Natürlich habe ich seinerzeit auch sein Buch gelesen. Die Geschichte, wie er, Lance Armstrong, der erfolgreichste Radrennfahrer aller Zeiten, den Krebs besiegte. Es war ergreifend und berührernd. Lymphknotenmetastasen hatten sich bereits im Bauchraum und in der Lunge gebildet. Dazu kamen zwei Tumore im Gehirn. Ein Hoden musste ihm entfernt werden. Armstrong kämpfte dagegen an, gewann, wurde gesund. Er war ein Held. Keine Frage.
"Das Comeback des Jahrhunderts". Euphorisch wurde seine Rückkehr in den Radsport gefeiert. Er stellte alle in den Schatten. Lance Armstrong gewann siebenmal die Tour de France. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mir auch immer eingeredet habe: Wenn einer eine solche Krankheit übersteht, dann wäre er doch krank, wenn er leistungssteigernde Mittel nähme, die ja auch Krebs auslösen können. Und überhaupt. Nach einem solchen Schicksalsschlag müssten doch Pillen und Spritzen und Ärzte überhaupt ganz, ganz weit weg liegen. Kein Gedanke daran. Falsch gedacht.
Zwischen Doping und Familienidylle
Alles, was wohl geholfen hat, den Mythos Lance Armstrong weiter zu stricken, war immer ganz nahe bei ihm. Doping ohne Gewissensbisse. Längst nachgewiesen und von vielen seiner Kollegen, die jahrelang mit und neben ihm geradelt sind, mittlerweile auch bestätigt. Das tolle Buch, das er geschrieben hat, ist sicher keine Lüge, seine Karriere indes schon.
Möglich wurde der Betrug freilich auch, weil viele, die es wissen mussten, weggeschaut haben. Horrorszenarien tauchen mittlerweile auf. Sogar Hinweise soll es geben, dass er vor Dopingproben von offizieller Stelle gewarnt worden sei. Der Star, den der Radsport so dringend brauchte, wurde wohl geschützt. Manche Proben waren plötzlich nicht mehr verwendbar. Auch das ein Akt mit hoher krimineller Energie. Eigentlich müsste der US-Amerikaner zu Kreuze kriechen und eine Tour des Selbstzerwürfnisses bestreiten mit vielen Entschuldigungen.
Aber das große Herz, das ihm erlaubt hat, überdurchschnittliches zu leisten, ist nur ein Organ. Unrechtsbewusstsein scheint bei ihm, wie übrigens bei all seinen vielen Kollegen, die auch betrogen haben, nicht vorhanden zu sein. Er sei müde, er wolle nicht mehr weitere Gerichtstermine wahrnehmen. Er sei, so Armstrong, der Hetzjagd der amerikanischen Behörden überdrüssig geworden.
Als Mountainbiker tauchte er kürzlich auf, gab flotte Interviews, fuhr danach hinterher und geht jetzt weiter seinen Geschäften nach. Denn das ist ja das zweite Phänomen. Die Gesellschaft sieht in Armstrong weiter in erster Linie den Mann, der den Krebs bezwang. Er gibt den rührenden Familienvater. Alles ist wieder im Lot, auch wenn es geheißen hat, er sei nach seiner Therapie unfruchtbar. Mit seiner derzeitigen Ehefrau hat er zwei gesunde Kinder auf natürlichem Weg gezeugt. Das ist schön für ihn, und er zeigt seine Familienidylle auch gerne vor, weil, das ist ja auch wieder gut fürs Business.
Taugt nicht zum Vorbild
Die Kette der Beweise, der Indizien und Beschuldigungen ist zuletzt immer größer und wohl erdrückender geworden. Vermutlich wird ihm ja nur ein Tour-Sieg aberkannt, wenn überhaupt, denn für die anderen ist die Verjährungsfrist schon aktuell. Die anderen Stars aus dem Peleton wären auch nicht unbedingt geeignet, die Siegerlisten zu aktualisieren. Das ist keiner dabei, der knapp hinter Armstrong landete, der nicht auch zu unerlaubten Mitteln gegriffen hat. Nachgewiesenermaßen, aber natürlich nie zugegebenweise.
Armstrongs Buch über die Tour seines Lebens habe ich mir am Wochenende noch einmal in Auszügen durchgelesen. Schade, dass er trotzdem nicht zum Vorbild taugt, ja dass er sogar als abschreckendes Beispiel gelten muss für eine Karriere, die wohl nur in wenigen Augenblicken reinen Herzens war.
Sigi Heinrich
