Marcel Nguyen (Deutschland)Überall weißer Staub. Magnesiumcarbonat gemischt mit Talkum. Sorgt für trockene Hände und ist trotzdem rutschfähig, so dass am Reck und am Barren ein fester Griff möglich ist, ohne kleben zu bleiben, was für den Übungsfluss ja arg hinderlich wäre. So wie Turnhallen nach einem Training oder einem Wettkampf aussehen, ist das ein Albtraum für jede Hausfrau.
Glücklicherweise hat Melville Bissel 1876 das Patent eingereicht für den ersten funktionierenden Staubsauger, so dass die Reinigung jetzt leicht von der Hand geht. Alles riecht immer nach Arbeit, nach Schinderei, nach Fron. "Pain is temporary, pride is forever."
Party unterm Hallendach
Marcel Nguyen hat sicher früh gespürt, dass er sich eine Sportart ausgesucht hat, in der wenig Sonne scheint. Tausend Wiederholungen. Jeder Salto muss automatisiert werden, jede Felge, jeder Überschlag. Einfach alles. Immer und immer und immer wieder. Das macht erfahrungsgemäß nicht immer nur Freude. Und doch: Es ist ein berauschendes Gefühl, wenn man in der Lage ist, den Körper zu beherrschen.
Drei Drehungen um die Längsachse eingebaut in einen Salto rückwärts. Wenn das zum ersten Mal gelingt, dann tanzen die Glückshormone Samba. Das ist dann "cool", würde Nguyen sagen, der zusammen mit Philipp Boy, dem Europameister, dem alten Turnsport neues Leben eingehaucht hat. Die beiden benötigen vermutlich jeder ein halbes Kilo Gel für ihre Haare, bevor der Wettkampf beginnt. Sie treten nicht in eine Turnhalle ein, sondern vermitteln das Gefühl, als würden sie auf eine Party gehen.
Rocken statt turnen aber auf allerhöchstem Niveau. Fabian Hambüchen hat zwar schon eine Biographie geschrieben, in der er erzählt, dass ihn seine Mutter beim Sex mit der Freundin erwischt hat, aber er ist dennoch in seiner Art eher der Turner, wie man sie landläufig kennt. Der fleißige Arbeiter, freilich auch wie die anderen mit großem Talent gesegnet. Aber bei Hambüchen glaubt man auf Anhieb, dass er sich alles erarbeitet hat, bei Nguyen hat man das Gefühl, es geht ihm alles leicht von der Hand. Und so turnt er auch.
Akribischer Arbeiter
Elegant, schön, bissig in Momenten wie am Boden, als er im Mehrkampf der letzte Turner des Wettkampfes war und dann Silber gewann. Eine der wertvollsten Medaillen, die es gibt in dieser Sportart. Selbst wenn es Hambüchen gelänge, Gold am Reck zu holen, würde das nicht an die Strahlkraft der Silbermedeaille von Marcel Nguyen heranreichen. Der gebürtige Münchner (Papa ist aus Vietnam, daher sein Name), gibt der Jugend Impulse, wie wenige das können. Seine Botschaft ist nicht in Sätze gepackt, sondern spricht aus seinem Auftreten.
Seht her, Turnen ist geil. Das ist wie Klettern, wie Bungeespringen oder Extremskifahren. Turnen gibt Dir den gleichen Kick und so schaut Nguyen während eines Wettkampfes auch gar nicht so sehr auf die Wertungen. Er turnt, er beherrscht seinen Körper, er führt ihn, er gibt seiner Muskulatur Signale, die freilich nur umgesetzt werden, weil diese durch ausdauerndes Training dazu in der Lage ist.
Marcel Nguyen ist ein Glücksfall für eine Sportart, die nach Schweiß und Trübsinn riecht. Er ist auch in der Lage, dem Leben die Sonnenseiten abzugewinnen, aber er weiß auch ganz genau, wann er wieder ein wenig den Fuß vom Gaspedals seines schnellen Autos (Traditionsmarke, gebaut in Schwaben) nehmen muss. Er hat Abitur, sieht gut aus, könnte ein Mädchenschwarm sein und ist doch auch ein akribischer Arbeiter, nur versteckt er das sehr gut.
Qualen gehen vorüber
Seine beiden Kollegen auf dem Podium, der Sieger, Kohei Uchimura aus Japan und der Drittplatzierte, Dannel Leyva aus den USA, passten perfekt dazu. Drei junge Sportler, für die der Staub des Magnesiumcarbonats ein Lebenselexier ist. Am Reck wird der Spaßfaktor am deutlichsten. Jedes Flugteil ist ein Kick. Und nach der Landung auf der Matte sehen die Jungs aus, als kämen sie gerade aus einer anderen Welt, was irgendwie ja auch zutrifft, denn diese Welt ist nur sehr wenigen zugänglich.
Marcel Nguyen hat sich den oben erwähnten Spruch quer über seine breite Turnerbrust tätowieren lassen. "Die Qualen gehen vorüber, der Ruhm ist für immer." Da wusste er noch nicht, dass er eines Tages Mehrkampf-Silber bei den Olympischen Spielen gewinnen würde. Jetzt passt er perfekt.
