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    Sigi Heinrich

    Das Phänomen Bolt

    Das olympische Feuer brennt. Aber auf Sparflamme. Es züngelt im Olympiastadion vor sich hin, ziemlich nahe an der Laufbahn, also dem Regen total ausgesetzt, sollte sich,  was ja in London selten vorkommt, tatsächlich mal eine mit Wasser gefüllt Wolke entleeren. Schön sieht das nicht aus und wer nicht in dieses Stadion geht, sieht dieses Feuer, das mit großem Brimborium in Griechenland mit einem Brennspiegel entzündet wird, überhaupt nicht.

    Von wegen: Es soll leuchten über London. Es wäre gerade so, als hätten sie zuhause einen Kronleuchter und würden ihn bloß mit Teelichtern bestückten. Ärmlich halt. Aber vielleicht will man hier deutlich machen, dass sich die olympischen Spiele in erster Linie über die Leichtathletik definieren. Den Eindruck kann man nämlich gewinnen, wenn der Name Usain Bolt in einer Startliste auftaucht.

    Dann scheint es, als würde die Welt für einen Moment stehen bleiben. Alle halten die Luft an, schauen auf den Startblock und erwarten wieder ein Wunder. Immer und immer wieder. Bahn sieben diesmal. Kein guter Start, am Ende die zweitschnellste jemals gelaufene Zeit. Olympischer Rekord. Bolt liefert, was gewünscht wird. Bolt füllt Träume mit Leben. Aber er ist kein Traumtänzer, sondern auch einer der hart arbeitet.

    Denn das ist sie ja, die große Kunst. Wenn das Ergebnis der Maloche ein schier federleichter Laufschritt ist, eine fordernde Kraft aus den Beinen heraus, die fast selbstverständlich meist Wunderzeiten ermöglichen, dann ist das fast kein Sport mehr. Dann ist das ein Gesamtkunstwert, das der normal gestrickte Erdenbürger irgendwie nicht mehr versteht. Wie die Pinselstriche von Picasso,  die man vielleicht erst begreift, wenn sie jemand erklärt.

    Aber wie erklärt sich das Phänomen Usain Bolt? Viele haben sich schon auf die Spurensuche gemacht, sind nach Jamaika gefahren in der Hoffnung, das Geheimnis ausfindig zu machen. Längst weiß die Welt, dass der Papa von Usain Bolt Schweinefüsse in seinem Gefrierschrank lagert und dass die Schule, in die Bolt einst ging, einen rosafarbenenen Anstrich erhalten hat. Die Imbissbuden haben Konkurrenz von einer amerikanischen Burgerkette bekommen. Der Bolt-Tourismus will versorgt werden. Bob Marley ist zwar noch nicht "out" aber auch nicht mehr so gefragt wie einst, als er eine neue Musikrichtung bekannt machte.

    Jamaika boomt dank Usain Bolt, der seine Wurzeln indes nie vergessen hat. Er sei ja ein Landei, ein Junge aus ärmlichen Verhältnissen, betont er gerne. Er kümmert sich um seine Leute, um seine Welt zuhause. Sein Sponsor gibt nicht nur ihm Schuhe, sondern muss eine ganze Schule ausstatten. Dass lässt er sich auch in Verträge schreiben. Und das ist eine Seite von ihm, die nur selten erwähnt wird. Usain Bolt ist ein Wohltäter, der will, dass es die Kinder seiner Heimat einmal besser haben als er, wobei er Wert darauf legt, dass dies nicht in Luxus ausartet. Das einfache Leben hat auch ihn geprägt und ist vielleicht auch ein Baustein seiner Motivation.

    Vermutlich ist er verletzlicher, als wir glauben und seine Faxen nur eine Maskerade. Ein Schutzschirm gegen diese schier übermächtigen Erwartungen, die ihn auch erdrücken könnten. Selbst als er gegen Yohan Blake, seinen Freund und Trainingskollegen, bei den jamaikanischen Meisterschaften zweimal unterlag, wollte niemand was von Blake wissen. Es ging und geht immer nur um ihn, um den Mann, der Sehnsüchte stillt. Sehnsüchte nach Sensationen, nach dem Einzigartigen, dem Besonderen. Ein Mann, der etwas erreichen kann, was noch niemand vor ihm schaffte. Drei Olympiasiege will er wiederholen. Das ist in der Leichtathletik noch keinem vor ihm gelungen. Er hat sich diese Ziele selbst gesteckt und er artikuliert sie auch unablässig.

    Und das Geheimnis? Sein Trainer Glenn Mills sagt, es sei harte Arbeit. Usain Bolt hat einen schönen Satz dazu gefügt. Mills verstünde seinen Körper und seine Seele. Unsterblich will Usain Bolt in London werden. Es wird ihm wohl noch vieles gelingen und er ist ein Ausnahmeathlet, dem vieles auch zuzutrauen ist. Aber wenn es um Unsterblichkeit geht, sind vermutlich auch dem schnellsten Mann der Welt natürliche Grenzen gesetzt.

    Viele Grüße,

    Sigi Heinrich

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