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    Rolf Kalb

    Das schmerzt, Judd

    Aua. Das tut weh. Eine bitterere Niederlage als die von Judd Trump im Finale des Shanghai Masters gegen John Higgins kann man sich kaum vorstellen. Eine 7:2-Führung verspielt man nicht alle Tage. Sich von einem solchen Schock zu erholen kann lange dauern. Es gibt Spieler, die haben Jahre gebraucht, um über solche Niederlagen hinwegzukommen. Oder zum Beispiel Mark Williams: Nachdem der im Vorjahr im Shanghai-Finale (wie auch schon zuvor in Australien) eine Führung verspielt und verloren hatte, da war es um seine Form auch erst einmal geschehen.

    Judd Trump hat aber auch in Shanghai und vor allem dort im Finale wieder einmal bewiesen, dass er eine ungeheure Bereicherung für Snooker ist, wenn seine Form stimmt. Ihm ist nur zu wünschen, dass er schnell über diese Niederlage hinwegkommt. Er hat ja auch viel Positives mitzunehmen aus China. Wie er im Halbfinale gespielt hat, wie er die erste Session des Finales komplett dominiert hat, das war ganz großes Kino. Mit seinem lockeren Naturell und seiner entspannten Lebenseinstellung bringt Trump aber beste Voraussetzungen mit, um sich von dieser Enttäuschung nicht unterkriegen zu lassen. John Higgins hat es nach seinem Sieg auf den Punkt gebracht: „Judd wird solche Niederlagen in seiner Karriere erleiden, wie wir alle, und er wird Titel gewinnen. Nach so einer Erfahrung gestärkt zurückzukommen ist es, was einen großen Champion ausmacht."

    Aber was ist passiert, dass er so aus der Spur kam? Natürlich hat John Higgins einen Traumstart in die zweite Session hingelegt. Der erste Frame war schon wegweisend. Wäre es da etwas hin und her gegangen, dann hätte Higgins niemals diesen Schwung entwickelt und die Sicherheit, die er für seine Aufholjagd im Sturm brauchte. Es sind oft die Kleinigkeiten, die ein Snooker-Match kippen lassen. Dann hat Judd Trump natürlich den Druck gespürt und die Selbstverständlichkeit, mit der er in der ersten Session gespielt hat, war wie weggeblasen. Dann stimmen die Feinheiten nicht mehr, dann hat man nicht mehr den Lauf der Bälle, und dann flammt plötzlich irgendwo im Hinterkopf der Zweifel auf. Vielleicht fehlt ihm da auch mit seinen erst 23 Jahren noch ein bisschen die Erfahrung. Die mentale Stärke hat dieses Finale entschieden.

    Kompliment aber auch an John Higgins. In Sachen Willenskraft, Entschlossenheit und Biss macht dem niemand etwas vor. Natürlich wäre diese Aufholjagd ohne seinen Traumstart in die zweite Session nicht möglich gewesen, aber man hat von Anfang an gemerkt, dass er noch was reißen will. Mental hatte er sich optimal auf die Situation eingestellt; da half ihm natürlich seine Erfahrung aus Jahrzehnten an der Weltspitze. Als es dann  eng wurde, da konnte er zudem auch seine Klasse als Allrounder optimal einsetzen; auch das war dann ein entscheidender Vorteil für den Schotten.

    So bitter der Tag für Judd Trump auch endete: Er hat genauso wie John Higgins dazu beigetragen, dass das wirklich ein großes Finale war. Nicht jedes Endspiel kann solche Klasse und Rasse haben. Aber das Shanghai-Finale hat mal wieder vor Augen geführt, was für ein faszinierender Sport doch Snooker ist. Und was fü große Spielerpersönlichkeiten dieser Sport hat.

    Herzliche Grüße
    Ihr / Euer Rolf Kalb

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