FIA-Boss Bernie Ecclestone mit Bahrains Kronprinz Shaikh Salman bin Isa Hamad Al Khal …Böse Formel 1. Jetzt sind sie also doch gefahren. Einer hat wie immer gewonnen und nur in sehr, sehr kurzen Beiträgen haben sich Fahrer oder Funktionäre über die Tatsache ausgelassen, dass ihnen sehr wohl die Probleme in Bahrain bewusst waren. Müssen wir also jetzt alle über diesen Motorzirkus herfallen? Hätten sie streiken sollen? Für wen, für was und gegen wen und was hätte es den protestierenden Bürgern geholfen bei ihrem Versuch, mehr Demokratie in ihrem Land zu gewinnen, wenn die Boliden stehen geblieben wären?
Bernie Ecclestone und sein von ihm durchaus sehr bestimmend geführtes Unternehmen haben nichts getan, was andere vor ihnen nicht auch schon getan haben und immer wieder tun werden. Schlicht und einfach. Immer und immer wieder sind Sportorganisationen auf Staaten hereingefallen, die sich werbewirksame und große internationale Veranstaltungen ausgesucht haben, um die Kraft und die Macht ihres Systems zu demonstrieren. Das begann mit den Olympischen Spielen in Berlin und setzte sich schier ohne Unterlass fort.
War zum Beispiel irgendein großer, nachhaltiger Aufschrei zu vernehmen, als Atlanta die Olympischen Spiele für 1996 zugesprochen bekam? Da wurde höchstens lamentiert, dass aus historischen Gründen eigentlich Athen hätte gewählt werden müssen. In den USA wird die Todesstrafe noch immer verstreckt. Ein Land, das sich derart mittelalterlicher und verwerflicher Strafen bedient, dürfte eigentlich gar nicht auf der Bewerberliste auftauchen — wenn denn der Sport, in diesem Fall das IOC, nachhaltig auch die Welt verbessern will.
Wegschauen ist (k)eine Stärke
Man sieht sich in Lausanne ja gerne als Weltmacht mit besonderem Status, als große Kraft ähnlich einer Friedensbewegung. Ausgerechnet der im diktatorischen Franco-Regime zu Ämtern gekommene ehemalige Präsident Juan Antonio Samaranch hat ja zeitlebens davon geträumt, den Friedensnobelpreis zu erhalten. Wohl auch, weil er es 1980 in Seoul geschafft hat, dass der Norden und der Süden Koreas gemeinsam einmarschierter. Dass Nordkorea schon damals wie heute die Menschen im Lande unter grausamen Bedingungen führt, wurde stillschweigend hingenommen.
Peking war der nächste Fehltritt. In China wie freilich auch in fast allen Regionen, die Olympische Spiele ausrichten, wurde mit rigoroser Brutalität der Besitz Einzelner mit Baggern überrollt. Wortwörtlich. Und dass China nach wie vor die Menschen unterjocht und demokratische Strukturen nicht zulässt, dass auch die Todesstrafe so häufig wie in keinem anderen Staat der Welt vollstreckt wird, negierte die olympische Bewegung einfach. Wegschauen ist eine der großen Stärken internationaler Verbände. Wie sonst hätte es passieren können, dass der Internationale Eishockey-Verband vor einigen Wochen die Weltmeisterschaft nach Weissrussland vergeben konnte. In ein Land, dass Oppositionelle zu Tausenden einsperrt und das von einem Diktator regiert wird, der daraus im Übrigen auch gar kein Hehl macht.
So hat im Grunde die Formel 1, die ja im letzten Jahr nicht in Bahrein gestartet war (aber da gab es bei den Ausschreitungen mehr Tote, diesmal "nur" einen und außerdem hatte man Angst um die eigene Sicherheit, diesmal schützten Panzer die Boliden und ihre Fahrer) in diesem Jahr eben wirklich nur das getan, was alle anderen Verbände und Institutionen auch immer tun: Sich am eigenen Produkt erfreuen, egal wo dieses zur Schau gestellt wird. Eine Insel der Glückseligkeit in einem Meer aus Blut.
Dabei hätte der Sport in der Tat die Möglichkeiten, tatsächlich politisch Einfluss zu nehmen. Würde man es nämlich schaffen, klare Kriterien aufzustellen, die bei der Vergabe von großen Wettkämpfen deutlich machen, dass die Freiheit und Würde des Einzelnen in den Bewerberländern eine unabdingbare Voraussetzung darstellen, dann würde vielleicht so manche Veränderung vielleicht möglich sein. Gewiss: Der Kreis der Kandidaten würde sich verkleinern, drastisch wahrscheinlich. Geldquellen würden damit nicht mehr im gewohnten Maße sprudeln aber der Sport hätte eine noch viel größere Vorbildwirkung und eine ungeheuer große moralische Identität.
Aber es steht zu befürchten, dass dies alles doch ein Tagtraum bleiben wird. Zu sehr erliegt auch der einzelne Funktionär den Verlockungen der vielen Bewerber (das muss nicht immer materialistisch gemeint sein) und zu umfangreich und für Außenstehende wohl nicht erkennbar sind die Verflechtungen in den verschiedenen Gremien. Die Netzwerke haben allemal noch gehalten. Und das wird wohl auch in Zukunft so sein. Bahrein ist überall.
Herzlichst,
Euer Sigi Heinrich
