Schön & schnell: Gössner, Neuner & Rebensburg
Soll ich auch? Sie wissen schon. In Sachen Magdalena Neuner auch ein paar schlaue Sätze zum Besten geben. Ich bin ja diesbezüglich und irgendwie ein Neuner-Spezialist geworden.
Zwangsläufig, denn ich habe alle Weltcuprennen von ihr zuzüglich der Auftritte bei den Juniorenweltmeisterschaften in Ruhpolding vor vier Jahren kommentiert. Sie war im Winter sozusagen allgegenwärtig.
Aber warum soll ich hier auf die Tränendrüse drücken. Eine Sportlerin hat ihren Rücktritt, den sie zu Beginn des Winters auch angekündigt hatte, in die Tat umgesetzt. Ein letztes Rennen im so fernen, tiefen Sibirien, noch ein Sieg, noch schnell zum dritten Mal den Gesamtweltcup gewonnen und das war es dann auch.
Mit 25 Jahren zieht sich Magdalena Neuner ins Privatleben zurück, was immer das dann auch ist. Talkshows werden kommen, mit Preisen wird man sie noch überhäufen und ein Rennen bestreitet sie ja tatsächlich noch: Im Dezember wird sie auf Schalke antreten, wobei dann auch klar wird: Das ist und bleibt ein Wettkampf, der mehr Show als Sport ist und somit eigentlich dem Wesen von Neuner widerspricht. Aber jetzt gilt das ja alles nicht mehr.
"Vorbild" Mittermaier?
Jetzt muss Magdalena Neuner nur noch einfach anwesend sein. Wie man einen Namen ein ganzes Leben nach einer Karriere immer und immer wieder in die Schlagzeilen bringt, hat Christian Neureuther unnachahmlich vorgelebt. Seine Rosi ist heute noch bekannter als viele ihrer Nachfolgerinnen, obwohl die Olympischen Spiele in Innsbruck jetzt schon 36 Jahre zurückliegen.
Dabei hat Rosi Mittermeier viele potentielle Nachfolgerinnen erlebt und auch ganz aktuell ist die Branche mit Glücksfällen gesegnet. Ich denke dabei vor allem an Viktoria Rebensburg aus Kreuth am Tegernsee. Eines ist klar: Wäre an diesem Wochenende nicht sportlicher Volkstrauertag, weil Neuner vermutlich unwiderruflich aufgehört hat, hätte garantiert die Olympiasiegerin Rebensburg ein Mehrfaches an Aufmerksamkeit erlebt.
Wie bei Hase & Igel
Sie hat sich erneut als beste Skiläuferin im Riesenslalom erwiesen. Überragend, überlegen und was eine Charmeoffensive beträfe, da bräuchte Rebensburg nicht hinter Neuner zurückstehen. Es war nur so: Wann immer der alpine Wirbelwind einen Sturm entfachte, war die Biathletin schon da. Mit mehr Aufmerksamkeit in den Medien als alle andere Wintersportlerinnen zusammen.
Rebensburg scheint das nie gestört zu haben. Ihre Präsenz sogar nach Vancouver war kleiner, manchmal sogar nur lokal begrenzt. Ich bin sicher, dass mancher Hamburger den Namen Magdalena Neuner schon mal gehört hat. Würde man ihn mit dem Konterfei von Viktoria Rebensburg konfrontieren, würde man wohl nur ein entgeistertes Kopfschütteln ernten.
Vielleicht ändert sich das jetzt. Es ist jetzt wieder mehr Platz vorhanden. Platz für alle anderen, die immer erst hinter Magdalena Neuner kamen, auch wenn die Skijägerin das ja nicht forciert hatte.
Ihr Siegeszug durch die Republik entwickelte damals mit der Weltmeisterschaft in Antholz eine in dieser Form bislang kaum gekannte Eigendynamik. Vergleichbar vielleicht nur mit Steffi Graf. Aber das ist schon lange her, weshalb Neuner Sehnsüchte erfüllte nach einem Star, der nicht nur erfolgreich ist, sondern Werte vermittelt, die wir uns alle wünschen.
Ähnliche Wurzeln
Sie hat ihre Wurzeln nie verleugnet. Die Scholle war ihr immer wichtiger als falscher Glamour. All das könnte man übrigens auch auf Viktoria Rebensburg anwenden. Vielleicht liegt das auch daran, dass beide fast nebeneinander aufgewachsen sind. Neuner im Werdenfelser Land, Rebensburg am Tegernsee. Luftlinie vielleicht vierzig Kilometer.
In dieser sanften Voralpenlandschaft hält man das Brauchtum noch hoch. Am Sonntag gibt es nach dem Kirchgang einen deftigen Schweinebraten. An Leonhardi werden die Pferde geweiht. Noch immer gibt es zu Ehren der Schutzheiligen gemeinsame Prozessionen. Wer so aufwächst, flippt nicht aus, der ist geerdet. Und das ist kein Nachteil. Vielleicht verleiht das sogar so viel innere Stärke, dass auch Momente des Zweifels — und die gibt und gab es immer — leichter überwunden werden.
Es geht hier nicht darum, ob Rebensburg die Nachfolgerin von Magdalena Neuner werden kann. Aber ich will klar machen, dass der Sport hierzulande das Fehlen der Biathletin auffangen kann.
Man wird andere Helden finden und das Schöne darin ist, dass man dafür nicht einmal lange suchen muss. Sie sind schon da.
Herzlichst,
Euer Sigi Heinrich
