WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Sigi Heinrich

    Aufatmen im Schwitzkasten der Erwartungen

    Es ist immer und immer wieder ein faszinierendes Schauspiel, dem wir uns nie entziehen können, weil es Geschehnisse betrifft, die schlicht außerhalb unserer Reichweite liegen. Welcher Trainer springt in den verschiedenen Fußball-Ligen als erster über die Klinge? Nach nur wenigen Spieltagen taucht diese Frage automatisch auf. Jahr für Jahr.

    Ich gebe zu, es ist mitunter auch eine gehörige Portion Schadenfreude dabei, wenn sich die Millionäre auf dem Trainerstuhl im Schwitzkasten der Erwartungen drehen und wenden und angstvoll dem nächsten Pass ihrer Kicker entgegensehen. Druck wird aufgebaut. So heißt das wohl, wenn man in Hamburg sagt, dass nur noch bis Weihnachten schützende Hände bereit stehen.

    Wenn danach die Situation nicht drastisch besser wird, dann hat sich das Abenteuer Thorsten Fink und Bundesliga erledigt. So in etwa hat man dem HSV-Coach das wohl ohne Umschweife mitgeteilt. Und siehe da: Ausgerechnet mit dem Meister könnte die Wende eingeleitet worden sein. Die Angsthasen mutierten zu tapferen Streitern - und Fink, bis dahin ein Trainer ohne Fortune, steht nach nur einem Spiel wieder entschiedener auf der Sonnenseite des Lebens, weil Geld alleine macht ohne vernünftigen Beschäftigungsnachweis halt auch keinen Spaß.

    Doppelbelastung schwächt das Kerngeschäft

    Zumindest ist es angenehm, wenn der Tagesablauf geplant werden kann. Zunächst also weiter in Hamburg, wobei erstaunlicherweise der Sportchef der Hanseaten nie so recht in der Kritik war. Aber das ist ja sowieso ein Kapitel für sich. In Hoffenheim hatte ja Markus Babbel neben dem Trainerjob auch noch gleich den eines Managers an sich gerissen, um letztlich ziemlich kleinlaut zugeben zu müssen, dass mit der Doppelbelastung das eigentliche Kerngeschäft, die Ausbildung und Betreuung der Mannschaft, nicht mehr im gewünschten Maße möglich war.

    Das war im Grunde sehr schlau von Babbel und siehe da: Auch seine Jungs lebten plötzlich wieder auf und der neue Manager konnte gleich mal einen perfekten Einstand feiern. Wenn die Hoffenheimer alles richtig gemacht haben, ist der Kostennutzenfaktor dabei perfekt. Babbel leitet sein Managergehalt einfach an Müller um, der künftig managt und Babbel bekommt nur noch ein Trainergehalt, das ihm sicher auch noch jeden Abend eine warme Mahlzeit garantiert.

    Es ist ein weites Feld an Vermutungen, das die beiden ja noch relativ jungen Trainern in Lohn und Brot hält. Sind sie bloß die Glückspilze des letzten Spieltages? Oder haben sich gar längst akribisch vorbereitete taktische Gundmuster jetzt doch endlich bewährt? Am Ende schwächelte der Gegner und der Teilerfolg war nur eine Momentaufnahme und beide Trainer wissen trotz der Siege noch immer nicht, wo sie eigentlich stehen?

    Gesamtkunstwerk FC Bayern München

    Ist alles irgendwie möglich, denn der Sport bleibt ein irrationales Gefüge, das letztlich nicht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden kann. Könnte man nämlich nur die Fakten aneinanderreihen, ja dann hätte der FC Bayern das Finale der Champions League im heimischen Stadion nie verlieren dürfen. Hat er aber, was letztlich sicher auch dazu beigetragen hat, dass die Münchner ganz ungewohnt ihr Festgeldkonto erheblich erleichterten, wobei nicht nur Spieler verpflichtet wurden.

    Es dürfte wohl auch klar sein, dass der neue Sportdirektor Matthias Sammer in einer anderen finanziellen Liga spielt als sein geschasster Vorgänger Christian Nerlinger. Aber siehe auch hier. Der beste Saisonstart, obwohl doch viele meinten, dass die neue Konstellation in München mit Heynckes und Sammer soviel Konfliktpotential besitzt, dass alleine dieses ausreicht, um daraus täglich eine Meldung zu schnitzen. Doch die vielen Punkte verhindern schon im Ansatz mögliche Risse im Gesamtkunstwerk FC Bayern München, das auch in diesem Jahr nicht mit Gewalt umgestaltet wurde, sondern eben nur punktuell die vermeintlichen Schwachstellen mit neuem Personal belegte.

    Dortmund machte dies ähnlich und ist punkto Kontinuität trotz der jüngsten Niederlage nahe an den Münchnern dran. Der momentan wohl größte Verlierer sitzt in Wolfsburg, wo zwar die gesamte Flotte ein durchgängiges Profil erhalten hat - mit einem augenfällig sich bei allen Modellen wiederholenden Kühlgrill - wo aber die Fußballabteilung meilenweit davon entfernt ist, auch nur annähernd positive Signale auszusenden.

    Und man kommt dennoch nicht umhin, Felix Magath zu bewundern. Er scheint es ja geschafft zu haben, sämtliche Entscheidungsträger im Konzern davon zu überzeugen, dass ein wirres Personalkarussell auch eine Art der Fortbewegung darstellt. Wenn man so will, könnte man auch sagen, er hat Narrenfreiheit und ist wohl nur sich selbst Rechenschaft schuldig. In jeder anderen Abteilung wäre Magath wohl schon eine Luftveränderung in Aussicht gestellt worden. Aber auch in Wolfsburg wird man sich halt sagen, dass  Sport eben nicht bis in den letzten Winkel planbar ist.

    Und Hand aufs Herz: Es ist ja genau die Summe der Unwägbarkeiten, die uns dann immer und immer wieder aufs Neue fasziniert.

    Sportliche Grüße,

    Euer Sigi Heinrich

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