Die Chancen einer Reihe von Spielern bei der WM hatte ich ja schon im ersten Teil meiner Vorschau bewertet, ihre Stärken und Schwächen abgewogen. Aber das waren natürlich bei weitem noch nicht alle, die man im Auge behalten sollte. Mit einem Weltmeister Shaun Murphy hätte man 2005 schließlich ebenso wenig gerechnet wie mit Graeme Dott im Jahr darauf. Und Neil Robertson ist 2010 nun auch nicht unbedingt als großer Favorit ins Rennen gegangen. Hier also Teil zwei meiner Vorschau, in dem ich mir einige weitere Spieler vornehme:
Stephen Lee: Der geht seinen Job in Sheffield locker an, und das macht ihn stark. Lee hat in dieser Saison alle seine Ziele bereits erreicht und seine eigenen Erwartungen mehr als erfüllt. Er wird also ziemlich wenig Druck empfinden. Bei Ranglisten-Turnieren in diesem Jahr war sein schlechtestes (!) Ergebnis das Viertelfinale bei den Welsh Open. So jemanden muss man im Auge haben.
Graeme Dott: Der „Pocket Dynamo lässt in dieser Saison etwas die Konstanz vermissen. Und es ist vor allem Konstanz, die man braucht, um den 17-Tage-Marathon namens WM erfolgreich zu überstehen. Aber in den letzten Jahren war er in Sheffield eigentlich immer stark, und drei Mal stand er ja auch bereits im WM-Finale. Warum also nicht ein viertes Mal? Zudem hat er sein Queue etwas verändert - das kann Segen oder auch Fluch sein.
Ding Junhui: Im Vorjahr stand der Chinese zum ersten Mal im WM-Halbfinale und war da total platt. Aber daraus hat er gelernt; das passiert ihm nicht noch einmal. Und so hat er denn auch schon angekündigt, in diesem Jahr den nächsten Schritt schaffen zu wollen. Nach seinem Sieg bei den Welsh Open ist auch der Druck für ihn geringer geworden. Auch jemand also, den man unbedingt im Auge haben muss.
Mark Allen: Zwei Mal Viertelfinale, einmal gar Halbfinale bei den letzten drei Weltmeisterschaften — das ist eine exzellente Bilanz. Bei den World Open hat er auch endlich das Siegen gelernt. Dass er zuletzt in Peking eine Erstrunden-Niederlage kassiert hat muss kein Nachteil sein. Beim Nordiren ist alles möglich: ein schnelles Aus oder aber auch der ganz große Wurf.
Stephen Hendry: Zum 27. Mal in Folge ist er bei der WM dabei, sieben Mal hat er triumphiert. Hendry ist der Mister Crucible schlechthin. Aber auch wenn er noch immer besser ist als die meisten, die in der Rangliste hinter ihm stehen, so fehlt ihm doch die Konstanz, um auch die ganz Großen schlagen zu können. Gerade bei den langen WM-Distanzen kann das nicht reichen.
Peter Ebdon: Nachdem er den größten Teil der Saison in der Versenkung verbracht hat gelang ihm in Peking aus dem Nichts der große Wurf. Bei der WM habe ich ihn aber nicht auf der Liste der Favoriten. Nach einem Titelgewinn hat Ebdon oft Schwierigkeiten, und zuletzt ist es 1998 einem Spieler gelungen, das letzte Turnier vor der WM und dann auch den Titel im Crucible zu gewinnen (John Higgins).
Luca Brecel: Der junge Belgier ist natürlich kein Titelkandidat. Ganz im Gegenteil: Um seinen Platz auf der Tour zu verteidigen müsste er wohl das Halbfinale in Sheffield erreichen. Aber er hat sich endlich mal freigeschwommen und gezeigt, was er kann. Er bricht den Rekord von Stephen Hendry als jüngster WM-Teilnehmer und ist erst der fünfte 17-Jährige, der im Crucible-Theatre antritt (nach Stephen Hendry, Ronnie O'Sullivan, Judd Trump und Liu Chuang).
Nun aber genug der Spekulationen. Ab morgen sprechen die harten Fakten, wenn John Higgins und Liang Wenbo die Weltmeisterschaft 2012 eröffnen. Während die 32 Spieler übrigens noch träumen, hoffen und bangen, hat eine alle ihre Ziele bereits erreicht: Michaela Tabb wird am 6. und 7. Mai das Finale als Schiedsrichterin leiten — bereits zum zweiten Mal nach 2009 und weiterhin als einzige Frau. Für die Schottin ist das die verdiente Anerkennung ihrer tadellosen Leistung über viele Jahre hinweg. Glückwunsch Michaela!
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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