Ted Ligety nach seiner Fahrt beim Weltcup-Auftakt in Sölden
Da brachte doch Ted Ligety tatsächlich noch einmal die Namen Alberto Tomba und Mike von Grüningen ins Gespräch, zwei ehemalige Größen der Zunft im Riesenslalom. Na ja, er ist ja nicht erst seit ein paar Tagen im Ski-Zirkus dabei. Die beiden werden ihm also ein Begriff sein. Aber der US-Amerikaner wollte keineswegs die alten Zeiten - die natürlich besser waren - aufwärmen. Er wollte nur klarmachen, dass er es nicht besonders einfallsreich findet, dass der Internationale Ski-Verband (FIS) jetzt die Spaßbremse gezogen hat, indem er die Taillierung und die Länge der Ski veränderte.
Die Kurvengeschwindigkeiten sollen dadurch vermindert werden. Wir fahren wieder Esche mit Astloch. Fast so lang wie die Spannbreite des Diskus-Olympiasiegers Robert Harting sind die aktuellen Rennski. Jetzt müssen sie wieder aufs Autodach, wenn kein SUV zur Verfügung steht. Noch vor Jahren konnte man sie quer in den Kofferraum eines Kleinwagens legen.
Der Rückschritt soll ein Forstschritt sein. Aber nicht nur Ligety fürchtete um die Attraktivität seines Sports. Auf geht`s. Möglichst langsam. Und tatsächlich: Der Riesenslalom auf dem Rettenbach-Gletscher in Sölden dauerte fast 15 Sekunden länger als die beiden letzten Rennen aus den Jahren 2009 und 2011. Und sämtliche Stürze verliefen harmlos. Hat sich die Neuerung also jetzt schon bemerkbar gemacht, ja gar zu einer äußerst positiven Bilanz geführt?
Die Industrie könnte profitieren
Eigentlich weiß man nach dem Saisonauftakt der Alpinen auch nicht viel mehr als vorher. Die Wetterverhältnisse waren völlig ungeeignet, auch nur annähernd irgendwelche Rückschlüsse zu ermöglichen, wie die neuen Skilängen beim Athleten ankommen. Klar ist nur eines geworden: Auch wenn die Industrie sich zunächst dagegen gewehrt hat, so wird sie am Ende vielleicht doch noch jubeln, wenn nämlich der geneigte Verbraucher demnächst seine alten kurzen Latten gegen neue umtauscht. Und es besteht - das ist die wichtigste Erkenntnis und die einzige verwertbare zudem - im Grunde wohl kein Problem, auch die zehn Zentimeter längeren Riesenslalomgeräte zu steuern. Frag nach beim größten Kritiker.
Ted Ligety gewann bei der Rückkehr in die Steinzeit mit einem schier absurd großen Vorsprung. Mit seinen 2,75 Sekunden vor dem Italiener Manfred Mölgg führte sich der US-Boy mit dem genialen Skigefühl und der lockeren Zunge selbst ad absurdum. Um das noch deutlicher zu machen: Seit 30 Jahren hat es nie mehr einen so riesigen Vorsprung gegeben. Mit ähnlichem Abstand gewann 1976 Heini Hemmi (Schweiz) am Mt. St Anne (2,76 Sekunden vor Piero Gros). Immerhin bleib Ingemar Stenmarks Rekord aus dem Jahre 1979 unangetastet. Der Schwede siegte damals mit 4,06 Sekunden vor Bojan Krizaj.
Haltet es mit dem Herminator...
Ansonsten aber haben sich die Kritiker der neuen Regeln selbst entschärft. Diejenigen, die schon seit Jahren im Riesenslalom zu den Besten gehören, waren auch diesmal vorne. Große Überraschungen blieben also aus. Die Nagelproben für den neuen Radius ("Der Radius ist ein sich stetig differenzierbarer, monoton gekrümmter Bogen" - FIS-Zirkular an die die Skifirmen vor dem Rennen) werden erst noch kommen, wenn die klassischen Strecken im Terminkalender auftauchen: Alta Badia etwa und Adelboden.
Das werden die Gradmesser für die Veränderungen sein, wobei auch wieder wichtig sein wird, wie die Pistenpräparierung aussieht. Angeblich ist eine weiche Unterlage nicht ideal (na ja, eine Eispiste war Sölden nun auch nicht gerade) aber meist fräst ja doch der Wasserbalken über die Rennstrecken.
Sölden war eine Momentaufnahme, wie immer mehr ein Werbefeldzug für den alpinen Skisport und diesmal auch sportlich gesehen noch nicht die große Vergleichsmöglichkeit. Möglicherweise war der Wirbel auch Teil einer Marketingstrategie. Viel ist jedenfalls nicht passiert, weshalb wir es wohl am besten mit Hermann Maier, der österreichischen Ski-Legende halten sollten, der in seiner typisch knorrigen Art mal gesagt hat: "Ich brauche keine Ski, die um die Kurven gehen, sondern solche, die schnell geradeaus fahren. Um die Kurven bringe ich sie selbst."
Euer Sigi Heinrich
