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    Sigi Heinrich

    Jetzt hat mich London erreicht

    Russel-Square in LondonHat mich London schon erreicht? Ich sitze jedenfalls jeden Morgen träge und müde in einem nagelneuen Doppeldecker-Bus und lasse mich vorbei an verschiedenen Sehenswürdigkeiten zum Olympiapark schaukeln. Mit einem Mal fühle ich mich wie ein normaler Werktätiger, der täglich in immer gleichem Rhythmus sein Leben abspult. Niemand spricht, niemand schaut sich auch wirklich an. Es will keiner gestört werden in seinem morgendlichen Trott.

    So soll es angeblich Millionen Menschen immer frühmorgens in London gehen. Im Bus oder im Tube, dem gewaltigen unterirdischen Moloch mit seinen ratternden Zügen, die natürlich keine Klimaanlage haben. Manche Zugänge sind so tief, dass man glaubt, am Ende wartet ein Kohlenschacht. Gut, es gibt Lifte, aber die funkionieren nicht immer, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Station Russel Sqare. Nach der Fahrt mit dem modernsten Zug Londons, der nur sieben Minuten von Ost-London, dem olympischen Gelände, bis zur Endstation "Kings-Cross" benötigt, ist die Metro ein Kulturschock. Als würde man eine Zeitreise in das vorherige Jahrhundert unternehmen.

    Perfekte Trainingsstrecke

    Es ist nur eine Station bis zum Ausstieg und hoffnungsvoll folge ich natürlich der Masse, treffe unterwegs eine Truppe aus der Dominikanischen Republik und erfahre so nebenbei, dass der neue Juniorenweltmeister Lionel Santos, der zweitschnellste 400-Meter Laufer in diesem Jahr, nicht in London starten wird. Und dann höre ich die Lautsprecherdurchsage. We apologise.... Der Lift. Er geht nicht. Sorry. Ist nicht so schlimm, dachte ich. Heute eh noch nicht trainiert und ein paar Treppen schaden nicht. Ein paar Stufen. Gut. Es war, als würde ich einen Turm erklimmen, zumal es eine Wendeltreppe war. Die abgetretenen Stufen waren mit Metallschienen verstärkt worden, der Radius war so eng, dass schon in der Mitte kaum noch eine Trittmöglichkeit bestand, was dazu führte, dass alle außen am Rand gingen.

    Und weil ein Lift nicht abwärts fährt, wenn er auch nach oben nicht geht,  kamen plötzlich viele Menschen auch herunter. Und alle hielten sich krampfhaft am Geländer fest. Niemand wollte in die Mitte ausweichen. Der ganze Weg, jeder einzelne Schritt, wurde so zum stillen Kampf, der mit Blicken und entschiedenen Gesten ausgetragen wurde. Ich habe abwechselnd gewonnen und verloren.  Irgendwann blieb ich stehen, etwas außer Puste, gebe ich zu und fragte, wie weit  es noch sei. Da hatte ich die Hälfte absolviert. Treppenlaufen ist ja noch nicht olympisch, obwohl es schon Weltmeisterschaften gibt.

    Der Eingang zu "Russel-Square" wäre eine perfekte Trainingsstrecke zumal gleich in der Nähe ein ideales Erholungsgebiet liegt. Ein kleiner Park mit einem Brunnen in der Mitte, vielen schattenspendenden Baumen und bequemen Bänken, die trotz der vielen Menschen nicht alle besetzt waren, denn die meisten lagen auf der Wiese. Es war eine wunderbare, entspannende Atmosphäre. Ein Ruhepol inmitten des hektischen Getöses einer Großstadt. Die Engländer lieben ihre Parks. Ich habe mich dazu gelegt. Mein Rucksack diente als Kopfkissen. In diesem Moment hatte ich das Gefühl - Jetzt hat mich London erreicht.

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