Wissen wir, was die Zukunft bringt? Natürlich nicht. Aber wir können uns mit der Gegenwart beschäftigen und so vielleicht herausfiltern, welche Optionen denn möglich sein könnten. Was kommt auf uns zu? Sehen wir schon neue Superstars oder Mannschaften, die über Jahre den Rhythmus bestimmen werden? Spanien ist Weltmeister und Europameister. Das ist nicht neu aber Spanien ist jetzt auch Europameister in der U19 Altersklasse. Im Fußball. Das muss jetzt nicht zwangsläufig dazu führen, dass wir nur noch Spanien vorne sehen werden. Aber die Art und Weise, wie die jungen Spanier spielten, erinnerte doch stark an das Team, das in der Ukraine die Italiener vorführte. Es kommt ein starke Generation nach. Erinnern wir uns.
Auch viele der aktuellen deutschen Nationalspieler waren im Nachwuchsbereich tonangebend, haben Titel gewonnen und sich dann weiter durchgesetzt. Nicht alle, das ist klar und das wird immer so sein. Wenn der Schwung und die Unbekümmertheit der Jugend langsam verfliegt und der berühmte Ernst des Lebens beginnt, dann stagnieren oft auch die sportlichen Leistungen, weshalb es wirklich schwer ist, jetzt zu prognostizieren, wer sich von jungen Athleten später behaupten wird.
Ich habe jetzt eine Woche lang mit meinem Kollegen Dirk Thiele die U20 Weltmeisterschaften der Leichtathletik beobachtet. Ein erstes Fazit fällt positiv aus. Grundsätzlich muss man sich keine Sorgen machen, was diese Sportart betrifft. Es scheint nach wie vor so zu sein, dass auf dem Erdball gelaufen, gesprungen und auch geworfen wird. Alle Disziplinen waren so reichlich besetzt, dass erst einmal Qualifikationen absolviert werden mussten. Wie bei den Großen. Ohne Unterschied. Und um es vorweg zu nehmen: Es machte ungeheuer viel Spaß, den Talenten auf die Finger zu schauen. So ein klein wenig wissen wir nämlich jetzt schon, was die Zukunft bringen wird, denn es wird ja kaum passieren, dass alle, die in Barcelona jetzt schon überzeugten, in einigen Jahren in den Seilen hängen bleiben.
Das kann sich sehen lassen
Es gab ja kaum eine Disziplin, in der nicht neue Bestleistungen aufgestellt wurden. Und es gab Wettbewerbe, die jedem großen Meeting zur Ehre gereicht hätten, wie etwa die 3000 Meter Hindernis mit einer Siegerzeit von 8:06,10 Minuten. Ein Wahnsinn für einen 18jährigen und es war zu sehen, dass da noch mehr möglich ist. Natürlich kommt Kiprutu aus Kenia. Von ebensolcher Güteklasse waren die 800 Meter, die Amos aus Botswana in 1:43,76 Minuten gewann. Mit einer solchen Zeit kann man in London eine Medaille gewinnen und Amos gehört zu den wenigen Junioren, die bei den Olympischen Spielen an den Start gehen können.
Auffallend war in diesem Zusammenhang, dass in den Disziplinen, in denen die verschiedenen Nationen im Seniorenbereich tonangebend sind, auch der Nachwuchs mit geballter Kraft erste Zeichen setzt. Ostafrika dominierte im Mittel-und Langstreckenbereich. Die Junioren aus den USA und der Karibik drückten in den Sprints dieser U20-WM den Stempel auf. Mit einer allerdings gewaltigen Ausnahme. Die 100 Meter gewann ein Brite, der erst seit Januar dieses Jahres als Leichtathlet gezählt werden kann, denn vorher spielte er Fußball. Adam Gemili, 18 Jahre alt, siegte in 10.05 Sekunden. Nie lief ein Junior bei solchen Titelkämpfen so schnell. Und nein, auch Usain Bolt nicht. Dem Jamaikaner gehört zwar die beste Juniorenzeit über 200 Meter aber eben nicht über die kurze Distanz. Und da waren auch nur sechs im gleichen Alter schneller als Gemili. Übrigens auch der Franzose Christoph Lemaitre mit 10.04 Sekunden, der diese Zeit vor drei Jahren bei den Junioren-Europameisterschaften in Novi Sad lief und der es schaffte, sein Talent aus dem Nachwuchs-Bereich herauszubringen.
Denn das ist die große, die ganz große Kunst. Nur allzu schnell verglühen hoffnungsvolle Sterne, was eben auch damit zu tun hat, dass mit dem Wechsel in den Seniorenbereich auch die berufliche Ausbildung einhergeht. Nur den wenigsten wird die Möglichkeit eingeräumt, sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren zu können.
Das kann sich kein Athlet leisten
Die Leichtathletik ist schon lange zu einer Randsportart geschrumpft. Folglich sind Sponsoren rar. Sich nur auf die schnellen Beine zu konzentrieren oder auf weite Sprünge: Das kann sich kein junger Athlet leisten, ja es wäre sogar grob fahrlässig. Und so kommt den Vereinen und den vielen zum Teil ehrenamtlichen Trainern — nur wenige bekommen eine wirklich angemessene Vergütung — die ganz große Verantwortung zu. Weshalb ich es gerade bei solchen U20-Meisterschaft für unerlässlich halte, dass die verschiedenen Verbände diese Trainer dann auf Verbandskosten mitreisen lassen.
Diese sehr wichtige Beziehung zwischen Athlet und Betreuer war in Barcelona in allen Disziplinen zu sehen. Der erste Weg nach einem Sieg oder einer Enttäuschung führte immer direkt zu den Heimtrainern.
Es war eine gute Talentschau in einem stilvollen Ambiente. Viele der jungen Teilnehmer empfanden es als große Motivation und auch als große Ehre, im Olympiastadion von Barcelona antreten zu dürfen. Einige können direkt nach London gehen, mehrere freilich haben als Ziel schon Rio de Janeiro angegeben. Für die meisten nämlich waren dies die letzten U20-Weltmeisterschaften. In zwei Jahren sind sie schon zu alt.
Euer Sigi Heinrich
PS: Kennt Ihr eigentlich dieses Video schon?
Sigi & Dirk auf dem Weg nach London: 100 Meter Lauf
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