch noch. Wäre da nicht der Auftritt der Aktiven. Ein Greuel ist das, eine Entweihung schlichthin. Als würde man  ein Kloster, einen Ort der stillen Einkehr, in ein lautes, schrilles Bordell verwandeln. Weiß ist nur noch im Detail vorhanden, als Applikation vielleicht zu schrillem Blau oder grellem Gelb. Manche spielen in feuerroten Trikots, einige gleichen gar leuchtfarbenen,  lebenden Markern. Und dann die Zuschauer. Sie gröllen, sie schreien, sie feuern ihre Athleten an könnte man sagen, mit etwas gutem Willem. So etwas, nein so etwas hat Wimbledon in der Geschichte noch nicht erlebt.

    Einwand geht ins Leere

    Das ist nicht mehr der All England Lawn Tennis and Croquet Club. Da schwappt eine Ansammlung von wild gewordenen Sportlern und Zuschauern über die Anlage wie eine giftige Sauce, die alles zerstört, die nur Chaos und Leiden hinterlässt. Traditionen werden mit Füßen getreten. Wimbledon-Traditionen. So werden  das die 365 Vollmitglieder dieses Vereins garantiert sehen, denn sie hatten im Vorfeld ja darauf hingewiesen, dass auch bei den Olympischen Spielen die Regeln des Clubs zu gelten hätten.

    Der Einwand ging natürlich ins Leere. Jetzt ist es zu spät. Der einzige Trost besteht nur darin, dass dieser Spuk bald zu Ende geht. Dann ist die Farbe lila wieder nur der Titel eines Films von Steven Spielberg mit Whoopie Goldberg in der Hauptrolle und nicht der Albtraum der Herren in weiß.

    Zurück zur Übersicht

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Vor kurzem gepostet