John Higgins: Mit einem Lächeln zur Titelverteidigung?Keine Angst: Ich versuche erst gar nicht, den neuen Weltmeister zu tippen. Erstens liege ich damit sowieso immer daneben und zweitens wäre das unfair gegenüber dem Spieler, auf den ich setze; der hätte dann ja keine Chance mehr …. Neun sogenannte Major Events haben wir bisher in dieser Saison gehabt (einschließlich Masters) und neun unterschiedliche Sieger. Das zeigt eindrucksvoll, dass Voraussagen noch nicht einmal Kaffeesatzleserei sein können. Aber das unterstreicht auch, welche Breite die Spitze im Snooker in der Zwischenzeit gewonnen hat — gut so. Es gibt viele Spieler, die sich Chancen ausrechnen können, und viele werden insgeheim nicht nur vom ganz großen Triumph träumen. Ich will hier einmal bei einigen Spielern das Für und Wider abwägen:
John Higgins: Der Titelverteidiger ist weit von der Vorjahresform entfernt. Für seine Verhältnisse war die Saison bisher sehr durchwachsen. Er zollt noch immer den Anstrengungen in der zweiten Hälfte der letzten Saison Tribut. In dieser Form ist er sicher kein WM-Favorit, aber wenn jemand sich durchbeißen und im Turnierverlauf über sich hinauswachsen kann, dann ist das John Higgins.
Judd Trump: Der Vorjahresfinalist hat zwar spüren müssen, dass er nun zu den Gejagten gehört, aber er hat dem Druck standgehalten. Für ihn ist in diesem Jahr nichts mehr neu; auch die Atmosphäre im Crucible Theatre mit nur noch einem Tisch kennt er schon. Wie es sich anfühlt, wenn man einen der großen Titel holt, weiß er seit seinem Triumph bei der UK Championship auch. Kurz: Einer, den man auf der Rechnung haben muss — aber auch einer, der früh scheitern kann.
Mark Selby: Die Nummer Eins in der Rangliste wird man nicht durch Zufall. Der Mann aus Leicester spielt eine ungeheuer konstante Saison. Allerdings scheint er seit seinem Sieg beim Shanghai Masters gerade in den entscheidenden Turnierphasen etwas zu schwächeln. Zudem weiß wohl noch nicht einmal er selber, ob die Nackenverletzung, die ihn in China zur Aufgabe gezwungen hat, wirklich ausgeheilt ist. Auch sein Trainingsrückstand durch die Verletzung ist eine Belastung für ihn. Hält der Nacken, dann ist alles möglich. Die Unsicherheit bleibt.
Ronnie O'Sullivan: Er ist nicht nur das Supertalent des Snooker, sondern auch das Überraschungsei des Snooker. Bei ihm weiß man heute nicht, was einen morgen erwartet. Vom spielerischen Potential her ist er ganz klar ein Titelkandidat, und sein Sieg in Berlin hat gezeigt, wozu er in der Lage ist — den Willen dazu vorausgesetzt. Allerdings hat er in dieser Saison deutlich weniger Matchpraxis gehabt als viele seiner Konkurrenten und auch die lange Dauer der WM könnte ihm zu schaffen machen.
Neil Robertson: Abgesehen von einer kleinen Schwächephase im Februar hat er eine beeindruckende Saison gespielt. Hightlight war natürlich sein Triumph beim Masters. Auch die WM hat er sich offensichtlich viel vorgenommen, und wie man Weltmeister wird weiß er spätestens seit 2010. Für mich ist der Australier ein heißer Kandidat. Gut möglich, dass er am 7. Mai den WM-Pokal zum zweiten Mal in Händen hält.
Mark Williams: Der Waliser ist bärenstark in die Saison gestartet, aber seine beiden unglücklichen Finalniederlagen in Bendigo und Shanghai scheinen ihn viel Selbstvertrauen gekostet zu haben. Seitdem ist er eher ein Wackelkandidat. Sein Naturell allerdings hilft ihm, relativ unbelastet in die WM zu gehen, und das kann sich als wertvoll erweisen. So hat er nämlich die Chance, über die 17 Tage zu wachsen.
Shaun Murphy: Eine Saison mit Licht und Schatten war es bisher für den Weltmeister von 2005. Bei den Top-Turnieren meist sehr stark riss er bei den PTC-Events meist niemanden vom Hocker. In Peking gab es dann für ihn die bisher einzige Erstrunden-Niederlage in dieser Saison. Aber er hat einen ungeheuren Willen, und so kann ihn diese Niederlage am Ende bei der WM stärker machen. Er hat durchaus Chancen.
Stephen Maguire: Der Schotte ist zwar mit Problemen in die Saison gestartet, hat zuletzt aber seine gute und konstante Form bewiesen. Spielerisch ganz klar ein Titelkandidat. Allerdings wird für ihn der Druck immer größer, endlich mal wieder seine Sammlung an Pokalen aufzustocken. Das war in den Endspielen in Berlin und in Peking unübersehbar. Einen solchen Final-Fluch ausgerechnet bei der WM zu überwinden ist eine schwere Aufgabe.
Das sind natürlich bei weitem noch nicht alle, die man auf der Rechnung haben muss. In Teil II werde ich daher noch weitere Spieler betrachten. Entscheidend ist schließlich (in Abwandlung eines alten Fußball-Spruches) aufm Tisch.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
